Lösung für Cyberangriffe oder technische Störungen: In der Schweiz kann man bald auch offline mit Karte bezahlenRegierung und Nationalbank haben mit der Privatwirtschaft eine Lösung erarbeitet, wie man auch ohne Datenverbindung mit Karten zahlen kann. Möglich ist dies aber nur für lebensnotwendige Produkte wie Lebensmittel oder Medikamente.24.08.2026, 17.00 Uhr3 LeseminutenAngriffe auf die digitale Infrastruktur nehmen dazu. Das ist eine Herausforderung für den elektronischen Zahlungsverkehr.Philippe Wojazer / ReutersViele Schweizerinnen und Schweizer haben kein Bargeld mehr in der Tasche, wenn sie das Haus verlassen. Sie vertrauen darauf, allfällige Zahlungen ohne Banknoten oder Münzen tätigen zu können. Seit 2024 ist die Debitkarte bei alltäglichen Zahlungen das am häufigsten eingesetzte Zahlungsmittel in der Schweiz, vor Bargeld und Bezahl-Apps. Kein Wunder, denn das digitale Bezahlen hat viele Vorteile: Es ist schnell, bequem und im Nachhinein einfach nachvollziehbar.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nur mit PIN-EingabeDas wachsende Gewicht des elektronischen Zahlungsverkehrs geht aber auch mit Verletzlichkeiten einher. Denn es kann zu Ausfällen der digitalen Infrastruktur kommen. So zeigen sich bei Cyberangriffen, technischen Störungen oder Stromausfällen bald einmal die Risiken der digitalen Abhängigkeit. Wenn Grossteile der Bevölkerung ihre Einkäufe nicht länger am Terminal begleichen können, kann dies in einer Volkswirtschaft zu Versorgungsproblemen führen.Dieses Risiko beunruhigt auch die Regierung. Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) hat zusammen mit der Schweizerischen Nationalbank (SNB) und den privatwirtschaftlichen Akteuren (Banken, Zahlungsdienstleistern und Detailhändlern) deshalb nach einer Branchenlösung gesucht. Eine solche scheint man nun gefunden zu haben. Sie ist am Montag von Bundesrat Guy Parmelin und dem SNB-Präsidenten Martin Schlegel in Bern präsentiert und gewürdigt worden.Das Wichtigste zu dieser Lösung: In Zukunft werden Kartenzahlungen auch offline möglich sein, also auch dann, wenn die Online-Verbindung nicht funktioniert. Was es jedoch weiterhin brauchen wird, ist eine physische Debit- oder Kreditkarte, eine PIN-Eingabe am Lesegerät und somit Stromzufuhr. Kontaktlose und mobile Zahlungen mit dem Handy oder einer Smartwatch werden im Offline-Betrieb nicht funktionieren. Ausgeschlossen sind ausserdem ausländische Karten.Essen, Medikamente, TreibstoffEs empfiehlt sich daher, stets eine physische, inländische Bezahlkarte bei sich zu haben. Man muss sich hierzu keine neuen Karten besorgen, die bestehenden funktionieren. Wenn die Datenverbindung unterbrochen ist, wird die Offline-Funktion automatisch greifen. Konsumenten dürften kaum merken, ob sie online oder offline zahlen. Der einzige Unterschied: Beim Offline-Betrieb muss stets der PIN eingegeben werden.Die neue Offline-Zahlung ist für Unternehmen allerdings mit einem Risiko verbunden. Wenn keine Datenverbindung aufgebaut werden kann, ist keine unmittelbare Überprüfung möglich, ob das Konto gedeckt ist. Die Belastung des Kontos erfolgt erst, wenn die Verbindung zur Bank wiederhergestellt ist und die auf der Kasse gespeicherte Transaktion verarbeitet werden kann. Entsprechend werden auch Zahlungsausfälle erst im Nachhinein bemerkbar sein.Dieses Risiko wird nun durch die Notwendigkeit der PIN-Eingabe zu begrenzen versucht. Ausserdem ist die Offline-Funktion auch beschränkt auf lebenswichtige Güter wie Lebensmittel, Medikamente oder Treibstoff. Eine Luxusuhr oder ein Auto wird man im Offline-Betrieb nicht kaufen können. Die Lösung gilt laut Informationen des BWL nur für «systemrelevante Bereiche der Grundversorgung». Faktisch ist die Funktion also auf Lebensmittelgeschäfte, Apotheken und Tankstellen beschränkt.Banken tragen das AusfallrisikoDas Risiko von Zahlungsausfällen wird primär durch die Finanzinstitute getragen. Sie wehrten sich daher anfänglich gegen Offline-Zahlungen. Aus Schweden, wo eine ähnliche Lösung bereits umgesetzt ist, weiss man jedoch, dass es dort kaum zu Ausfällen kam. An einem Roundtable, den im Frühjahr 2025 das BWL und die SNB organisiert hatten, präsentierte ein Vertreter der schwedischen Notenbank die positive Erfahrung seines Landes – und trug dazu bei, dass die Banken ihre Skepsis ablegten.Dennoch unterliegen die Offline-Zahlungen einigen Limiten. Wie hoch diese sind, wird nicht mitgeteilt, um potenzielle Betrüger nicht zum Missbrauch einzuladen. Die Obergrenze ist aber so festgelegt, dass der Grundbedarf an lebenswichtigen Gütern für zirka eine Woche gedeckt werden kann. Dabei handelt es sich um Mindestbeträge, welche die Banken ihren Kunden zugestehen müssen. Sie können für ihre Kunden aber selbstverständlich auch individuell höhere Beträge festlegen.Die gefundene Lösung ist freiwillig. Es wird niemand zur Teilnahme gezwungen. Laut dem BWL ist aber schon jetzt klar, dass «ein Grossteil des Lebensmittelhandels und fast alle Kartenherausgeber mitmachen». Die Umsetzung erfolgt schrittweise, mit dem Ziel einer breiten Einführung bis Ende 2027. Die Schweiz wäre damit das erste Land Zentraleuropas mit breit abgestützten Offline-Zahlungen. Nordeuropa ist hier einiges weiter. Das gilt nicht nur für Schweden, sondern auch für Länder wie Finnland, Norwegen oder Estland.Passend zum Artikel