Warum sich Risikokapitalgeber aus dem Silicon Valley plötzlich für Schweizer Startups interessierenInternet und Software waren gestern. Venture-Tech-Fonds fokussieren jetzt auf Hochtechnologie wie Biotech, Robotik, Raumfahrt oder Quantencomputer. Davon profitiert die Schweiz massiv.24.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEine Drohne der Schweizer Firma Verity.Ennio Leanza für NZZSchweizer Startups, die Spitzentechnologie entwickeln, stehen weltweit hoch im Kurs. Vielleicht so hoch wie noch nie.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Es vergeht keine Woche mehr, in der uns nicht eine Venture-Capital-Firma aus dem Silicon Valley anruft», sagt zumindest Alex Stöckl. Er leitet die Zürcher Firma Founderful. Diese finanziert Jungunternehmen aus dem Technologiebereich und ist somit im gleichen Business tätig wie die amerikanischen Risikokapitalgeber (VC), die Stöckl nun kontaktieren. Founderful ist eine der Anlaufstellen für VC aus dem Ausland, die sich über Schweizer Startups informieren wollen.Die Schweiz war früher gar nicht auf der LandkarteDoch wieso interessieren sich globale Wagniskapitalgeber plötzlich für die Schweiz? Früher waren sie, wenn sie sich überhaupt nach Europa bemühten, primär in Tel Aviv, London oder Berlin unterwegs. Und manchmal vielleicht noch in Skandinavien.Stöckl muss etwas ausholen, um das zu erklären. Während zweier Jahrzehnte hätten VC hauptsächlich internetbasierte Geschäftsmodelle finanziert, also etwa E-Commerce, Food-Delivery, Social Media oder Cloud-Software. Solche Firmen entstanden vor allem in Ländern mit grossen Heimmärkten. Die Schweiz hat in dieser Hinsicht kaum etwas zu bieten.Doch irgendwann war das Potenzial solcher Plattformunternehmen erschöpft. Es brauchte nicht noch ein fünftes Zalando oder ein sechstes Bolt. Als die Wagniskapitalfirmen merkten, dass sie mit solchen Geschäftsmodellen kaum mehr etwas verdienen können, richteten sie ihren Fokus auf sogenannte Deep-Tech-Firmen. Also Startups in Hochtechnologie-Bereichen wie Biotech, Drohnen, Raumfahrt, Quantum-Computing, Robotik oder 3-D-Druck.«Und da sind die ETH und die EPFL seit je führend und besser positioniert als alle anderen europäischen Hochschulen», sagt Stöckl. «Seit zwei, drei Jahren sehen wir nun ein massives Interesse aller grossen VC an Schweizer Startups.»ETH und EPFL vor Oxford und CambridgeDiese Entwicklung zeigt sich auch im zweiten Swiss Deep Tech Report, der letzte Woche veröffentlicht wurde. Er schreibt, dass keine andere Hochschule in Europa mehr Spin-offs im Bereich Hochtechnologie vorweisen könne als ETH und EPFL.Der Bericht konzentriert sich dabei auf jene Jungunternehmen, die von Venture-Capital finanziert werden. Denn das ist wahrscheinlich der beste Hinweis darauf, dass auch unabhängige Experten an die Zukunftsfähigkeit dieser Firmen glauben.63 Prozent der hiesigen Startups, die Wagniskapital bekommen, sind im Hochtechnologiebereich tätig. Es gibt kein Land der Welt mit einem so klaren Fokus auf Deep Tech.Im Umkehrschluss gibt es allerdings nur wenige Software- oder Internetfirmen in der Schweiz. Das war lange Grund zur Sorge für die hiesige Startup-Szene. Nun könnte sich das aber als Glücksfall herausstellen.Eine der Hauptsorgen von Investoren dieses Jahr ist, dass es Software-Firmen angesichts der raschen Fortschritte von KI künftig vielleicht gar nicht mehr braucht. Die Kurse von Firmen wie Adobe, Service Now und Co. gerieten streckenweise massiv unter Druck. Wenn schon die Börse so pessimistisch ist, machen Risikokapitalgeber, die jeweils besonders weit in die Zukunft schauen, erst recht einen Bogen um solche Unternehmen.«Die Erwartung der VC, dass Software-Firmen durch KI obsolet werden, spielt dem hiesigen Startup-Ökosystem in die Hände», sagt Stefan Kyora. Er ist als Chefredaktor der Jungunternehmer-Plattform startupticker.ch ein langjähriger Beobachter der Branche.«Heute schauen sich ausländische Fonds systematisch in der Schweiz um, was sie bis vor ein paar Jahren noch nicht taten. Dies, weil ihr Fokus mittlerweile fast ausschliesslich auf Deep Tech liegt.»Es gibt einen weiteren Faktor, der für Rückenwind sorgt. Die Schweizer Startup-Szene profitiere mittlerweile auch massiv von der Anwesenheit grosser ausländischer Tech-Firmen, von Isomorphic Labs über Google bis Nvidia, sagt der Risikokapitalgeber Stöckl.