Pro ArtikelSchluss mit dem Krisenmodus: Japan sollte aufhören, die Wirtschaft künstlich zu stimulierenJapan stützt gemeinsam mit den USA seine taumelnde Währung. Doch der Markteingriff bringt wenig, solange Tokio die strukturellen Ursachen der Yen-Schwäche nicht anpackt.21.08.2026, 05.35 Uhr6 LeseminutenSchlangestehen unter Kirschblüten mit Blick auf den Fuji: Der Wertzerfall des Yen hat Japan einen massiven Zustrom von Touristen beschert.Tomohiro Ohsumi / GettyJapanreisen gibt es mittlerweile auch bei Lidl. Das Reiseportal des deutschen Discounters bietet nicht nur Pauschalreisen an. Buchen kann man beim Spezialisten für Billigangebote auch einzelne Übernachtungen, etwa in einem Viersternehotel der alten Kaiserstadt Kyoto für 24 Franken pro Person. Da greifen viele Schnäppchenjäger begeistert zu. Japan erlebt denn auch seit geraumer Zeit einen Tourismusboom. Im vergangenen Jahr reiste eine Rekordzahl von 43 Millionen Besuchern ins Land – fünfmal so viele wie noch fünfzehn Jahre zuvor.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eine Währung im SinkflugJapan galt lange Zeit als eines der exklusivsten und teuersten Reiseziele. Wie kann es sein, dass es plötzlich zum Magnet für Rucksacktouristen wird? Der wichtigste Grund ist der Yen. Die japanische Währung scheint sich unaufhaltsam in einem Sinkflug zu befinden. In den letzten fünfzehn Jahren verlor sie gegenüber dem Dollar um rund 50 Prozent und gegenüber dem Euro um 40 Prozent an Wert. Ein Ende des Zerfalls zeichnet sich nicht ab. Jüngst notierte der Yen-Dollar-Kurs auf dem tiefsten Niveau seit vierzig Jahren.Die schwache Währung beschert ausländischen Touristen eine hohe Kaufkraft. Sie können sich Dinge leisten, die ihr Budget zu Hause sprengen würden – einige tragen ihren kurzlebigen Reichtum auch demonstrativ zur Schau. Gleichzeitig wird für viele Einheimische eine Reise ins Ausland fast unerschwinglich. Das nagt am Selbstbewusstsein der stolzen Nation – und ruft in Erinnerung, dass der Wert einer Währung mehr ist als eine Kursnotiz. Sie ist auch ein Gradmesser für die Strahlkraft eines Landes.Wenn die viertgrösste Volkswirtschaft diese Strahlkraft verliert, hat dies Auswirkungen weit über den Tourismus hinaus. Auch die Vereinigten Staaten machen sich Sorgen. Das zeigte sich vor drei Wochen, als die USA gemeinsam mit Japan am Devisenmarkt gegen die Schwäche des Yen intervenierten. Zu solch bilateralen Eingriffen kommt es sehr selten; letztmals war das in den 1990er Jahren der Fall. Damals wie heute eilen die Amerikaner ihren Verbündeten indes nicht aus Selbstlosigkeit zur Hilfe. Vielmehr ist ein stärkerer Yen auch im Interesse der USA.Erstens stossen sich die USA daran, dass japanische Exporteure dank billiger Heimwährung einen Wettbewerbsvorteil haben, oft auf Kosten amerikanischer Konkurrenten. Zweitens – und weit wichtiger – ist Japan der grösste ausländische Gläubiger von amerikanischen Schuldpapieren. Lässt man das Land allein im Kampf gegen die Yen-Schwäche, könnte es versucht sein, die dafür benötigten Devisen durch das Abstossen von amerikanischen Schuldpapieren zu beschaffen. Deren Kurse würden dann fallen und die Schuldzinsen für Amerika entsprechend in die Höhe schnellen.Zinsdifferenz lockt Spekulanten anEin solches Szenario müssen die USA vermeiden. Also unterstützen sie Japan bei dessen Interventionen, begründen dies in Donald Trumps Worten als «Zeichen der Freundschaft» und zählen darauf, dass Japan weiterhin zuverlässig die Schuldenwirtschaft der USA mitfinanziert. Denn sollte Japan dies nicht tun, geriete der Markt für amerikanische Staatsanleihen ins Wanken. Und das ist nicht irgendein Markt, sondern das eigentliche Fundament des globalen Finanzsystems. Die dort gemessenen Renditen dienen als Referenz für fast alle anderen Vermögenswerte.Mit der gemeinsamen Devisenmarktintervention haben die USA und Japan jedoch nur Zeit gekauft – und wohl eher wenig. So ist ein grosser Teil der durch den Markteingriff ausgelösten Yen-Aufwertung bereits wieder verpufft. Das kommt nicht überraschend, sondern ist eine Konstante bei solchen Eingriffen. Mit diesen kann man allenfalls die Spitze heftiger Kursausschläge brechen und den Märkten etwas Kampfgeist signalisieren. Eine dauerhafte Trendwende gelingt aber nur, wenn die Politik die strukturellen Ursachen des Problems anpackt.Wo man im Falle des schwachen Yen anpacken müsste, liegt auf der Hand: erstens bei der Geld- und zweitens bei der Finanzpolitik. Hätte Japans Zentralbank bei ihrer geldpolitischen Sitzung Ende Juli den Leitzins erhöht, hätte dies dem Yen deutlich mehr Auftrieb verliehen als die fast zeitgleich mit den USA durchgeführten Yen-Käufe. Doch die Bank of Japan liess den Leitzins bei tiefen 1 