MeinungEingriffe der US-Regierung in die Finanzmärkte häufen sich. Die Wirkung der Massnahmen ist jedoch weder am Bondmarkt noch beim Wechselkurs des Dollars zum Yen nachhaltig. Es werden bloss Symptome eines grösseren Problems bekämpft.Marc Chandler25.08.2026, 04.37 UhrDie Aktion erfolgte nicht ganz unerwartet, überraschte aber dennoch: Ende Juli hat die Bank of Japan erneut an den Devisenmärkten interveniert. Ersten Angaben zufolge belief sich das Volumen auf rund 8,45 Bio. Yen, was zu diesem Zeitpunkt knapp 53 Mrd. $ entsprach. Der Eingriff erfolgte vor dem Hintergrund, dass sich der Wechselkurs 164 Yen pro Dollar näherte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die USA beteiligten sich an der Intervention. Diese glich dem Schema, das bereits im Januar zu beobachten war. Damals hiess es, das Federal Reserve haben den Wechselkurs des Währungspaars «überprüft»; eigentlich eine Routineangelegenheit. Ungewöhnlich war daran jedoch, dass das Fed im Auftrag des US-Finanzministeriums handelte.Bei der jüngsten Intervention zur Stützung des Yens griff das Finanzministerium erst einige Stunden nach der Bank of Japan ein. Bemerkenswert ist aber vor allem, dass es anstatt Dollar zu verkaufen, Euro veräusserte, um damit Yen zu kaufen. Es griff dafür auf seinen Fonds zur Stabilisierung von Wechselkursen zurück (Exchange Stabilization Fund), der Reserven in Euro, Yen und Dollar hält.Das US-Finanzministerium gab keine offizielle Erklärung ab, weshalb es Euro statt Dollar verkaufte. Gemäss Medienberichten wurden europäische Regierungsvertreter auch erst nach Abschluss der Aktion informiert. Die gängige Theorie lautet, dass das Finanzministerium an den Märkten nicht den Eindruck erwecken will, es verkaufe Dollar.Widersprüchliche Begründungen aus WashingtonIn der Vergangenheit fungierte das Federal Reserve nicht nur als Beauftragter des US-Finanzministeriums, sondern griff auch auf eigene Initiative über sein SOMA-Konto (System Open Market Account) in die Devisenmärkte ein. Zudem hält es Devisen (Euro und Yen) sowie in Dollar denominierte Wertschriften. Wie es scheint, hat das Fed dieses Mal aber nicht mit eigenen Mitteln interveniert.Die Verantwortlichen im Finanzministerium begründeten die ungewöhnliche Massnahme zur Stützung des Yen mit erhöhten Schwankungen des Wechselkurses zum Dollar. Diese Erklärung hält einer genaueren Betrachtung allerdings nicht stand.Die implizite Volatilität des Währungspaars lag in den drei Monaten vor der Intervention bei knapp 6% und damit fast auf dem tiefsten Niveau seit März 2022. Nach der Intervention stieg sie sprunghaft auf über 10% an, auf den höchsten Stand seit Ende März 2026. Wie es offiziell hiess, sei der Eingriff unternommen worden, um die Märkte zu beruhigen. Doch der markante Anstieg der Volatilität bewirkte unmittelbar das Gegenteil.Dieses Verhaltensmuster der US-Regierung ist inzwischen bekannt. Auch ihre Rechtfertigung für den Krieg gegen Iran änderte sich in den vergangenen Monaten immer wieder, da jede ursprüngliche Begründung der Realität nicht standhielt.Obwohl eine Erklärung aus Washington der nächsten folgte, bleibt der Erfolg des Angriffs auf das Regime in Teheran bis heute schwer fassbar. Die Meerenge von Hormuz war vor dem Krieg für den Schiffsverkehr offen, doch dann wurde uns gesagt, ihre Öffnung sei das Ziel des Kriegs.Schwäche des Yens ist kein SonderfallInterventionen an den Devisenmärkten haben einen geringeren Stellenwert als ein Krieg. Die Tendenz, dass sich die Gründe für Aktionen der US-Regierung im Nachhinein vermehren und verändern, ist in beiden Beispielen jedoch ähnlich.Wie