Der postkatastrophale Film ist so beliebt wie lange nicht. Ridley Scott hebt mit «The Dog Wars» das Genre auf eine neue Stufe.Daniel Haas23.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenKompetent bei Schuss-, Stich- und Brandwunden: Margaret Qualley als Ärztin Cima in «The Dog Stars».Fabio Lovino / 20th Century StudiosWir können nicht genug bekommen von der Zerstörung. Von der Selbstauslöschung. Vom Neuanfang im Zeichen der Trauer, der Reue, des Verzichts. Jedenfalls wenn das Drama im Kino stattfindet. Der postapokalyptische Film ist so wenig totzukriegen wie die Zombies, die zu den Festangestellten des Genres gehören.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wenn die Welt untergegangen ist, in ihrer Zivilisationsfassung jedenfalls, dann sind auch die verwalteten Strukturen weg, die uns so schrecklich auf die Nerven gehen. Strassenverkehr, Steuererklärung und Warten auf den Arzttermin: All das entsorgt die Katastrophe. Was bleibt, ist die Basis: Schlafen, essen, ausruhen. Atmen. Überleben. Die Sehnsucht nach dem Gau ist der negative Zwilling zur Überkuratierung noch der kleinsten Alltagsnische mit digitaler Technik. Der technologische Background einer Handy-Nachricht wie «Hallo, was geht?» hätte den Menschen der Vormoderne verblüfft wie die Erscheinung eines Gottes.Weil US-Amerika die grösste Innovationsfabrik für Zukunftsideen und ihre Realisierung ist, hat man dort auch die grösste Lust an der Zerstörung jener Welten, die, als Utopie erdacht, am Ende ein grosser Misthaufen der Geschichte werden. Das ist der Grund, warum vorzugsweise New York in Katastrophen- und Monsterfilmen demoliert wird: Früher ein furioses Versprechen der Moderne in Architekturgestalt gilt es heute vielen (Ökologen, Soziologen, Kulturkritikern) als eine Spielfläche für Verteilungskämpfe, Gewalt und aus dem Ruder laufenden Tourismus. Wenn Godzilla ganze Strassenzüge wegmampft und King Kong Häuser zerknüllt wie lästige Tetrapaks, ist der Zorn des Wohnung suchenden, Miete blechenden und im Stau steckenden Bürgers ins Bild gefasst.Die Weltuhr auf null stellenDer Modernefrust des Blockbusterkinos verschränkt sich auch mit Infektionsängsten. Das ist das Grauen vor einer entgleisten Wissenschaft, die irgendwas mit Affen macht, am Ende haben alle einen Virus am Hals und die Welt steht für drei Jahre still. Danny Boyles exzellente Horrorfilmreihe, beginnend mit einer Zombie-Epidemie («28 Days Later», 2002) und dieses Jahr kulminierend im Schocker «28 Years Later: The Bone Temple» hat noch einmal vorgeführt, wie das aussehen könnte: unsere technisch geboosterte Grossmannssucht und was sie uns einbrockt. Armut, Einsamkeit, Gewalt.Wo Gefahr ist, wächst/ächzt das Rettende auch: Hölderin hat das schon im im frühen 19. Jahrhundert gewusst. Vielleicht hatte er einen Zukunftstraum und sah die Katastrophenfilme des 20. und 21. Jahrhunderts im Schnelldurchlauf durch sein Unterbewusstsein rauschen (er wird aufgewacht sein, entsetzt und dankbar, weder Kino, Laptop noch Handy zu kennen). Stellt man die Weltuhr zivilisatorisch auf null, schnellen die Moralwerte des modernen Barbaren, also unsere, nach oben. When the world goes low – womöglich konkret, weil sie in einem Tsunami absäuft – we go high, ethisch gesprochen.In Ridley Scotts neuem Film «The Dog Stars» spielt Jacob Elordi den Part des hochmögenden Mannes, der nach der Katastrophe mit einer Cesna durch die Lande fliegt, nach Überlebenden sucht und Plünderertrupps ausspäht. Zur Seite stehen ihm Cima (Margaret Qualley), eine Ärztin (was schon mal sehr gut ist, weil anders als Investmentbankerin/Influencerin/DJane kompetent bei Schuss-, Stich- und Brandwunden). Und Jasper, ein belgischer Schäferhund, laut Internet «ein hochagiler, extrem arbeitswilliger Gebrauchshund». Irgendwann kommt noch Josh Brolin dazu als waffenstarrender Prepper, dessen Mantra das englische Filmmagazin «Empire» so zusammenfasst: «Fuck Off Or I’ll Shoot Your Face Off».-Übernehmen jetzt die Hunde?Man motiviert, reguliert und zivilisiert sich dann gegenseitig im Angesicht der posttechnologischen Barbarei. Am meisten lernen natürlich alle vom Hund. Der Hund kennt weder mentale noch kulturelle Verkommenheit; er ist nicht wie der Mensch nach oben depraviert, sondern auf dem Teppich, dem Boden, den Pfoten geblieben. Drei Hunde hat Scott für den Part verpflichtet. Einer kann besonders gut durchs Gras rollen, einer ist spezialisiert aufs Jagen. Der dritte spielt die subtileren Szenen. Jacob Elordi sagte im Interview: «Diese Hunde sind so smart, so intelligent, so wunderbar. Sie waren mein Highlight während der Dreharbeiten.»Wer es bedenklich findet, dass ein Schauspieler seine Hundekollegen mehr abfeiert als Co-Stars wie Qualley und Brolin, der hat den aus der Katastrophenfilm-Knarre abgefeuerten Schuss nicht gehört: Am 24. September kommt «Heart of the Beast» ins Kino. Die zweite Hauptrolle neben Brad Pitt als traumatisiertem Kriegsveteran spielt ein Sanitäterhund. Wird das ein Trend? Anders gefragt: Wandert die Abscheu vom Menschen als Zivilisationsschleifer und -zerbrecher ins filmische Planen und Schaffen ein? Ja, vielleicht gibt es bald nur noch Hunde und Katzen und auch noch Kriechtiere beim Abenteuer des Überlebens, das man dem Menschen immer weniger gönnt.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»