Prozent. Entsprechend gross bleibt die Zinsdifferenz zu den USA, wo der Leitzins bei rund 3,6 Prozent liegt, und zu vielen weiteren Währungsräumen.Diese Zinsdifferenz ist zentral zur Erklärung des schwachen Yen. Denn Japans Währung wird an den Finanzmärkten oft für sogenannte Carry-Trades genutzt. Bei diesen Transaktionen leihen sich Investoren dank dem in Japan niedrigen Zins günstig Yen aus und legen dieses Geld danach in einer Währung mit höherem Zins an, etwa in Dollar. Weil dabei kontinuierlich Geld aus Japan abfliesst, schwächt dies tendenziell den Yen. Unterbinden lässt sich das nur, wenn die Zinsdifferenz schmilzt und die Bank of Japan den Leitzins genügend anhebt.Geldausgeben mit der GiesskanneEine Mitschuld an der schwierigen Währungssituation trägt aber auch die Finanzpolitik. Die extrem hohe Staatsverschuldung von mehr als dem Doppelten des Bruttoinlandprodukts untergräbt das Vertrauen in den Yen. Zwar liefen in den vergangenen Jahrzehnten etliche Warnungen vor einer japanischen Schuldenkrise ins Leere, da die Schulden primär im Inland gehalten werden und dank niedrigen Zinsen auch günstig zu finanzieren sind. Nähern sich Japans Anleiherenditen aber dem Ausland an, wie derzeit zu beobachten ist, könnte sich das bald ändern.Ein Umdenken seitens der Regierung ist kaum feststellbar. Die im Februar bei vorgezogenen Neuwahlen glanzvoll im Amt bestätigte Regierungschefin Sanae Takaichi befürwortet eine möglichst lockere Geld- und Finanzpolitik. Bei der Festlegung der Leitzinsen muss sie die Federführung zwar der formell unabhängigen Zentralbank überlassen. Takaichi macht aber kein Geheimnis aus ihrer Abneigung gegen höhere Zinsen. Sie fürchtet einen teurer werdenden Schuldendienst und will Japans Konjunktur weiterhin mit billigem Geld ankurbeln.Klar in der Verantwortung ist Takaichi hingegen bei der Finanzpolitik. Hier gibt sie Gas, als ob es kein Schuldenproblem gäbe. Mit zahlreichen Subventionen schirmt sie die Bevölkerung vor höheren Energiepreisen im Zuge des Nahostkonflikts ab. Die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel will sie ab April zudem für zwei Jahre von 8 auf 1 Prozent senken. Solche nach dem Giesskannenprinzip verteilten Transfers kommen bei vielen Wählern gut an. Das Anhäufen hoher Haushaltdefizite schwächt das Vertrauen in den Yen jedoch zusätzlich.Zu allem Ärger kopiert Takaichi auch industriepolitische Sünden des Auslands. Bis 2040 sollen umgerechnet 2,3 Billionen Dollar in 17 «strategische Sektoren» fliessen. Warum Japans Bürokratie besser als der Markt wissen soll, welche Sektoren eine gewinnbringende Zukunft haben, bleibt ihr Geheimnis. Sparsamkeit ist jedenfalls keine Tugend der Regierungschefin. Sie hat das Ziel eines Primärüberschusses (Haushalt ohne Zinsen) kurzerhand ersetzt durch das deutlich weichere Ziel einer graduell sinkenden Schuldenquote.Es braucht keine Krisenpolitik mehrWer so masslos mit Yen um sich wirft, darf sich über den Wertverlust der Währung nicht wundern. In Japan agieren Regierung und Notenbank weiterhin so, als befände sich das Land inmitten einer schweren Krise mit einbrechender Nachfrage. Doch das ist nicht der Fall: Die Wirtschaft wächst über ihrem Potenzial, die Börse boomt, die Gewinnmargen der Firmen weiten sich aus, die Reallöhne steigen so stark wie seit drei Jahrzehnten nicht mehr, und auch die Kreditvergabe der Banken deutet auf einen soliden Aufschwung hin.Eine solche Volkswirtschaft braucht keine künstliche Stimulierung durch tiefe Zinsen und expansive Staatsausgaben. Zumal auch die Deflation, unter der Japan seit der Jahrhundertwende rund zwei Jahrzehnte lang litt, keine Gefahr mehr darstellt. In den letzten vier Jahren lag die Inflation stets über dem Zielwert von 2 Prozent. Die Zeit der Reflation, der vom Staat geförderten Anhebung des Preisniveaus, ist vorbei. Das Land hat sich normalisiert. Jetzt muss endlich auch die Wirtschaftspolitik den jahrzehntelangen Krisenmodus beenden.Profitieren von einer solchen Schubumkehr würde vor allem der Yen. Und damit auch die japanische Bevölkerung, deren Geld beim Import von Waren und bei Reisen ins Ausland wieder an Kaufkraft gewinnen würde. Dass in der Folge einige Rucksacktouristen einen Bogen ums Land machen würden, wäre ein verkraftbarer Preis. Der Overtourism sorgt in der Bevölkerung ohnehin für wachsenden Unmut. Und Exklusivität passt seit je deutlich besser zur Kulturnation Japan als ein Ansturm durch ausländische Schnäppchenjäger.Passend zum Artikel
Yen im Sinkflug: Warum künstliche Eingriffe Japans Probleme nicht lösen
Japan stützt gemeinsam mit den USA seine taumelnde Währung. Doch der Markteingriff bringt wenig, solange Tokio die strukturellen Ursachen der Yen-Schwäche nicht anpackt.








