Ein junger Forscher übernimmt einen Kühlschrank voller Bakterien. Elf Jahre später verkauft er seine Firma für bis zu 450 Millionen Franken – wie geht das?Simon Ittig hat möglicherweise einen neuen Ansatz für die Bekämpfung von Krebs entdeckt. Manchmal fragt er sich, warum nicht mehr junge Schweizer Forscher den Schritt zur Unternehmensgründung wagen.24.08.2026, 05.31 Uhr9 LeseminutenUnternehmerische Erfahrung hat Simon Ittig (44) schon als Schüler gesammelt, als er mit Kollegen Partys für zweitausend Leute organisierte.Ein Kühlschrank mit Bakterien kann ein Schatz sein. Aber nur für jemanden, der ihn auch zu heben vermag. Simon Ittig ist eine solche Person.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der 44-jährige Mikrobiologe müsste eigentlich nie mehr arbeiten. Denn der Kühlschrank, eine Hinterlassenschaft seines Doktorvaters, war die Basis für eine wissenschaftliche Entdeckung. Eine, mit der sich möglicherweise Krebs bekämpfen lässt. Sie ist der Grund, weshalb er vor zweieinhalb Jahren seine Firma an einen Pharmakonzern verkaufen konnte.Doch Simon Ittig ist noch immer da und arbeitet weiter. Er öffnet selber die Tür zu den Räumlichkeiten des Unternehmens in Allschwil bei Basel. Dieses leitet er nach wie vor, auch wenn es nun zur deutschen Firma Boehringer Ingelheim gehört. Ein helles Eckbüro, abgegrenzt von neuen Labors, dazwischen gibt es für die Mitarbeiter einen Pausenbereich, der irgendwie an eine überdimensionierte WG-Küche erinnert.Das Studentenleben liegt für Ittig schon viel weiter zurück, als sein jugendliches Auftreten vermuten lässt. Seine Dissertation hat er vor vierzehn Jahren abgeschlossen. In dieser Zeit ist er vom Wissenschafter zusätzlich zum Unternehmer geworden.Manchmal fragt er sich, warum im Pharmaland Schweiz nicht mehr junge Talente diesen Weg einschlagen. Denn: «Es ist doch alles da», sagt er. Mit «alles» meint er Hochschulen, Geld, Wissenschafter und ein Umfeld von Firmen aus der Branche, von dem andere Standorte nur träumen könnten.Ja, warum eigentlich?Simon Ittig sagt: «Ich hatte viel Glück und Unterstützung.» Dass das allein nicht reicht, wird schnell klar, wenn man ihm zuhört und wenn man mit Weggefährten und Förderern spricht. Noch wichtiger für den Erfolg waren seine Persönlichkeit und, ja, harte Arbeit.Wann genau Ittig den Weg in Richtung Biologie eingeschlagen hat, kann er heute nicht mehr festmachen. Im Gymnasium Reussbühl in Luzern entscheidet er sich nicht für einen mathematisch-naturwissenschaftlichen Typus, sondern für alte Sprachen, also Latein und Griechisch. Doch da gibt es das Wahlfach Biochemie bei einem Lehrer, der früher bei Novartis gearbeitet hat. Dort merkt er: «Mich interessiert, wie die kleinen Prozesse in den Zellen funktionieren.»Bei der Matur zählt Ittig zu den drei Besten seines Jahrgangs. Schliesslich studiert er Biochemie in Bern und Biotechnologie in Strassburg. Für sein Doktorat kommt er ans Biozentrum der Universität Basel.Die BakterienAls Ittigs Doktorvater 2012 in Pension geht, ist da dieser Kühlschrank, den er nicht mehr braucht. Er enthält Tausende von Bakterienstämmen, die der Professor jahrzehntelang studiert hat.Ittig ist interessiert, die Bakterien zu übernehmen. Eine Idee davon, was er damit anstellen will, hat er noch nicht. Es reut ihn aber um die viele Arbeit, die sein Professor schon in die Herstellung der genetisch veränderten Stämme investiert hat.Yersinien (Yersinia enterocolitica) sind Bakterien, die Krankheiten wie Durchfall auslösen können. Würden sie