Erstmals seit 15 Jahren: Japan und die USA intervenieren gemeinsam am Devisenmarkt und treiben den Yen-Kurs in die HöheBeide Länder drohen mit weiteren Interventionen. Selbst US-Präsident Trump deutet Hilfe für Japan an. Die abrupte Wende drückt auf die Aktienkurse.03.08.2026, 10.41 Uhr4 LeseminutenDie USA und Japan haben gemeinsam den Fall des Yen gebremst.Issei Kato / ReutersJapan und die USA haben erstmals seit 15 Jahren gemeinsam am Devisenmarkt eingegriffen, um den Fall des Yen zu bremsen. Das gaben die Finanzminister beider Länder am Montag kurz vor Handelsbeginn in Tokio in separaten Erklärungen bekannt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.US-Finanzminister Scott Bessent erklärte in einem Post auf der Nachrichtenplattform X, beide Seiten wollten den «unkontrollierten Kursschwankungen des Yen» entgegenwirken. «Wir werden nicht zögern, uns an weiteren gemeinsamen Interventionen zu beteiligen.» US-Präsident Donald Trump hatte zuvor an Bord der Air Force One gesagt: «Der Yen schwächt sich ab, und sie wollten ein wenig Hilfe. Und wir sind immer für Japan da.»Nach diesen überraschenden Erklärungen stieg der Yen am Montagmorgen zeitweise um mehr als drei Prozent auf 155,31 Yen je Dollar. Vor dem Eingriff Ende der vergangenen Woche wurde ein Dollar noch mit fast 164 Yen gehandelt. Die abrupte Wende drückte auf die Aktienkurse in Japan, denn ein stärkerer Yen senkt bei der Umrechnung die Ergebnisse im Auslandsgeschäft der Unternehmen.Der Kurssprung spiegelte sich deutlich in den ostasiatischen Aktienindizes wider: Südkoreas Kospi-Index verlor wegen Gewinnmitnahmen, nachdem die Speicherchiphersteller SK Hynix und Samsung Electronics zuvor um rund 20 Prozent gestiegen waren.In Japan legten dagegen die Chiphersteller Kioxia und Renesas Electronics zeitweise um mehr als elf Prozent zu. Dennoch sackten die Aktienindizes insgesamt ab: Der Nikkei 225, der die 225 grössten Unternehmen erfasst, sank bis zur Mittagspause um 1,7 Prozent auf 63.240 Punkte, gebremst von den Gewinnen der Chipwerte. Der breiter gefasste Topix fiel stärker: um 2,2 Prozent auf 3.916 Punkte.Besonders stark litten Unternehmen, die wegen ihres Auslandsgeschäfts vom Yen-Kurs abhängen. Der weltgrösste Autobauer Toyota verlor zeitweise 6,6 Prozent an Wert – und damit 10,8 Prozent seit Mittwoch vergangener Woche. Bei Honda, Nissan und Suzuki war die Entwicklung ähnlich.Seltene gemeinsame Intervention erwischt die Märkte kaltEin Grund für die heftige Reaktion war das gemeinsame Vorgehen beider Regierungen. Nach der vorangegangenen Devisenmarktintervention vor vier Monaten, die Japan im Alleingang durchgeführt hatte, begann der Yen bald wieder zu fallen. Diesmal könnte der Effekt nachhaltiger sein – schliesslich handelt es sich um die erste gemeinsame Intervention seit Japans verheerender Erdbeben-, Tsunami- und Atomkatastrophe von 2011.Anleger am Devisenmarkt dürften nun weitere Interventionen befürchten, kommentierte die Wirtschaftszeitung «Nikkei» in einer ersten Analyse. Naomi Muguruma, Anleihestrategin beim Broker Morgan Stanley MUFG, ergänzte: «Auch die Veröffentlichung einer Stellungnahme durch den Finanzminister ist ungewöhnlich und lässt auf ein Krisenbewusstsein der japanischen und der US-amerikanischen Regierung hinsichtlich der sich beschleunigenden Yen-Abwertung schliessen.»In Japan treibt die fortdauernde Entwertung der Währung über steigende Importkosten die Inflation in die Höhe. Die US-Regierung hält den Yen – wie Bessent erwähnte – für «deutlich unterbewertet». Zudem droht der Yen mit den riesigen Investitionen, die Japan für einen Zolldeal mit Trump vereinbart hat, noch weiter