KommentarForscher ebnen den Weg für genveränderte Babys. Nun müssen sie ethische Grenzen ziehenEine Welt mit Designerbabys rückt näher. Es wird immer einfacher, die Gene von Embryonen nach eigenen Wünschen zu editieren. Eine besondere Verantwortung tragen die Forscher, aber auch die Gesellschaft muss klären: Wie weit sollen wir gehen?24.08.2026, 05.35 Uhr6 LeseminutenWo endet die Therapie, wo beginnt die Optimierung? Ein menschlicher Embryo im 10-Zell-Stadium auf der Spitze einer Nadel.Dr. Yorgos Nikas / SPL / KeystoneGleich zwei Forschungsgruppen haben in diesem Sommer einen Durchbruch auf dem Gebiet der Geneditierung vermeldet. Mit einer verbesserten Methode lässt sich das Erbgut von Embryonen viel sicherer bearbeiten als mit der bereits bekannten Genschere Crispr. Damit verkürzt sich der Weg zum Designerbaby.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bisher war für Forscher und Ethikgremien klar: Die Gene von Embryonen zu verändern und daraus eine Schwangerschaft entstehen zu lassen, ist nicht zu rechtfertigen. Mit den neuen Studien gerät diese Gewissheit jedoch ins Wanken. Denn es zeichnen sich technische Möglichkeiten ab, die eines der wichtigsten Argumente gegen solche Eingriffe abschwächen könnten: ihre mangelnde Sicherheit.Damit wächst die Verantwortung der Forscher. Aber auch die Gesellschaft muss sich fragen, ob und wie sie den Weg zu geneditierten Babys weitergehen soll.Die neuen Erkenntnisse erinnern an den chinesischen Forscher He Jiankui, der vor acht Jahren mit der Crispr-Technik die ersten genmanipulierten Babys erschuf. Mit dem Verfahren wollte er Embryonen, die eigentlich gesund waren, immun gegen HIV machen. Damit setzte er sie einem immensen Risiko aus: Crispr kann in menschlichen Zellen grosse Schäden verursachen, ganze Chromosomen können verlorengehen. Der Fall löste weltweit heftige Kritik aus. Wie es den Kindern heute geht, ist nicht bekannt.Base-Editing ist genauer als CrisprDie Embryonen der jetzigen Experimente blieben dagegen stets im Labor. Durchgeführt wurden die Versuche von einer Forschungsgruppe an der Cambridge University und von Wissenschaftern um den aus der Schweiz stammenden Zellbiologen Dieter Egli von der Columbia University in New York.Die Forscher konnten Gene der Embryonen mit einem neueren Verfahren, dem Base-Editing, viel gezielter verändern – und dies mit weitaus weniger unerwünschten Effekten im Erbgut als bei Crispr. Schon jetzt gibt es deshalb Absichten, die Technik dereinst kommerziell zu nutzen. Wissenschafter beider erfolgreicher Forschungsgruppen kollaborieren mit Startups, die ihrer Kundschaft in Zukunft genveränderte Babys ermöglichen wollen.Eines der Teams lässt sich die Forschung durch solche Firmen finanzieren. Einer der führenden Forscher des anderen Teams ist sogar abgesprungen, um sich einem der Startups anzuschliessen. Es ist verständlich, dass ihr Erfolg die Wissenschafter beflügelt. Ihre Euphorie darf nun aber nicht in ethische Sorglosigkeit münden.Der jetzige Fortschritt wird bei weiteren Wissenschaftern das Interesse wecken, Geneditierungen von Embryonen zu Forschungszwecken durchzuführen. Gut möglich, dass in vielen Ländern – auch in Deutschland und in der Schweiz – der Druck wachsen wird, diese Grundlagenforschung zuzulassen.Stand heute sind es allerdings nur wenige Staaten, in denen solche Studien unter strengen Auflagen überhaupt möglich sind, darunter England und die USA. Wenn die Gesellschaft dortigen Forschern diese besondere Freiheit gewährt, darf sie von ihnen auch ein hohes Mass an Verantwortungsbewusstsein erwarten.Dazu gehört einerseits, dass sie bei zukünftigen Versuchen Risiko und Nutzen stets sorgfältig abwägen. Und andererseits, dass sie klar benennen, in welchen Fällen ihre Technik zum Einsatz kommen könnte – und in welchen nicht.Zwei Todesfälle bei Gentherapien in ChinaWie schnell Sicherheitsbedenken unter dem Druck des medizinischen Fortschritts in den Hintergrund geraten können, zeigen zwei erst kürzlich bekanntgewordene Todesfälle bei Gentherapien in China. In zwei unabhängigen Versuchen starben ein sechsjähriges Mädchen mit einer seltenen Erbkrankheit und ein Bub mit Duchenne-Muskeldystrophie.Dabei war nicht die Geneditierung selbst tödlich, sondern die Methode, mit der die genetischen Werkzeuge in die Zellen gebracht werden sollten: Sie löste eine überschiessende Immunreaktion aus. Die Fälle zeigen aber, wie riskant es sein kann, neue Therapien allzu schnell zum Patienten zu bringen.Bei diesen beiden Versuchen in China handelte es sich um somatische