genetisch verändert, so die Hoffnung, sollten sie zur Bekämpfung von Krankheiten eingesetzt werden können.Smith Collection / Gado / GettyBei den Bakterien handelt es sich um eine Spezies, die von Natur aus mit einer Art Nadelsystem ausgerüstet ist. Damit können sie Proteine in Zellen einschiessen. Es sind Bakterien wie etwa Salmonellen oder Yersinien, die im Schweinefleisch überleben, wenn man es nicht genügend kocht. Mit der Nadeltechnologie halten sie sich das menschliche Immunsystem vom Leib. Die Menschen werden krank, bekommen Magen-Darm-Verstimmungen.Erst als Ittig in einer Arbeitsgruppe auf ein Problem trifft, kommt ihm in den Sinn: «Diese Bakterien machen ja genau das, was wir suchen!» Und so probieren der junge Forscher und seine Kollegen, wie sich die Bakterien genetisch verändern lassen und was sie mit ihren «Kanonen» alles verschiessen können. Die ersten Experimente mit Zebrafisch-Embryos, die nicht grösser sind als ein Reiskorn, sind «wahnsinnig mühsam».«In der Biologie kommt selten etwas so heraus, wie man es sich ausmalt», sagt Ittig, «aber hier wurden unsere Erwartungen übertroffen!»Weil das Prinzip so gut funktioniert, kommt irgendwann die Idee auf, es für die Bekämpfung von Krebs einzusetzen. Ziel ist es, vereinfacht gesagt, die Bakterien so zu «programmieren», dass sie im Körper nur im Krebs überleben können und so fast nur bei den Krebszellen andocken. In diese hinein sollen sie etwas absondern, das die Krebszelle quasi zum Suizid zwingt.Nun hatten die jungen Forscher einen Plan. Was noch fehlte, war das Geld, um die Sache voranzutreiben.Das GeldVielleicht war Ittig schon Unternehmer, bevor er zum Forscher wurde. Als Gymnasiast organisiert er zusammen mit Kollegen Silvesterpartys für zweitausend Personen. Dabei riskieren die Schüler 40 000 Franken für einen Abend mit den Unkosten für Miete, Ausrüstung, DJ und Personal – ein stattlicher Betrag für ein paar 16-Jährige. Um sich das Geld zu beschaffen, putzt Ittig im Schulhaus nachmittagelang Fenster.Nebenjobs sind jedoch keine Option, als er und seine Mitstreiter die Arbeit an ihrem Forschungsprojekt weiter vorantreiben. Und: «Als Doktorand kann man nichts zur Seite legen», sagt er. Zudem ist seine Frau damals gerade mit dem dritten Kind schwanger.Ittig realisiert, dass er für die Suche nach Geld den Blick auf seine Forschungsresultate verändern muss. «Es ist ein völlig anderes Mindset», sagt er. «Als Wissenschafter ist man vorsichtig. Ich wurde darauf getrimmt, meine Erkenntnisse stets zu relativieren. Ja nie zu viel versprechen!»Ganz anders ist es, wenn er Investoren überzeugen will. Plötzlich muss Ittig gross denken und die Möglichkeiten der neuen Technologie im besten Licht darstellen, ohne aber zu übertreiben.Ittig vergrössert sogar das Team, damit er sich fortlaufend dem Fundraising widmen kann. So vermeidet er den Fehler, den viele Jungunternehmen machen: Wenn sie das erste Geld erhalten, arbeiten sie zwölf oder achtzehn Monate damit – und müssen sich dann erneut auf die Suche nach Kapitalgebern machen.Kritisch ist die Phase, in der man nicht mehr Grundlagenforschung betreibt, aber noch keine Firma gründen und in grossem Stil Geld sammeln kann. «Wir sprechen hier nicht von Monaten, sondern von Jahren», sagt Ittig.In den Anfängen sind es die KTI, die Innovationsförderung des Bundes (seit 2018 Innosuisse), und private Stiftungen, die Unterstützung leisten. «Diese Beiträge sind fundamental», sagt er. Für die Nutzung der Labors und der teuren Apparate sind Ittig und seine