fällt.Damit steigt die Möglichkeit für ein Horrorszenario: dass die japanische Regierung Pensionsfonds dazu bewegt, einen Teil der riesigen Auslandsinvestitionen nach Japan umzulenken, um die Nachfrage nach der eigenen Währung zu erhöhen. Das wäre negativ sowohl für die Aktien wie auch Anleihen in den USA.Die ungewöhnlich deutliche Erklärung von Japans Finanzministerin Satsuki Katayama stützte diese Interpretation. «Damit haben wir auf die in letzter Zeit zu beobachtenden übermässigen Schwankungen und unkontrollierten Bewegungen des Yen reagiert», sagte sie. Auch Katayama wies darauf hin, dass man «nicht zögern werde, weitere koordinierte Interventionen durchzuführen».Sorgen über die Beschaffung von Mitteln für Interventionen habe sie nicht: Japan habe die sogenannte FIMA-Repo-Fazilität der USA genutzt. Dabei handelt es sich um ein Instrument der US-Notenbank, das ausländischen Zentralbanken und Währungsbehörden schnellen Zugang zu US-Dollar-Liquidität verschafft, ohne dass sie ihre US-Staatsanleihen am Markt verkaufen müssen. Die Fazilität wurde im März 2020 während der Corona-Krise eingeführt und im Juli 2021 dauerhaft eingerichtet.«Die FIMA-Repo-Fazilität ist ein wichtiger Sicherheitsmechanismus», erklärte US-Finanzminister Bessent in seiner Mitteilung. «Wir würden eine Aufstockung dieser Fazilität in den kommenden Monaten begrüssen.» Offenbar gilt das auch für Japan: «Wir unterstützen nachdrücklich Japans entschlossene markt- und geldpolitische Massnahmen zur Korrektur der erheblichen Unterbewertung des Yen.»Hat die Yen-Wende jetzt eine Chance?Offen ist allerdings, ob Interventionen allein die Yen-Schwäche beenden können. Denn sie gilt derzeit als Ausdruck von Zweifeln, an der Haushaltspolitik der japanischen Regierung. Regierungschefin Sanae Takaichi will die Wirtschaft trotz hoher Verschuldung mit grossen Staatsausgaben fördern. Kritiker befürchten, dass sie damit die finanzielle Stabilität des Landes schwächt.Martin Schulz, Chefvolkswirt des japanischen Technikkonzerns Fujitsu, erklärt das Problem. Die Regierung, in der Regierungschefin und Finanzministerium bisher unterschiedliche Signale gesendet haben, habe ihre Glaubwürdigkeit verspielt. «Solange die Bank of Japan ihre Zinsen jetzt nicht mehrfach und deutlich erhöht, gibt es keine Chance den Yen zu stabilisieren», so der Ökonom. Da die Notenbank aber am Freitag ihren Leitzins bei einem Prozent beliess, hätte man sich etwas einfallen lassen müssen: die Intervention.Eine dauerhaft Yen-Wende könnte gelingen, wenn Japan eine Mischung aus expansiver Ausgabenpolitik und restriktiver Geldpolitik durchführen würde. Ein Zeichen wären für ihn zwei Zinsanhebungen bis Ende des Jahres, die erste dann im September. Er geht daher davon aus, dass es dazu enge Gespräche zwischen Bessent sowie Notenbankchef Kazuo Uede und Finanzministerin Katayama gegeben hat. «Nun hängt alles davon ab, ob Japan diese Politik umsetzt», so Schulz.In dem Fall könnte es zu einer Abwicklung der Yen-Carry-Trades und damit Verkaufsdruck an internationalen Börsen kommen. Denn damit verlöre Japan seine Funktion als Geldquelle: Bisher erlaubten es schwache Yen und die niedrigen Zinsen Investoren, sich in Japan billig Kapital zu beschaffen und anderswo zu höheren Renditen zu investieren.Die Zukunft des Yen wird damit zur Zitterpartie. «Im August haben sie Ruhe geschaffen», sagt Schulz voraus. Gegen beide Regierungen zu wetten, sei «sehr riskant». Die Anleger werden daher genau die Kommunikation der japanischen Regierung beobachten, besonders die der Regierungschefin: «Takaichi muss sich zusammenreissen und in Sachen Geldpolitik schweigen.»Passend zum Artikel