Länger leben mit Patrick Aebischer: Mit einem Longevity-Startup will es der ehemalige EPFL-Präsident nochmals allen zeigenAuch mit 71 bewegt sich der Neurowissenschafter gekonnt zwischen Forschung, Firmengründungen und Grosskonzernen. Jetzt sollen Nahrungsergänzungsmittel und ein Deal mit L’Oréal seinem Unternehmen Timeline eine Milliardenbewertung verschaffen.27.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenDer ehemalige EPFL-Präsident Patrick Aebischer ist ein gewiefter Netzwerker und hat schon verschiedene Firmen gegründet – nun will er mit Timeline durchstarten (Aufnahme von 2021).Martial Trezzini / KeystoneOhne Patrick Aebischer hätte die Eidgenössische Technische Hochschule in Lausanne (EPFL) nicht den international hervorragenden Ruf, den sie heute hat. Schon gar nicht hätte sie dieses Renommee ohne ihn in so kurzer Zeit erreicht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Während seiner Präsidentschaft von 2000 bis 2016 hat Aebischer an der Westschweizer Bildungsstätte insbesondere auch die Gründung von Startups und die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft gefördert. Es ist das Zitat überliefert, es wäre ihm lieber, «wenn die EPFL ein zweites Google hervorbringen würde als einen Nobelpreisträger».Vor allem hat Aebischer die Institution aus dem Schatten der ETH Zürich geholt, der grösseren der beiden vom Bund finanzierten Hochschulen. In Zürich schaute man früher auf die Lausanner herab, wie sich Aebischer im Gespräch erinnert: Sein ETH-Gegenpart prophezeite ihm einst, es werde noch fünfzig Jahre dauern, bis die EPFL international Professoren auf demselben Niveau anwerben könne. «Ich dachte: Das ist ziemlich arrogant», sagt Aebischer und lacht, wie er es noch oft tun wird.Auch als 71-jähriger emeritierter Professor hat er ein durchgetaktetes Programm. In seinem kleinen Büro in einem Zweckbau am Rand des EPFL-Campus reiht sich an diesem Nachmittag ein Termin an den anderen. Trotzdem wirkt Aebischer in seinem Sessel gleichzeitig entspannt und voller Energie.Aus der Unterstadt nach obenAn der Wand hängt ein grosser Teppich, eine Arbeit seines Vaters, der unter dem Künstlernamen Yoki hauptsächlich für seine Glasfenster bekannt war. Aebischer betont gerne seine einfache Herkunft aus der Basse-Ville, der Freiburger Unterstadt, einem Arbeiterquartier.Diese Welt hatte er längst hinter sich gelassen, als er 1999 für den Posten als ETH-Präsident angefragt wurde. Nach mehreren Jahren Lehr- und Forschungstätigkeit an der amerikanischen Ivy-League-Universität Brown und einem Börsengang mit einer eigenen Firma an der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq war Aebischer in die Schweiz zurückgekehrt. Hier leitete der Mediziner eine Forschungsabteilung am Waadtländer Universitätsspital CHUV.Trotzdem musste er an der EPFL um Anerkennung kämpfen. Bei den Lausanner Professoren der Ingenieur- und Architekturfakultät kam es nicht gut an, dass der Bundesrat einen Arzt und Neurowissenschafter als Präsidenten einsetzen wollte – jemanden, der eine andere Vorstellung von der Organisation der Hochschule hatte und die Life-Sciences stärken wollte. Es kam zur Revolte.Aebischer gefiel sein Job am Unispital eigentlich ganz gut. Und so erteilte er der als Innenministerin damals noch für die EPFL zuständigen Bundesrätin Ruth Dreifuss nach einer vierstündigen Sitzung in ihrem Büro eine unmissverständliche Absage: «Ich komme nicht!»Natürlich war das Powerplay. Schliesslich trat Aebischer das Amt mit einem Monat Verspätung an – zu seinen Bedingungen. Für den Sohn einer Irin, der den Vornamen Patrick trägt, symbolischerweise just am St. Patrick’s Day, dem irischen Nationalfeiertag, am 17. März 2000.Aebischer setzte durch, dass er als Präsident nebenher ein Forschungslabor leiten und bei der von ihm mitgegründeten Biotechfirma Modex im Verwaltungsrat bleiben kann. Er verlegte «sein» Labor vom Unispital auf das Gelände der EPFL. Denn das ist ihm bis heute wichtig: die