Kollegen darauf angewiesen, dass ihnen die Uni diese zur Verfügung stellt.Dazu kommt: «Sobald man eine Firma gründet und damit auch ein privates Finanzinteresse da ist, wird es schwieriger, Geld von Stiftungen aufzutreiben.» Von den drei Gründern ist Ittig derjenige, der am meisten drängt, vorwärtszumachen. Wenn man weiterhin bloss Beträge von 50 000 oder 100 000 Franken sammle, dann «chüechle» man auch in zwei Jahren noch herum, befürchtet er.Er will nicht warten, sondern die Firma mit dem Namen T3 (für das Typ-III-Sekretionssystem der Bakterien) weiterentwickeln, denn «jetzt haben wir eine Story! Die Bakterien machen, was wir wollen.» Ihm war schon immer klar: Es braucht einen zweistelligen Millionenbetrag.Idealerweise verteilt sich dieser nicht auf allzu viele Investoren. «Wenn Sie die Grossmutter des Mitgründers im Aktienregister haben, wird das umständlich, weil sie dann alle Dokumente unterschreiben muss.» Man wolle auch nicht, dass jemand sein Haus in der Toskana verkaufen müsse, wenn es schieflaufe.Es ist also nicht nur so, dass die potenziellen Geldgeber die Firma durchleuchten, sondern das passiert auch umgekehrt. Man habe Interessenten abgelehnt, die hohe Beträge investiert hätten, sagt Ittig. Bis zum Verkauf fliessen dem Startup rund 40 Millionen Franken an Finanzierung zu.Simon Ittig arbeitet auch nach dem Verkauf seiner Firma an Boehringer Ingelheim bei T3 im Basler Vorort Allschwil.Die FördererDoch irgendwann müsse man sagen, «diesen Personen vertrauen wir». Namen nennt Ittig keine. In der Schweiz, gerade in der Region Basel, gibt es viele Menschen, die mit ihrem Geld etwas bewegen möchten. Zum Teil haben sie ihr Vermögen selber in den Lifesciences erwirtschaftet. «Ja», sagt Ittig, es habe in seinem Fall wohl auch so etwas wie einen «Lokalbonus» gegeben: «Das erste Mal in meiner Berufskarriere war ich froh, Schweizerdeutsch zu sprechen.»Das Vertrauen dieser Investoren bezeichnet er als «riesiges Geschenk». Genauso sieht er die Unterstützung, die er zuvor von seinem Doktorvater Guy Cornelis und von Erich Nigg, dem Leiter des Biozentrums in Basel, erhalten hat, beispielsweise beim Schreiben von Anträgen für Forschungsgelder.Im Fall von Nigg war es aber noch viel mehr. Der renommierte Zellbiologe, der lange das Max-Planck-Institut in Deutschland geleitet hat, setzt alle Hebel in Bewegung, damit Ittig in der heiklen Phase zwischen Doktorat und Firmengründung weiterhin in den Labors am Biozentrum weiterforschen kann. Er ist es auch, der bei der Investorensuche einen entscheidenden Kontakt vermitteln kann.Wenn man mit Personen spricht, die Simon Ittig auf seinem Weg begleitet haben, wird rasch klar, worauf dieses Vertrauen gründet. Sie bezeichnen ihn als Wortführer, als jemanden mit Biss. Er sei «polyexzellent» und dennoch bescheiden. Und vor allem: kein Blender.Es liegt auch daran, dass Ittig voll hinter dem Projekt steht. «Wenn man gleichzeitig noch einen Plan B verfolgt und auf eine Assistenzprofessur in Kalifornien schielt, ist man nicht glaubwürdig», sagt er. Und so sind Ittig und der Mitgründer Christoph Kasper zehn Jahre lang für alles verantwortlich. Neben der eigentlichen Forschungsarbeit sind es Dinge wie die IT-Sicherheit, Behördengänge, patentrechtliche Probleme bis hin zu der Frage, wer den Laborboden putzt.Der VerkaufSimon Ittig macht das nichts aus, er kann mit dem Druck umgehen. Aber er weiss auch: «Wenn man als Startup zu lange einfach nur überlebt, ohne zu wachsen, ist das ein Problem.» Schliesslich möchte man ja