Bahnen müssen Kunden ohne Smartphone und Kreditkarte akzeptierenDer Bund setzt den SBB und den anderen ÖV-Unternehmen bei der Digitalisierung Grenzen. Den Kritikern geht das trotzdem nicht weit genug.23.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenImmer mehr Passagiere haben ihr Billett auf dem Handy, aber nicht alle.Pius Amrein / CH MediaBerta Caminada aus Bonaduz hat es zu überregionaler Bekanntheit gebracht. Die Bündner Rentnerin wehrt sich dagegen, dass Billette im Postauto nur noch über digitale Kanäle gelöst werden können. Graubünden gilt dabei im öffentlichen Verkehr als Vorreiter. Seit dem letzten Fahrplanwechsel setzt Postauto in der Region konsequent auf elektronische Verkaufswege. Auch anderswo gibt die Frage des Billettbezugs zu reden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nun hat das Bundesamt für Verkehr (BAV) mit Leitlinien reagiert. In einem Schreiben an die Branchenorganisation Alliance Swiss Pass hält es fest, dass analoges und anonymes Reisen weiterhin garantiert bleiben muss. Sämtliche Transportunternehmen werden verpflichtet, Kunden ohne Smartphone oder digitalen Zugang eine funktionierende Alternative anzubieten. Zudem untersagt das BAV den Betreibern, dieser Klientel unverhältnismässige Mehrkosten, wie prohibitive hohe Servicezuschläge aufzubürden.Detailliert legt der Bund zudem fest, wie weit im Voraus der Ticketerwerb möglich sein soll. Dieser müsse nicht «zwingend spontan, sondern entweder halbspontan oder vorbereitet spontan» erfolgen, schreibt es. Darunter versteht das Amt, dass es möglich sein soll, das Billett bis maximal 30 Minuten vor der Fahrt zu kaufen, aber nicht unmittelbar davor.Die Transportunternehmen müssen das spontane, anonyme Reisen bis spätestens Ende 2028 ermöglichen. Für die Übergangsphase sollen sie die bestehenden Entwerter für Mehrfahrtenkarten oder Alternativen weiterhin anbieten. An Umsteigebahnhöfen, die eine hohe Frequenz aufweisen, müssen weiterhin Ticketautomaten vorhanden sein. Diese ermöglichen es, Billette für eine spätere Fahrt zu kaufen.Automaten und Entwerter verschwindenDas Amt führt die Vorgaben auf die fortschreitende Digitalisierung des ÖV zurück. Viele Transportunternehmen haben ihre physischen Verkaufskanäle schrittweise reduziert. Sie haben Automaten demontiert, Entwerter ausgemustert und verlangen für den Billettkauf im Zug einen Zuschlag. Dies habe zu einer Zunahme von Eingaben geführt, die als aufsichtsrechtliche Anzeigen zu behandeln seien, schreibt das BAV. Der Bund stehe weiterhin hinter der Digitalisierung, um die Vertriebskosten zu senken. Die Umsetzung der Anforderung ist der Branche überlassen.Der Bund geht nicht so weit, dass die Kunden am Billettautomaten oder beim Personal mit Bargeld bezahlen können. Er akzeptiert Lösungen, die lediglich mit persönlichen Debit- und Kreditkarten funktionieren, zwar nicht. Die Prepaid-Karte, die die ÖV-Branche im Dezember des vergangenen Jahres eingeführt hat, erachtet er aber als ausreichend. Allerdings erwartet das BAV, dass die Kundinnen und Kunden an den Schaltern und anderen Bezugsstellen die Billette und die Prepaid-Karte mit Bargeld kaufen beziehungsweise aufladen können. Darüber hat Verkehrsminister Albert Rösti die Branche bereits früher informiert.Rentnerin lanciert VolksinitiativeBerta Caminada dürften die Vorgaben aus Bern nicht genügen. Im Juni hat sie mit Mitstreitern das kantonale Volksbegehren für Barzahlungen bei öffentlichen Leistungen, die Anti-Diskriminierungsinitiative, lanciert. Sie argumentiert, in Graubünden würden immer mehr Menschen, die mit den digitalen Bezahlformen überfordert seien oder denen diese nicht zugemutet werden könnten, diskriminiert. Der Zugang zu Dienstleistungen wie Postautos, von öffentlichen Parkplätzen oder Toiletten werde verunmöglicht oder erschwert. Die Initiative fordert, dass bei allen Dienstleistungen, die der Steuerzahler mitfinanziert, mit Bargeld bezahlt werden kann. Die nationale SVP hat der Rentnerin am Mittwoch für ihr Engagement den «Prix Résistance» verliehen.Die Initianten haben ein Jahr Zeit, um 4000 Unterschriften zu sammeln. Dies dürfte Formsache sein. So werden in Graubünden wohl bald die Stimmberechtigten entscheiden, ob eine Bargeldpflicht für staatlich mitfinanzierte Angebote sinnvoll ist.Passend zum Artikel