Verbindung der Forschung mit der Praxis.Freilich hatte es an der EPFL schon lange vor der Ankunft des Freiburgers erfolgreiche Firmengründungen gegeben. Die bekannteste ist die Computerzubehörfirma Logitech. Sie hat noch heute ihren Sitz auf dem Campus.Oper und ZiegenkäseDoch Aebischer wollte mehr. Er wollte den Startup-Geist, den er aus den USA kannte, nach Lausanne bringen: einen Ort schaffen, an dem amerikanischer Geschäftssinn und europäische Lebensart zusammentreffen. Denn das Sozialleben in der amerikanischen Provinz abseits des Universitätscampus fand der junge Aebischer damals wenig inspirierend. Die beste aller Welten bringt er so auf den Punkt: «Wir essen Ziegenkäse und gehen in die Oper – aber wir können auch Business!»Und das Business kam nach Lausanne, als Aebischer rief. Konzerne wie Nestlé investierten in Kooperationen, liessen sich auf dem Campus nieder oder finanzierten Gebäude wie das Rolex Learning Center – eine architektonisch auffällige Bibliothek mit vielen schiefen, mit Teppichen ausgelegten Böden, auf denen die Studierenden herumsitzen. Auch ein grosses Kongresszentrum musste her.Das Rolex Learning Center ist ein markanter Bau auf dem Campus der ETH Lausanne – er enthält unter anderem eine Bibliothek und ein Restaurant.Christoph Ruckstuhl / NZZPatrick Aebischer bewegt sich spielend zwischen Akademie und Industrie. Beim Nahrungsmittelkonzern Nestlé sitzt er seit 2015 im Verwaltungsrat. Früher war er auch in den Aufsichtsgremien des Pharmazulieferers Lonza und von Logitech. Das Pharmaunternehmen Novartis holte ihn einst als Präsidenten für seinen Venture-Fonds, der in Startups investiert. Nach seiner EPFL-Zeit kam ein Mandat als Vizepräsident der börsenkotierten Polypeptide dazu.Diese Nähe zur Wirtschaft gefiel nicht allen an der EPFL, weil sie um die Unabhängigkeit der Forschung fürchteten. Doch auch Skeptiker anerkennen Aebischers Verdienste um die Hochschule. Diese zeigen sich auch in Zahlen. «Als ich kam, flossen den EPFL-Startups jährlich ungefähr 2 bis 3 Millionen Franken Risikokapital zu – heute sind es 500 bis 800 Millionen Franken pro Jahr», sagt der ehemalige Präsident.Da will Aebischer selber mit gutem Beispiel vorangehen, «I wanted to walk the talk», wie er sagt. Oft wechselt er im Gespräch für ganze Sätze vom Französischen ins Englische. Eine Gelegenheit sah er zu Beginn der nuller Jahre, als ein EPFL-Forscher interessante Entdeckungen zu Granatapfelextrakten machte.Aebischer holte Chris Rinsch, einen ehemaligen Doktoranden, um mit ihm 2007 das Startup Amazentis zu gründen. Einen Schub erhielt das Ganze, als der EPFL-Professor Johan Auwerx Urolithin A identifizierte. Das Molekül wird von Darmbakterien bei der Verdauung etwa von Granatäpfeln produziert – allerdings nur bei ungefähr 30 Prozent der Menschen.Würmer leben plötzlich längerUrolithin A hilft dem Körper, Mitochondrien – eine Art Kraftwerk innerhalb von Zellen – zu erneuern. Dies wiederum hat einen positiven Effekt, beispielsweise auf die Funktion von Muskelzellen. Die Hoffnung: eine Anwendung, die den Alterungsprozess verlangsamt oder zumindest zu einem qualitativ besseren Leben beiträgt.Fadenwürmer, die üblicherweise 21 Tage leben, wurden plötzlich 30 Tage alt, als ihnen die EPFL-Forscher das Urolithin A verabreichten. Auch bei alternden Mäusen zeigt der Wirkstoff eine positive Wirkung.Für die Finanzierung des Startups fand der hervorragend vernetzte Aebischer prominente Geldgeber: Pierre Landolt, einen Nachfahren des Sandoz-Gründers, und den Roche-Familienaktionär André Hoffmann. Die beiden sind bis heute zusammen die grössten Aktionäre. Später stiessen mit dem Medtech-Milliardär Hansjörg Wyss, dem Biotech-Investor Ernesto Bertarelli und dem ehemaligen Privatbankier Thierry Lombard weitere bekannte Namen dazu.Es sind alles Männer, die nicht darauf angewiesen sind, dass Amazentis bald Gewinn abwirft. Oder wie Aebischer sagt: «Ich brauche nicht ‹venture money›, sondern ‹patient money›.» Also