seine wissenschaftlichen Erkenntnisse eines Tages zu den Patienten bringen. Das geht nicht ohne einen potenten Partner.Die Gründer versuchen deshalb schon früh, in Kontakt mit grossen Firmen zu kommen. Sie wollen wissen, wonach die Pharmakonzerne suchen. Es kommt zu ersten Kooperationen.Sie reisen an eine Konferenz in Berlin mit dem Ziel, dort bei einem Vertreter von Boehringer Ingelheim auf den Radar zu kommen. Der Plan geht auf. Es kommt zu einer Zusammenarbeit, und der deutsche Pharmakonzern beteiligt sich zunächst über seinen Venture-Fonds an T3.Irgendwann kommt der entscheidende Moment: Boehringer Ingelheim will sich das Know-how sichern und die Firma ganz übernehmen, um die Technologie gemeinsam voranzutreiben.In der Startup-Firma mit knapp zwanzig Mitarbeitenden wissen nur Ittig und der Mitgründer Kasper von den Plänen. Als der Abschluss näher rückt, «bedienen» die beiden Jungunternehmer zu zweit auf der Verkäuferseite bis zu hundert Ansprechpartner auf der Käuferseite.«Das war eine Grenzerfahrung», sagt Ittig. Eine grosse Hilfe ist der Verwaltungsratspräsident, der selber schon mehrere ähnliche Transaktionen begleitet hat.Im November 2023 ist es so weit: Boehringer Ingelheim übernimmt die restlichen Anteile an T3 für einen Preis von bis zu 450 Millionen Franken, je nachdem, ob und wie sich die Technologie bewährt. Wie viel davon auf die Gründer und die einzelnen Investoren entfällt, geben die Beteiligten nicht bekannt.Ein Punkt ist Ittig wichtig: Auch die Universität Basel verdient an der Transaktion. Weil ihr die ersten Patente gehören, nützt der Verkauf auch der öffentlichen Hand und letztlich dem Steuerzahler.Die LehrenErfolgsgeschichten lassen sich nicht einfach reproduzieren. Das zeigt sich, wenn man ein paar hundert Meter weiter von Simon Ittigs Büro die Strasse hinunterspaziert. Dort steht der ehemalige Sitz von Actelion – also dem Unternehmen, welches das Gründerehepaar Jean-Paul und Martine Clozel einst für 30 Milliarden Dollar an Johnson & Johnson verkauft haben.Bei ihrer Nachfolgefirma Idorsia hingegen, mit der die Clozels danach nochmals durchstarten wollten, ist die Euphorie verflogen. Sie musste im grossen Stil Personal abbauen, und die Zukunft ist ungewiss.Mit der Technologie von T3 finden derzeit klinische Studien statt. Sie wird an Krebspatienten getestet. Aber Simon Ittig weiss: Es gibt immer das Risiko, dass die «Bakterienkanone» nicht so funktioniert wie erhofft und der grosse Durchbruch ausbleibt.Trotzdem wünscht er sich, dass mehr junge Forscher den Schritt zur Firmengründung wagen und dass weniger Ideen an der Uni versanden. Ittig weiss von mehreren Professoren, die Forschungsprojekte weitertreiben wollen, aber niemanden finden.Wenn man schon früher im Studium etwas über Firmengründung lernen würde und positive Rollenmodelle zeige, würden sich vielleicht mehr Leute den Schritt zum Unternehmertum zutrauen, sagt Ittig.Seine Erfahrungen fliessen in einen politischen Vorstoss ein, der im Herbst im Basler Kantonsparlament behandelt werden soll. Das Papier regt ein neues Förderinstrument für Forscher in derselben Situation an: substanzielle Mittel, um den Zeitraum zwischen vielversprechenden Resultaten und vermarktbaren Lösungen zu überbrücken, wie es das an der ETH bereits gibt.Simon Ittig sieht aber auch Vorteile, wenn man den Entscheid nicht allzu systematisch trifft. «Naivität kann eine Kraft sein – wenn man etwas wagt, ohne vorher alles abzuchecken. Es ist ein wenig, wie wenn man Eltern wird!»Passend zum Artikel