erwähnt wurde für die Intervention des Finanzministeriums von Ende Juli zunächst die Absicht angeführt, die Volatilität des Wechselkurses zwischen Yen und Dollar zu dämpfen. Diese Begründung passt jedoch nicht zu den Daten.Der Markt spekuliert deshalb, dass die USA mit der Beteiligung an den Stützungsmassnahmen darauf abgezielt haben, Japans Verkauf von US-Staatsanleihen zu begrenzen. Andere Beobachter weisen auf mögliche Bedenken hinsichtlich der Liquidität amerikanischer Banken hin.Skeptisch stimmt ebenso, dass die Schwäche des Yens im Vergleich mit anderen asiatischen Währungen nicht wirklich ein Sonderfall ist. Im Verlauf des Jahres bis Ende Juli hatte der Yen gegenüber dem Dollar knapp 4,8% an Wert verloren, was man kaum als aussergewöhnlich bezeichnen kann.Behauptungen, es handle sich um eine «einzigartig schwache Währung», wurden in Washington monatelang auch für den Yuan angeführt. Mit einem Anstieg gegenüber dem Dollar bis Ende Juli von 3,5% verbuchte Chinas Währung jedoch die beste Performance in Asien. Auch hielt sich der Yuan besser als jede andere G10-Währungen mit Ausnahme der norwegischen Krone, die aufgrund des Ölpreises um fast 5,8% zulegte, und des australischen Dollars, der nach drei Zinserhöhungen in diesem Jahr um fast 5,3% stieg.Zinsdifferenzen bewegen den WechselkursWas also auch immer dem Yen zu schaffen macht, ist offensichtlich nicht nur ein Yen-spezifisches Problem. Das gängige Narrativ erklärt seine Schwäche mit dem zögerlichen Vorgehen der Bank of Japan bei Zinserhöhungen und mit Japans hoher Staatsverschuldung.Beide Begründungen widersprechen jedoch einer genauen Prüfung der Daten. Trotz der angeblichen Bedenken hinsichtlich Japans Staatsfinanzen haben ausländische Investoren dieses Jahr weiterhin japanische Staatsanleihen gekauft.Grundsätzlich korreliert der Wechselkurs des Dollars zum Yen positiv mit Veränderungen der Rendite zweijähriger japanischer Staatsanleihen. Das bedeutet, dass ein Anstieg der kurzfristigen Zinsen in Japan bisher mit einem schwächeren Yen einhergegangen ist, nicht mit einem stärkeren.Der Dollar-Yen-Kurs korreliert allerdings weitaus stärker mit der Rendite zweijähriger US-Staatsanleihen. Auf einer Basis von hundert Tagen liegt der Koeffizient bei etwas über 0,4, wogegen er bei der Rendite zweijähriger japanischer Staatsanleihen lediglich 0,05 beträgt.Die Forderungen nach «etwas mehr Haushaltsdisziplin» in Japan stehen einem Budgetdefizit gegenüber, das 2024 und 2025 unter 2% des Bruttoinlandprodukts lag. Dieses Jahr wird es sich voraussichtlich auf knapp 3% beziffern – weniger als in den meisten anderen bedeutenden Volkswirtschaften.Die Liquidität im US-Bankensystem sinktDie wichtigere Frage ist, warum Washington so lange wartete. Japan hatte im April und Mai abermals in die Devisenmärkte eingegriffen. Die USA äusserten sich damals nicht dazu. Nur im Januar hatte das US-Finanzministerium das Fed beauftragt, den Wechselkurs zwischen Dollar und Yen zu überprüfen; eine Form der verbalen Intervention. Danach passierte nichts mehr.Hätte Washington bereits im April verbale oder konkrete Unterstützung zur Stärkung des Yens geleistet, wäre die Aktion im Juli möglicherweise gar nicht erforderlich gewesen. Das Schweigen war eine bewusste Wahl, kein Unterlassen einer Entscheidung. Und wie es den Anschein macht, hat das Schweigen im Frühjahr die Turbulenzen im Juli ausgelöst.Es bestehen zwar gewisse Bedenken, dass ausländische Zentralbanken vermehrt US-Staatsanleihen verkaufen würden. Die Daten zeigen aber, dass der Verkaufsdruck im April und Mai grösser war als im Juli. In den letzten beiden