«Wir vermarkten unser Potenzial nicht genug»: Zwei Startup-Investorinnen über die Unterschiede zwischen Zürich und San FranciscoSchweizer können tüfteln, Amerikaner verkaufen. Das nutzen die Investorinnen Sophie Lamparter und Nathalie Moral aus. Im Interview erklären sie, warum Schweizer Gründer ihre Mentalität ändern müssen – und wieso sie Klimainvestitionen gerade jetzt für klug halten.14.08.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenBauen einen Fonds in San Francisco und Zürich auf: die Investorinnen Sophie Lamparter (links) und Nathalie Moral.PDMehr als 9000 Kilometer liegen zwischen ihnen, noch dazu ein Ozean und jede Menge kulturelle Unterschiede. Die grosse Distanz zwischen ihren Büros haben Sophie Lamparter und Nathalie Moral mit Absicht gewählt. Ihr Investmentfonds fusst auf der Idee, zwei Städte zusammenzubringen, die aus unterschiedlichen Gründen Startups anziehen: San Francisco und Zürich.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Fonds namens Vitamin C der beiden Mittvierzigerinnen investiert in Climate-Tech, also in Startups rund um erneuerbare Energien, Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Es ist eine gewagte Investmentstrategie in einer Zeit, in der andere Investoren vor allem auf künstliche Intelligenz setzen – und Klimaschutz unter Donald Trump.Kann das gutgehen? Bisher haben die Gründerinnen rund 20 Millionen Dollar für ihren Fonds eingesammelt.Die NZZ spricht mit ihnen dort, wo sie arbeiten: mit Sophie Lamparter in San Francisco, in einem «Green Tech»-Gemeinschaftsbüro, dessen üppig bepflanzte Aussenfassade sich vom Rest des Finanzdistrikts abhebt. Und mit Nathalie Moral im Student Project House der ETH, das diese für ihre Studierenden und deren Projekte und Startups eingerichtet hat. Die Räume mit den flexiblen Arbeitsplätzen befinden sich nur eine Strasse vom Hauptgebäude mit den Hörsälen entfernt. Das Interview findet per Videokonferenz statt.Frage: Frau Lamparter und Frau Moral, wenn Sie morgens Ihre Laptops aufklappen und neun Stunden Zeitverschiebung überbrücken: Wie viel kulturelle und mentale Distanz liegt wirklich zwischen Ihnen?Antwort: Nathalie Moral: Wir nehmen bei dem, was bei uns auf dem Tisch landet, sehr deutliche Unterschiede wahr: bei der Startup-Kultur, den Investitionsmöglichkeiten, den Gesprächen, die wir mit Gründerteams führen.Frage: Sitzen in Zürich die Bremser und in San Francisco die Macher?Antwort: Sophie Lamparter: In der Schweiz gibt es ebenfalls sehr viele Macher – etwa bei der ETH, wo ihr gerade sitzt. Es gibt kaum eine Uni, die so viel geistiges Eigentum generiert, so viele Spin-offs schafft. Die Schweiz rangiert auch auf dem Global-Innovation-Index ganz oben. Ich glaube, der grosse Unterschied liegt beim Verkaufen und beim Skalieren.Frage: Was läuft da noch schlecht in der Schweiz?Antwort: Lamparter: Wenn ein Schweizer Gründer dir eine Idee pitcht, erklärt er dir, wie das Produkt gebaut ist und dass es phantastisch funktioniere. Ein amerikanischer Unternehmer pitcht dir eine ganze Zukunftsvision, ein Business.Frage: Die Schweizer denken also klein und die Amerikaner gleich an den Weltmarkt?Antwort: Lamparter: Ja – und die Amerikaner denken auch in der Zukunft. Sie sind gut darin, die langfristigen Ziele zu präsentieren, das Potenzial. Aber wenn man genauer auf die Substanz schaut, wurde oft noch nicht so viel entwickelt. Die Schweizer wiederum sagen dir weniger, was das skalierbare Geschäftsmodell ist, und eher, was sie bereits erreicht haben. Manche Schweizer Startups sind seit sechs Jahren im Labor und haben schon mehrere Patente, bevor