«Wenn sich Forscher solcher Firmen dafür entscheiden, eigene Firmen zu gründen, haben sie aufgrund ihres Werdegangs meist viel grössere Ambitionen als Hochschulabsolventen und verfügen zudem über ein internationales Kontaktnetz.»Ein neuer Typ FirmengründerKyora nennt ein aktuelles Beispiel für einen Firmengründer, der sich sein Rüstzeug bei ausländischen Tech-Firmen in der Schweiz geholt hat: Timoleon Moraitis. Seine KI-Firma Noemon hat beim Startup-Wettbewerb Venture 2026 gerade einen Award gewonnen.Der Werdegang von Moraitis zeige exemplarisch, welche Impulse die Präsenz internationaler Firmen dem Startup-Ökosystem gebe, sagt Kyora. «Er forschte erst bei IBM und war anschliessend bei Huawei tätig, bevor er sein eigenes Unternehmen startete.» Beide Firmen betreiben in Zürich Forschung.Insgesamt steckten Wagniskapitalgeber letztes Jahr 2,6 Milliarden Dollar in Schweizer Hochtechnologie-Jungfirmen: Das ist im Mehrjahresvergleich eine massive Zunahme. 2015 lag dieser Betrag erst bei 540 Millionen Dollar.Anlass zur Sorge ist aber, dass neben ein paar wenigen lokalen Geldgebern vor allem ausländische Fonds die Zukunft der Schweizer Wirtschaft finanzieren: Gegenwärtig stammen weniger als 20 Prozent des Kapitals für Schweizer Deep-Tech-Firmen aus dem Inland. Für ein Land wie die Schweiz, das über einen immensen Kapitalstock verfügt, ist das ein Armutszeugnis.«Wie bizarr es ist, dass Schweizer Investoren nur wenig in Schweizer Startups investieren, zeigte sich zum Beispiel im Mai», sagt Kyora. Damals kaufte das amerikanische Pharmaunternehmen Eli Lilly für 780 Millionen Dollar Limmatech in Schlieren bei Zürich. «Eine ausländische Firma erwirbt eine Schweizer Firma, deren Investoren ebenfalls allesamt im Ausland sitzen.»Das bedeute dann allerdings auch, dass ein grosser Teil des Gewinns abfliesse und über die Zeit vielleicht auch noch das Know-how der übernommenen Schweizer Firma.Nun ist die Forderung, Pensionskassen sollten mehr für die Finanzierung von Jungfirmen tun, schon jahrzehntealt: Die Vorsorgewerke aber fühlen sich nicht für das Gedeihen der Schweizer Wirtschaft verantwortlich.Ein Wagniskapitalgeber, der nicht namentlich genannt werden will, sagt, jemand müsse den Pensionskassen-Verantwortlichen einmal den Begriff Nachhaltigkeit erklären. Davon redeten sie gerne und viel. Aber nie in Zusammenhang mit lokalen Startups. Doch was gebe es Nachhaltigeres als die Förderung der Innovationskraft der eigenen Wirtschaft?Vorwürfe sind kontraproduktiv«Ich empfinde es als kontraproduktiv, wenn die Politik oder der Branchenverband Seca vorwurfsvoll fordern, Pensionskassen müssten mehr in Startups investieren», sagt dagegen Stöckl. Natürlich sei es eigentümlich, dass Schweizer Jungfirmen vor allem von ausländischen Fonds Kapital bekämen.Seine Erfahrung sei aber, dass man Pensionskassen mit Performancezahlen über einen längeren Zeitraum davon überzeugen müsse, dass sich Investitionen in Wagniskapital auszahlten. Es brauche zudem lokale Erfolgsgeschichten, die aufzeigten, dass dies auch noch einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Schweizer Wirtschaft bedeute.So gilt es in der Schweizer Startup-Branche nun als Priorität, solche Performancedaten zusammenzutragen. Sie hat die Universität Basel damit beauftragt. Die erste Renditestudie zu Schweizer Venture-Capital erschien im Dezember. Geplant sind auch neue Investitionsvehikel für Pensionskassen. Daran arbeitet etwa die Anlagestiftung Winterthur für Personalvorsorge in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deep Tech Nation Switzerland.Wenn VC heute Firmen finanzieren, zeigen sich die vollen wirtschaftlichen Effekte mit einer Verzögerung von 10 bis 15 Jahren. Diese dürften für die Schweiz sehr signifikant ausfallen, sagt der Risikokapitalgeber Stöckl.«Wenn nicht alles täuscht, werden Zürich und Lausanne bis in einer Dekade die mit Abstand wichtigsten Deep-Tech-Startup-Ökosysteme in Europa sein.» Er bekomme «Hühnerhaut», wenn er daran denkt, sagt Stöckl.Passend zum Artikel