«Wer einen Termin beim CEO von Nestlé will, fragt am besten Philippe Gex»: Valérie Dittlis grösster Fan ist ein bestens vernetzter WinzerDie Waadtländer Ministerin hat ein weiteres Gremium ihrer Mitte-Partei gegen sich. Doch ein ehemaliger FDPler hält bedingungslos zu Dittli – und mobilisiert seit einem Jahr Unterstützer für ihren Wahlkampf.24.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenValérie Dittli kann auf einen «Unterstützerklub» bauen – aber wird der wirklich breit mobilisieren können?Jean-Christophe Bott / KeystoneEinen Tag nachdem Valérie Dittli dem Präsidium ihrer Partei nicht hatte sagen wollen, ob sie erneut für die Waadtländer Regierung kandidiere, traf sie sich bei einem Winzer im Rhonetal mit ihrem Unterstützerkomitee. «Was machen wir nun?», fragte die Gruppe. Dittli antwortete: «Ich kandidiere.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.So erzählt es der Winzer Philippe Gex bei einem Treffen am Ort des Geschehens, der Domaine de la Pierre Latine im Dörfchen Yvorne bei Aigle. Gex ist ein Bonvivant Ende sechzig, er trägt Bluejeans und schenkt Weissen ein. Augenzwinkernd bezeichnet er sich mal als «has been», mal als «vieux con»: als Mann von gestern.Serge ChapuisPhilippe Gex war FDP-Mitglied, Gemeindepräsident, Gouverneur der einflussreichen Weinbruderschaft Confrérie du Guillon und viele Dinge mehr. Seine politischen Helden sind Churchill, de Gaulle und der Waadtländer Ex-Bundesrat Delamuraz.Nun hat er eine ganz andere Heldin: Valérie Dittli, eine der jüngsten Regierungsrätinnen der Schweizer Geschichte und die Persona non grata der Waadtländer Politik. Selbst der Vorstand der kantonalen Mitte-Partei will nicht mehr mit ihr antreten, wie er am Donnerstag beschloss. Gex hingegen unterstützt Dittli mit angeblich rund 300 Mitstreitern. Was treibt ihn an?Gex trauert der Liberalen Partei hinterherEigentlich habe er sich längst aus der Politik zurückgezogen, sagt Philippe Gex. Sein Grossvater und sein Vater engagierten sich in Yvorne, also tat auch Gex es. Sie alle politisierten für die Liberale Partei, die 2009 als Juniorpartner mit der Freisinnig-Demokratischen Partei zur FDP fusionierte.Heute fühlt sich Gex politisch heimatlos, wie auch andere Anhänger der Liberalen in der Waadt. Die Fusion mit den «Radikalen», wie die Freisinnigen auf Französisch heissen, entpuppte sich für ihn als feindliche Übernahme. Eins und eins ergebe eben nicht immer zwei.Insbesondere der langjährige Waadtländer FDP-Finanzvorsteher und heutige Ständerat Pascal Broulis ist für ihn ein rotes Tuch. «Als ich Gemeindepräsident war und Broulis anfing, waren die Kommunen reich. Als er ging, waren sie arm.» Tatsächlich beklagten sich die Gemeinden jahrelang, bis die FDP-Regierungspräsidentin Christelle Luisier einen neuen kantonalen Finanzausgleich aushandelte.Doch auch die drei gegenwärtigen Staatsräte der FDP kommen bei Philippe Gex schlecht weg. Er wirft ihnen etwa vor, die Einkommens- und Vermögenssteuern nur um sieben Prozentpunkte senken zu wollen und nicht um zwölf. Letzteres fordert eine Volksinitiative, die im September zur Abstimmung kommt.Die FDP-Basis hingegen sprach sich zu drei Vierteln für die Initiative aus. Für Gex zeigt das, wie sehr sich die Parteigranden von der Basis entfernt hätten. Dieses Phänomen sehe man auch in anderen Parteien, behauptet er.Die Dittli-Affäre brachte das Fass zum ÜberlaufenEndgültig genug von der FDP hatte Gex, als die Dittli-Affäre in der Öffentlichkeit explodierte. Im März 2025 lud die Regierung in corpore zu einer Medienkonferenz. Ein externer Experte warf Dittli unter anderem Amtsmissbrauch vor, dann stritten sich Regierungspräsidentin Luisier und Dittli vor laufenden Kameras.«Das war ein Inquisitionsgericht», sagt Philippe Gex. «Valérie Dittli wurde fertiggemacht.» Er habe immer gedacht, unangenehme Dinge regle man hinter verschlossenen Türen. «Ich fand das einer grossen Partei unwürdig.» Kurz darauf sei er aus der FDP ausgetreten.Seit jener Medienkonferenz, seit eineinhalb Jahren also, nimmt die Saga um Valérie Dittli immer neue Volten. Ihre Regierungskollegen entzogen ihr das Finanzdepartement, zwei weitere Untersuchungsberichte belasteten sie, das Kantonsparlament forderte ihren Rücktritt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen sie unter anderem wegen Verdachts auf Amtsmissbrauch.Für Philippe Gex spricht das nicht gegen Dittli, sondern für sie. Ihm imponiert, dass sie nicht längst aufgegeben hat, sondern dagegenhält. Zumal sie mit ihren 33 Jahren seine Tochter sein könne. «Sie hat Eier», sagt er, ganz der «vieux