sie mit einem Kunden sprechen. Sie gehen erst raus, wenn etwas perfekt ist.Frage: Inwiefern spüren Sie, Frau Lamparter, dass Sie in San Francisco am Puls der Zeit leben – gerade in Zeiten von KI?Antwort: Lamparter: Was mich auch nach vierzehn Jahren hier hält, ist der Optimismus. Man ist hier überzeugt, dass man mit Technologie etwas verändern und die Zukunft mitgestalten kann. Man sieht diesen Tech-Optimismus überall: Es gibt beispielsweise mehr Waymos, also autonome Fahrzeuge, als normale Taxis auf der Strasse.Aus «Klimaschutz» wird «Energieeffizienz»: Die Investorinnen erklären, wie sie Klimatechnologien verkaufen.PDFrage: Frau Moral, beneiden Sie das manchmal?Antwort: Moral: Es ist ja nicht so, dass wir in der Schweiz ganz hinter dem Mond leben. Wir produzieren viel gute Technologie. Aber hier fehlt manchmal dieses optimistische Nach-vorne-Schauen. Wir sind eher das Land der Versicherungen.Frage: Sind Schweizer Startups vergleichsweise ein Schnäppchen für Sie?Antwort: Lamparter: Das sind sie. Als Investor sollte man da investieren, wo etwas «overlooked» und «undervalued» ist, also übersehen und unterbewertet – das ist in der Schweiz und generell in Europa oft der Fall. Wenn eine Schweizer Hochschule ein Startup ausgliedert, sind Jahre an Forschung hineingeflossen, meist finanziert durch Staatsgelder. Das sind oft sehr gute und solide Firmen.Frage: Und wieso ist die Investorenkonkurrenz in der Schweiz nicht grösser?Antwort: Lamparter: In der Schweiz flossen vergangenes Jahr gerade einmal 3 Milliarden Franken an Venture-Capital in Startups. Vergleichen Sie das mit dem Silicon Valley, das von der Zahl der Bewohner her ähnlich gross ist: Dort waren es 100 Milliarden Dollar (81 Milliarden Franken, Anm. d. Red.). Dieses Jahr wird es wegen des KI-Booms noch viel mehr sein.Antwort: Finanzierungsrunden in der Schweiz sind tendenziell kleiner und langsamer. Wachstumskapital fehlt komplett, sprich Startups müssen sich dann an ausländische Investoren wenden – oder sie werden gleich an ein ausländisches Unternehmen verkauft. Das ist ein Riesenverlust für die Schweiz.Frage: Was müsste sich ändern, damit diese Finanzierungslücke geschlossen wird?Antwort: Lamparter: Die Pensionskassen müssten endlich mitinvestieren und ein bisschen risikoreicher denken dürfen. In den USA tun sie das bereits seit den siebziger Jahren, mit Erfolg.Antwort: Es fehlt strukturell etwas: ein grosser Fonds etwa, in den Pensionskassen investieren können, der vom Staat gesichert ist und der in Wagniskapital investiert. Das würde dringend benötigte grosse Finanzmittel zur Verfügung stellen.Frage: Ausländische Investoren verlangen oft, dass ein Schweizer Startup seinen Sitz in die USA verlegt. Tragen Sie damit nicht zur Talentflucht bei?Antwort: Lamparter: Unserer Erfahrung nach bleiben Forschung und Entwicklung meist am Standort, auch weil Fachkräfte hier in der Schweiz sehr gut und gleichzeitig billiger sind als in den USA. Der Braindrain ist also nicht das Risiko. Aber tatsächlich verlangen Investoren oft, dass ein Startup rein formal eine amerikanische Firma wird. In den USA zahlt man dann auch Steuern.Frage: Haben es Startups in den USA denn einfacher?Antwort: Lamparter: Als Firma kannst du dort eine «limited liability company», eine LLC, in zwanzig Minuten daheim am Computer aufsetzen, ohne Mindestkapital. In der Schweiz muss man für eine AG bei der Gründung 100 000 Franken parat haben – unnötig viel für ein Startup.Antwort: Wir verpassen da etwas in der Schweiz, vor allem jetzt im KI-Boom. Es geht um die Zukunft, um Arbeitsplätze, aber es geht auch