Als Gina H. sich selbst beschreibt, klingt das so: Sie sei eine sehr loyale Partnerin, die auch selbst „bedingungslose Loyalität“ erwarte. Eine Frau, die „innerhalb einer Beziehung zum Raubtier“ werde, wenn das nicht passiere. Und ein Mensch, der sich liebevoll um den leiblichen Sohn, aber auch um den achtjährigen Fabian gekümmert habe. Als der sich bei einem Badeausflug am Zeh verletzte, habe sie ihn mit einem Pflaster verarztet und die Wunde später noch einmal mit einer Küchenrolle abgetupft. Dieses Blut habe die Polizei in ihrem Auto gefunden.Wie eine Schülerin bei einem Lesewettbewerb verliest H. an diesem Montagmorgen im Zeugenstand des Rostocker Landgerichts ihre 95-seitige Aussage. Doch auch danach bleibt der Fall des getöteten Jungen voller Widersprüche.Gutachten bezeichnet sie als egozentrischGina H. ist angeklagt, den achtjährigen Fabian am 10. Oktober vergangenen Jahres aus seinem Zuhause in Güstrow „herausgelockt“ und an einem abgelegenen Tümpel in der Mecklenburgischen Seenplatte mit sechs Messerstichen getötet zu haben. Um die Tat zu verschleiern, zündete die 30 Jahre alte Frau laut Staatsanwaltschaft den Leichnam des Kindes an. Im August hatte Fabians Vater, Matthias R., sie in einer Freundin-oder-Sohn-Entscheidung verlassen. Wenig später war Fabian tot. Am Montag nun lässt sich Gina H. erstmals vor Gericht zu den Vorwürfen ein.„Die Wahrheit wäre schön“, sagt eine Besucherin, die schon seit vier Uhr morgens vor den Türen des roten Klinkerbaus in Rostock wartet, um diese „hoffentlich“ in Saal 2.002 zu finden. Wer Gina H. hören will, musste früh erscheinen. Vor den schweren Schwingtüren weisen Justizmitarbeiter viele Zuschauer ab. Aber viele wissen hier auch: Nicht alle Menschen beschreiben H. so wie sie sich selbst.Die Angeklagte habe sich „mit Lügen durchs Leben gehangelt“, sagte H.s leibliche Schwester am vorletzten Prozesstag bei ihrer Aussage vor Gericht. Eine Kommunikationsanalyse des Bundeskriminalamts charakterisiert H. als egozentrisch und kontrollierend. Und auch H.s Freunde respektive ehemalige Freunde wählten Worte wie „herrschsüchtig“, „eifersüchtig“ und „manipulativ“.Im Gericht schildert Gina H. ihre Version der Wahrheit. Sie trägt eine cremefarbene Bluse aus Satin, auf ihren Oberarmen prangen zwei große Pferdeköpfe, der gerade geschnittene Ponyhaarschnitt lässt die Dreißigjährige jünger wirken, als sie ist. Wenn sie spricht, bleibt ihre Stimme roboterhaft. Es geht in ihrer Aussage vorrangig darum, die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zu entkräften. Und so geht sie in der mehrstündigen Einlassung peu à peu auf die Anklageschrift der Ermittler ein.Zur Tatzeit? War sie angeblich mit ihrem Hund spazierenH. sagt, es sei „unmöglich“ für sie gewesen, Fabian am 10. Oktober in Güstrow getroffen zu haben. Folgt man der Staatsanwaltschaft, tauchte Gina H. an diesem Tag gegen 10.50 Uhr in ihrem Ford Ranger vor der Zweizimmerwohnung in Güstrow auf. Eine nahe gelegene Überwachungskamera filmte zu dieser Zeit ein baugleiches Fahrzeug. Wer am Steuer saß oder ob das Nummernschild übereinstimmte, zeigen die vor Gericht gezeigten Aufnahmen nicht.Dass Fabian an diesem Tag krank zu Hause geblieben sei, habe sie nicht gewusst. Sie sei zur mutmaßlichen Tatzeit mit ihrem Hund in ein Waldstück bei Klein-Upahl gefahren. Dort habe sie darüber nachdenken wollen, ob sie die Beziehung zu Fabians Vater ein weiteres Mal retten wolle. „Er ist immerhin der Mensch, mit dem ich die längste Beziehung geführt habe und der mich am allerbesten kennt. Auch mit meinen schlechten Seiten.“ Dafür habe sie ihr Handy ausgeschaltet.Dass sie, wie eine Handyauswertung ergab, dabei gerade in der Nähe des Tümpels gewesen sei, an dem Fabian vier Tage später gefunden werden sollte, „habe ich auf keinen Fall registriert“. Den Weiher habe sie vor dem 13. Oktober nie gesehen.„Meine Geldsorgen waren kein Grund, Matthias zurückzugewinnen“Das stellt einen Widerspruch zu ihrer vorherigen Aussage dar, sie sei das erste Mal am 14. Oktober am Weiher gewesen. H. räumt ein, bereits in der Nacht vor ihrem Anruf bei der Polizei die Leiche gefunden zu haben. Sie sei zuerst mit Christian D., später auch noch mit Olaf K. tatsächlich am Fundort gewesen. Gina H. pflegte mit den zwei Männern ein enges Verhältnis und kannte sie seit Jahren. Dort hätten sie nach dem verschwundenen Fabian gesucht; dies bestätigten auch die beiden Männer bei ihrer Aussage. Gina H. will die „Schweinekuhle“ aber weder gekannt noch von sich aus aufgesucht haben. Beide Freunde hätten ihr unabhängig voneinander geraten, „unter keinen Umständen“ die Polizei zu rufen. Dem Rat sei sie gefolgt.Und auch das Motiv, das sie laut Staatsanwaltschaft hatte, stellt H. infrage. Wenn man der Staatsanwaltschaft glaubt, tötete H. aus einer „vagen Hoffnung auf Wiederaufnahme einer für sie auch monetär vorteilhaften Beziehung“ den Sohn von Matthias R. Die Ermittler unterstellen H. infolge ihrer Arbeitslosigkeit einen finanziellen Engpass. Wegen psychischer Probleme erhält sie eine Erwerbsminderungsrente von rund 1200 Euro. Doch könne sie damit meist „bestens klarkommen“, sagt H.Und zwar auch, weil sie nach der Trennung von Fabians Vater zu ihren Großeltern gezogen sei. Miete habe sie dort nicht gezahlt. Mit R. sei es zuvor „finanziell viel enger“ gewesen. Zwar habe sie in vielen Nachrichten, die auch vor Gericht abgespielt wurden, „rumgejammert“. Das sei aber eigentlich grundlos geschehen. „Meine Geldsorgen, die ich im Grunde aber gar nicht haben musste, waren kein Grund, Matthias zurückzugewinnen.“ Stattdessen habe sie die Beziehung aus Liebe retten wollen.Die Angeklagte lässt an diesem Verhandlungstag keine Fragen zu. Doch erkundigt sich die Verteidigung nach der Möglichkeit, dies an einem anderen Prozesstag nachzuholen. Ob dann das Urteil wie geplant am 10. September gesprochen werden kann, ist fraglich. Auch das psychiatrische Gutachten der Angeklagten steht noch aus. Am Mittwoch wird weiterverhandelt.