con».Eine waadtländische Jeanne d’ArcGex scheint in Dittli eine Art waadtländische Jeanne d’Arc zu sehen: eine Kämpferin gegen die «Kaste» der «Radikalen» und die angebliche «Einheitsmeinung» im Kanton. Ihm gefällt auch, dass sie Bauerntochter ist und etwa an Traktorfesten aushilft.Vor einem Jahr lud er Dittli zu einem Anlass in kleiner Runde auf sein Weingut. Ein paar Wochen später organisierte er mit ihr zwei Unterstützerabende, einen bei sich, einen in einem Luxushotel in Montreux. Es seien jeweils 140 bis 150 Leute gekommen.Seitdem erstellt Gex eine Liste mit Sympathisanten und potenziellen Geldgebern für Dittlis Wahlkampf. Rund 300 Namen habe dieser «Unterstützerklub» bis vor kurzem umfasst. Seit Dittli am 16. August ihre Kandidatur in Zeitungsinterviews verkündete und regionale Medien über Gex berichteten, sind viele weitere Namen hinzugekommen.Etwa der von François Chaudet, Sohn des einstigen Bundespräsidenten Paul Chaudet und Anwalt. Chaudet sagt am Telefon, die Waadt werde seit Jahren schlecht regiert. «Die Affäre um Valérie Dittli ist das i-Tüpfelchen.»Inhaltlich positioniere er sich nicht zur Affäre, betont er. «Aber ich möchte dabei helfen, die Würde von Frau Dittli wiederherzustellen.» Es gehe ihm auch nicht um Sachpolitik. Er sei einfach generell empfänglich für einen Kampf nach dem Schema «David gegen Goliath».Weitere Namen von Unterstützern will Gex dieser Tage nennen. Er behauptete bereits öffentlich, dass Waadtländer FDP-Kantonsparlamentarier unter ihnen seien. Doch die FDP-Fraktion wies dies in einer Mitteilung vergangene Woche zurück und schrieb, sie habe sich einstimmig gegen «jegliche Unterstützung» Dittlis ausgesprochen.Broulis’ Steuerpraxis ist für Gex der SkandalFür Philippe Gex dürfte das ins Schema passen. Er sei zwar kein Verschwörungstheoretiker, sagt er. «Aber . . . man will bestimmte Dinge vertuschen.» Die Dittli-Affäre sei eigentlich ein Broulis-Skandal.Tatsächlich begann die Causa Dittli damit, dass die unerfahrene Finanzministerin die Altlasten von Broulis’ Steuerbremse für Reiche regeln wollte. Unter Broulis war diese Steuerbremse jahrelang illegal angewandt worden. Dadurch entgingen dem Kanton nach eigenen Angaben hypothetisch rund 200 Millionen Franken.Doch im Fall Dittli geht es längst nicht mehr nur um die Steuerbremse. Im Kern geht es darum, dass Dittli so viele Leute verprellt hat, dass kaum jemand noch mit ihr zusammenarbeiten will. Politiker aller Couleur, bis in ihre Mitte-Partei, beschreiben sie als unzuverlässige Egoistin, die mal dieses, mal jenes behaupte. Man könne mit ihr nicht seriös zusammenarbeiten.Davon zeugt auch das Communiqué, das die kantonale Mitte-Partei am Donnerstag veröffentlichte. Der Vorstand äusserte seine «tiefe Enttäuschung» über die Art und Weise von Dittlis Kandidatur. Das sei eine «eklatante Missachtung unserer Partei und ihrer Mitglieder».Philippe Gex lässt das kalt. Am besten erhalte Dittli am 2. September die Unterstützung der Mitte-Delegierten für die kantonalen Wahlen. Wenn nicht, sei das auch nicht schlimm. Die Mitte Waadt sei sowieso verschwindend klein.Dittli selbst hat bereits zu verstehen gegeben, dass sie notfalls auch als Parteilose antreten könnte. Ein Wahlkampfflyer Dittlis, der bei Gex in der Weinstube ausliegt, erwähnt die Mitte nicht.Über Philippe Gex sagt Dittli auf Anfrage knapp, sie teile mit ihm die liberale Geisteshaltung. Auch sie finde, dass diese Haltung seit der Fusion mit den «Radikalen» etwas vernachlässigt worden sei.Gex kennt Bundesräte und einen Roche-MilliardärBald dürfte sich zeigen, wie sehr Gex für Valérie Dittli mobilisieren kann. Sein Netzwerk gilt als exzellent. Er bezeichnet Bundesräte als Freunde und verkaufte sein Weingut vor Jahren an den Milliardär und Roche-Erben André Hoffmann. Ein Weggefährte sagt, wer einen Termin beim CEO von Nestlé wolle, frage am besten Philippe Gex.Doch wollen sich wirklich viele Dittli-Sympathisanten für eine «mission impossible» einspannen lassen? Alle potenziellen Allianzpartner der Mitte-Partei haben bereits eine Zusammenarbeit mit Dittli ausgeschlossen. Die Chancen der Staatsrätin auf eine Wiederwahl scheinen gering.Ein Dittli-Sympathisant aus dem Umfeld von Gex, der anonym bleiben will, sieht Dittlis Kandidatur deshalb als Eigentor für die Bürgerlichen: Dittli dürfte insbesondere die FDP Stimmen kosten – und könnte somit der Linken zur Mehrheit verhelfen.Auch das kümmert Philippe Gex wenig. «Ist die FDP überhaupt eine bürgerliche Partei?» Abgesehen davon, sagt er schulterzuckend, sei er kein grosser Stratege.Passend zum Artikel