darum, dass wir Technologien selbst produzieren – etwa im Bereich erneuerbare Energien. Es ist doch toll, wenn wir eigene europäische und Schweizer Lösungen hervorbringen. Aber es braucht Kapital, damit diese Ideen wachsen können.Frage: Derzeit dreht sich in den USA alles um KI. 86 Prozent allen Wagniskapitals flossen in der ersten Jahreshälfte in diesen einen Sektor. Können da Klimatechnologie-Firmen überhaupt noch Gehör finden?Antwort: Lamparter: Climate-Tech muss sich nun anders positionieren: als kostengünstigste Lösung, um den Energiebedarf der grossen KI-Datenzentren zu decken. Diese Stromversorgung ist nämlich häufig der Flaschenhals. Hier liegt die grosse Chance für erneuerbare Energien.Antwort: Moral: Aus «Klimaschutz» wird «Energieeffizienz». Unsere erste Investition haben wir in ein Startup getätigt, welches Früherkennungs- und Überwachungssysteme für Waldbrände baut. Waldbrände verursachen realen ökonomischen Schaden. Wenn man die Brände früh bekämpfen kann, schafft das einen grossen finanziellen Mehrwert – und es nützt dem Klimaschutz.Antwort: Lamparter: Und nicht zuletzt hat auch der Krieg mit Iran gezeigt, wie problematisch unsere Abhängigkeit von fossilen Energieträgern ist. Und dass erhöhte Öl- und Gaspreise erneuerbare Alternativen preislich noch attraktiver machen.Frage: Unter Trump wurden alle Förderungen von Climate-Tech gestrichen. Ist es nicht enorm riskant, ausgerechnet jetzt einen Fonds aufzulegen, der sich auf Climate-Tech spezialisiert?Antwort: Lamparter: Wir denken viel langfristiger als eine Präsidentschaft, unser Fonds ist auf zwölf Jahre aufgelegt.Antwort: Moral: Zudem hilft es uns, dass wir sowohl in Europa als auch in den USA investieren. Damit sind wir als Fonds nicht abhängig von einer einzigen Regierung.Frage: Trotzdem ist der Zeitpunkt doch sehr riskant: Im Februar hat die Trump-Regierung eine wichtige Vorgabe für den Klimaschutz gekippt, die die Gefahr von Treibhausgasen für die Gesundheit festgestellt hatte. In den USA steht Klimaschutz derzeit auf dem Index wie «Wokeness» und «Diversity».Antwort: Lamparter: Tatsächlich hatten viele Firmen den Schritt in die USA gemacht, weil sie dort von der Regierung finanzielle Förderung erhielten. Das Schweizer Startup Climeworks etwa, das Modelle zur CO2-Filterung aus der Luft baut, ging aus diesem Grund in die USA und erhielt dort Millionen an Fördergeldern. Diese Gelder wurden nun komplett gestrichen.Antwort: Dabei sind solche Fördermittel wichtig, denn Klimatechnologien sind hochkomplex und teuer. Oft muss man völlig neue, physische Prozesse entwickeln und Fabriken bauen. Climeworks geht jetzt nach Kanada. Und andere amerikanische Klimatech-Startups in der Anfangsphase schauen nach Europa.Antwort: Moral: Am Ende müssen all diese Unternehmen auch am freien Markt bestehen. Subventionen sind gut und notwendig, aber die Unternehmen kann man nicht ewig durchfinanzieren. Und wir sehen, dass das funktionieren kann, gerade auch jetzt unter der Trump-Regierung.Frage: Geben Sie uns ein Beispiel.Antwort: Lamparter: Im Mai sah man mit Fervo Energy den bislang grössten Börsengang eines Klimatech-Startups. Das ist ein Geothermal-Startup, das KI-Datenzentren mit erneuerbaren Energien versorgt. Durch die Nachfrage nach Energie hat Fervo Energy enormen Schub bekommen und so etwa ein Abkommen mit Google für einen grossen Geothermie-Ausbau unterschrieben.Frage: Das ist aber die grosse Ausnahme bei Climate-Tech-Startups. In der Regel übernehmen grosse Konzerne, zum Teil auch Erdölkonzerne, die Startups. Unterstützen Sie als Fonds also Startups, um sie am Ende an die alten