geduldiges Geld. Mehr als 40 Millionen Franken flossen über die Jahre in Forschung und Entwicklung.Geduld brauchen die Investoren tatsächlich. Es zeigte sich, dass die Entwicklung von medizinischen Behandlungen im Zusammenhang mit der Alterung enorm komplex ist. Deshalb gliederte Amazentis einen Pharmateil 2021 in eine neue Biotechfirma namens Vandria aus.Megatrend LongevityTiefere Hürden für den Einsatz von Urolithin A als bei Pharma gibt es bei Nahrungsergänzungsmitteln, einem boomenden Markt insbesondere in den USA. Im Gegensatz zu Medikamenten war kein aufwendiger Zulassungsprozess nötig, sondern man konnte den Status eines allgemein als sicher anerkannten Stoffes erlangen («Generally Recognized As Safe», GRAS).Amazentis gründete für die Vermarktung der Produkte eine amerikanische Tochtergesellschaft mit dem Namen Timeline. So heisst auch die Marke, unter der Aebischers Firma das Urolithin A in Form von Gummipastillen, Gelkapseln und Pulver vertreibt.Die Marke Lancôme hat Longevity-Produkte mit Urolithin A unter der Marke Mitopure von Patrick Aebischers Firma Timeline auf den Markt gebracht (Bild: Paris).PDEtwa 70 Prozent des Absatzes erfolgen über die eigene Timeline-Website, der Rest über Amazon. Dort zählt es in seiner Kategorie zu den meistverkauften Artikeln. Zur Höhe des Umsatzes macht Aebischer keine Angaben, doch dieser habe sich in den letzten Jahren stets verdoppelt. In der Schweiz sei das Produkt aufgrund eines «langsamen, ineffizienten Prozederes» noch nicht zugelassen.Das Unternehmen profitiert vom Megatrend Longevity. Unter diesem Begriff wird alles Mögliche verkauft, das in irgendeiner Form das Leben zu verlängern oder zumindest zu verbessern verspricht. Auch Urolithin A ist von unzähligen Anbietern erhältlich. Im Gegensatz zu vielen «Schlangenöl-Verkäufern», die sich in dem Feld herumtreiben, macht Aebischer die wissenschaftliche Basis der Timeline-Produkte geltend.Neben den Nahrungsergänzungsmitteln kommt der Wirkstoff auch in der Kosmetik zum Einsatz. Erst kürzlich hat Timeline eine Kooperation mit L’Oréal abgeschlossen. Der französische Konzern verwendet das Urolithin A in Produkten der Marke Lancôme, die der Hautalterung vorbeugen sollen – und hat sich zudem neu an Aebischers Firma beteiligt. Schon seit 2019 hält auch Nestlé einen Anteil.Ein neues Google, wie es sich Patrick Aebischer für die EPFL erhofft, ist das Unternehmen mit den Gummipastillen und der Hautcrème nicht. Auch ein Nobelpreis ist wenig wahrscheinlich. Doch die Chance, dass Aebischer und die anderen Investoren Geld verdienen, ist intakt.Der ehemalige EPFL-Präsident hat ein konkretes Ziel: «Mindestens» den Status eines Einhorns solle Timeline erreichen, sagt er. Davon spricht man, wenn ein Startup eine Milliarde Dollar oder mehr wert ist.Die Tücken eines BörsengangsEinen Börsengang zieht er für das Unternehmen momentan nicht in Erwägung. Da spielt die diesbezügliche Erfahrung mit seinen beiden früheren Biotechfirmen Cyto Therapeutics und Modex mit. Gerade im Pharmabereich sei eine Öffnung für Publikumsaktionäre eigentlich immer ein Eingeständnis, dass man für das Unternehmen keinen Käufer gefunden habe, sagt er.Wenn der Börsengang wegfällt, greift dann vielleicht L’Oréal zu – oder Nestlé, nachdem Aebischer dort nächsten Frühling wegen Erreichen der Alterslimite aus dem Verwaltungsrat zurückgetreten sein wird? Aebischer lässt sich nicht in die Karten schauen. Aber er nennt einen Unterschied zu seinen früheren Pharma-Startups: «Jetzt, mit Timeline, haben wir ein Produkt mit rasch steigenden Umsätzen auf dem Markt, das ist befriedigend.»Und er verweist auf einen Denkfehler, den viele Jungunternehmen machten: «Sie haben den Markt zu wenig im Blick. Sie denken, wenn die wissenschaftliche Basis gut sei, finde sich automatisch ein Markt – aber das stimmt nicht!»Hier dringt er wieder durch, der businessorientierte Forscher Aebischer.Passend zum Artikel
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