Juliwochen stiegen die beim Fed verwahrten Bestände ausländischer Zentralbanken an US-Staatsanleihen sogar um etwas mehr als 48 Mrd. $ an. Das entsprach der grössten Zunahme innerhalb von zwei Wochen seit Januar 2021.Die Barbestände der grössten US-Banken sanken derweil innerhalb von zwei Wochen um fast 140 Mrd. $, während sich ihre Gesamtbilanzen kaum veränderten. Das Verhältnis von Barmitteln zur Bilanzsumme verringerte sich dadurch auf den tiefsten Stand seit Beginn der Covid-Pandemie. Dünnere Liquiditätspuffer können dazu führen, dass US-Grossbanken weniger bereit sind, Transaktionen ausländischer Finanzinstitute im Markt für Devisen-Swap-Geschäfte zu finanzieren.Skepsis an den FinanzmärktenAlle diese Entwicklungen betreffen jedoch nicht die tatsächliche Ursache der Yen-Schwäche. Sie dürfte ausserhalb der Kontrolle Tokios liegen: Die inkonsistente US-Geldpolitik hält die Zinsdifferenz zwischen den beiden Ländern auf hohem Niveau, und die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen bewegt sich nahe dem Jahreshoch.Die Energiepreise, die durch den Krieg im Nahen Osten angeheizt werden, treiben Japans Importkosten in die Höhe und stärken die Argumente für das Halten von höher verzinslichen Währungen gegenüber dem Yen. Zudem bleibt der Carry-Trade – die Aufnahme günstiger Yen-Kredite zur Finanzierung von Anlagen in anderen Märkten – gerade deshalb beliebt, weil diese Bedingungen anhalten.Mit Interventionen an den Devisenmärkten werden bloss Symptome bekämpft. Sie haben keinen Einfluss auf die Mechanismen an den globalen Finanzmärkten, die diese Symptome hervorrufen.Dass sich die Begründungen für Eingriffe dauernd ändern, ist wichtiger als jede einzelne Rechtfertigung dafür. Die widersprüchlichen Argumente signalisieren, dass die Verantwortlichen von einer bereits ergriffenen Massnahme ausgehend rückwärts arbeiten, anstatt dass sie basierend auf einer klaren Diagnose mit Blick nach vorne handeln.Solange das Risiko steigender Zinsen in den USA anhält, sich der Ölpreis nicht beruhigt und der Carry-Trade seine Attraktivität nicht verliert, scheinen Tokio und Washington also unterschiedliche Probleme mit demselben politischen Instrument anzugehen.Der Markt bleibt deshalb skeptisch, so wie er es auch hinsichtlich der amerikanischen Politik gegenüber Iran ist.Bei diesem Gastbeitrag handelt es sich um eine Übersetzung des jüngsten Marktausblicks von Marc Chandler. Die englische Originalfassung ist unter diesem Link abrufbar.Marc ChandlerMarc Chandler ist Chefstratege und Partner beim Brokerhaus Bannockburn Capital Markets. Er befasst sich seit rund vierzig Jahren mit den Devisenmärkten. In Chicago aufgewachsen, hat Chandler einen Studienabschluss in internationaler Wirtschaftspolitik und Geschichte an der Northern Illinois University und der University of Pittsburgh gemacht. Heute lehrt er als Dozent an der New York University. Von 2005 bis 2018 war er für die Devisenstrategie der Privatbank Brown Brothers Harriman & Co verantwortlich. Zuvor arbeitete er in gleicher Funktion für HSBC Bank USA sowie Mellon Bank. Unter dem Titel «Political Economy of Tomorrow» hat er 2017 sein zweites Buch veröffentlicht. Sein neuestes Buch mit dem Titel «Surplus: The History of Too Much and the End of Economic Primacy» erscheint im Herbst. Seine Einschätzung zum Tagesgeschehen an den Finanzmärkten teilt er im Blog Marc to Market.
Zwischen Rhetorik und Realität: Das Dilemma der US-Interventionspolitik
Markteingriffe der US-Regierung häufen sich. Weder am Bondmarkt noch beim Yen-Wechselkurs ist die Wirkung nachhaltig. Es werden bloss Symptome bekämpft.