fossilen Riesen zu verkaufen?Antwort: Moral: Wir wollen möglichst nicht an Öl- und Gasfirmen verkaufen. Weniger aus dogmatischen Gründen als weil diese Firmen dazu tendieren, ihre Konkurrenz aufzukaufen, um ihre Vorreiterposition im Markt zu halten.Frage: Und welche Alternativen bleiben dann?Antwort: Lamparter: Die Exitstrategie schwingt bei uns immer im Hinterkopf mit. Tatsächlich rechnet man bei Investitionen in Deep Tech und hardwarebasierte Systeme mit anderen Zeithorizonten als bei Softwarefirmen. Das klassische Zehn-Jahres-Modell für Investoren ist überholt. Ich glaube, wir werden in Zukunft mehr Fonds sehen, die Anteile von Startups nach sieben, acht Jahren an andere Investoren weiterverkaufen. «Secondaries» nennt man das im Jargon.Frage: Als Investoren brauchen Sie also einen grossen Weitblick. Wie entscheiden Sie heute, welche Startups in zehn, zwölf Jahren noch boomen?Antwort: Lamparter: Wir achten darauf, dass ein Produkt «defensible» ist, also eigene Patente und Know-how besitzt. Im Klimabereich zählen dazu oft Prozesse und Hardware – Dinge, die nicht so schnell kopiert werden können. Ebenso wichtig ist einzigartiges Wissen durch die Daten, die eine Firma sammelt oder generiert. Und schnelles Skalieren, also Wachstum, um sich von Wettbewerbern abzugrenzen.Frage: Und mit Blick auf die Gründer?Antwort: Moral: Ein gutes Gründerteam ist essenziell. Wir schauen da genau hin: Haben sie Ambition und Biss? Die meisten Investoren sagen, dass sie in Teams investierten. Wir haben dafür inzwischen ein gutes Bauchgefühl, schliesslich reden wir pro Jahr mit Hunderten von Startups. Aber wir ziehen auch ein wissenschaftsbasiertes Tool zu Rate, «Predictive Index» genannt. Dieses erstellt jeweils ein Profil, das uns zeigt, wie die Gründer ticken. Wichtig ist, dass sie sich gut ergänzen.Antwort: Lamparter: Diesen Test haben auch wir gemacht, als wir den Fonds gegründet haben – und es kam heraus, dass wir unterschiedlich genug sind, um uns zu komplettieren.Frage: In Europa wächst zunehmend die Skepsis gegenüber den USA und Big Tech. Inwiefern spüren Sie bei Ihren europäischen Gründern einen solchen Widerstand?Antwort: Lamparter: Tatsächlich hat eine unserer Portfolio-Firmen bereits ihren Markteintritt in die USA verschoben. Regulatorische Unsicherheit, wie wir sie derzeit aus Washington sehen, ist nicht gut für Startups. Aber für die meisten Startups bleibt Amerika enorm attraktiv – durch den Zugang zum Kapital, die Grösse des Marktes, die Geschwindigkeit.Frage: Ist jetzt vielleicht der Moment, in dem amerikanische Startups nach Europa abwandern?Antwort: Moral: Ja, wir kennen da ein paar Beispiele. Wir müssen uns in Europa allgemein und speziell in der Schweiz überhaupt nicht verstecken, wir sind ein Top-Forschungsstandort. Wenn es um Innovation geht, sind wir auf Rang 1 weltweit und haben seit 2020 mehr VC-finanzierte Deep-Tech-Startups hervorgebracht als Oxford und Cambridge zusammen. Es ist sehr attraktiv für Forscher, in die Schweiz zu kommen.Antwort: Lamparter: Aber das wird leider nicht deutlich genug propagiert. Da machen wir den gleichen Fehler wie viele Schweizer Startups: Wir vermarkten unser Potenzial nicht genug.Passend zum Artikel
«Manche Schweizer Startups sind sechs Jahre im Labor, bevor sie überhaupt einmal mit einem Kunden sprechen.»
Die Schweizer können tüfteln, die Amerikaner verkaufen. Das nutzen die beiden Investorinnen Sophie Lamparter und Nathalie Moral aus. Im Interview erklären sie, warum Schweizer Gründer ihre Mentalität ändern müssen – und wieso sie Klimainvestitionen gerade jetzt für klug halten.