Gentherapie. Dabei werden spezifische Körperzellen wie Blutzellen oder Nervenzellen von Kindern oder Erwachsenen verändert.Bei der Geneditierung von Embryonen steht aber noch weit mehr auf dem Spiel. Die Veränderung eines Gens in einem frühen Embryo betrifft später nicht nur sämtliche Zellen des Menschen, sondern wird auch an seine Nachkommen vererbt.Völlig zu Recht sind solche Gentherapien bei frühen Embryonen derzeit fast überall verboten. Nicht nur in europäischen Ländern, auch in den USA oder in China. Weil diese Eingriffe nicht nur einen einzelnen Menschen betreffen, sondern auch zukünftige Generationen, ist die Sicherheit hier noch höher zu bewerten.Auch mit Base-Editing ist das Verfahren heute noch nicht sicher genug, um es klinisch einzusetzen. Das sagen selbst die Forscher der neuen Studien ganz klar. Denn noch immer führt die Technik zu unbeabsichtigten Veränderungen der DNA. Gerade weil die Forscher mit Startups zusammenarbeiten, die wirtschaftliche Interessen haben, müssen sie sicherstellen, dass ihre Geneditierungsverfahren nicht verfrüht zum Einsatz kommen – etwa in Ländern mit lockeren Regeln.Doch die Wissenschafter gehen davon aus, dass sie die Technik weiter verbessern können und tatsächlich schon in einigen Jahren relativ einfach und sicher geneditierte Babys erzeugen können.Wo soll die Geneditierung möglich sein?Damit kommt eine entscheidende Frage hinzu. Wir müssen nicht mehr nur klären, ob die Technik sicher genug ist, sondern auch, was wir tun wollen, wenn sie es eines Tages ist.Auch in dieser Diskussion tragen die Forscher eine besondere Verantwortung. Sie dürfen nicht auf dem Standpunkt verharren, nur Daten zu liefern. Wer eine Technologie entwickelt, mit der sich das menschliche Erbgut über Generationen verändern lässt, muss sich auch mit den möglichen Folgen ihrer Anwendung auseinandersetzen. Denn fallen die Sicherheitsbedenken weg, wird sich unweigerlich die Frage stellen, wo die Verfahren angewendet werden sollen.In bestimmten Fällen könnte ihr Einsatz legitim sein. Denkbar wäre das bei Paaren, die Gene einer schweren Erbkrankheit in sich tragen. Diese können sich für eine künstliche Befruchtung entscheiden und aus mehreren Embryonen, die sich natürlicherweise genetisch unterscheiden, jene auswählen, die ein intaktes Gen haben. Doch wenn zu wenige Embryonen vorhanden sind, ist das nicht möglich.In anderen Fällen wäre die Geneditierung von Embryonen aber höchst unethisch. Dann nämlich, wenn die Technik zur Optimierung eingesetzt werden soll: um Eigenschaften wie Intelligenz, Augenfarbe oder Körpergrösse zu verändern. Damit würde eine rote Linie überschritten. Ein solcher Einsatz wäre nichts anderes als eine neue Eugenik – die Vorstellung, die genetische Zusammensetzung zukünftiger Generationen durch gezielte Fortpflanzung verbessern zu können. Für diese Idee wurden schon zu viele Verbrechen in der Menschheitsgeschichte begangen.Forscher sollten sich gegen Optimierung aussprechenDas zeigt, auf welcher ethischen Gratwanderung sich die Forscher befinden. Sie sollten deshalb offenlegen, mit wem sie zusammenarbeiten, welche Interessen ihre Partner verfolgen und wo sie selbst ethische Grenzen ziehen. Dazu gehört, dass sie sich klar gegen die genetische Optimierung von Embryonen aussprechen.Besonders problematisch ist deshalb, dass sich die amerikanische Forschungsgruppe einen Teil ihrer Forschung von einem Unternehmen aus dem Silicon Valley finanzieren lässt, das bereits umstrittene Screenings von Embryonen anbietet. Eltern können vor der künstlichen Befruchtung jenen Nachwuchs auswählen, dem unter anderem eine überdurchschnittliche Intelligenz vorausgesagt wird. Von derartigen Anwendungen müssen sich die Wissenschafter unmissverständlich distanzieren und folgerichtig auch auf Partnerschaften mit solchen Firmen verzichten.Und schliesslich müssen sich die Wissenschafter einer breiten öffentlichen Debatte stellen. Kommt ihr Forschungsgebiet in den nächsten Jahren so weit voran, wie sie es erwarten, kommen grosse Fragen auf uns zu: Wie schwer muss eine Krankheit sein, damit sie den Einsatz einer embryonalen Geneditierung rechtfertigt? Wer bekommt Zugang zu solchen Eingriffen? Wo endet Therapie, wo beginnt Optimierung? Und dürfen wir wirklich das Erbgut kommender Generationen ohne deren Einverständnis verändern?Die Gesellschaft sollte auf diese Fragen vorbereitet sein. Sie darf sich nicht erst dann mit ihnen beschäftigen, wenn bereits die Schlagzeilen über die nächsten geneditierten Babys zu lesen sind.Passend zum Artikel