Was muss man gelesen, gesehen oder gehört haben?Denise Bucher, Peer Teuwsen, Daniel Haas, Frank Heer, Manfred Papst23.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenKino: «The Dog Stars» von Ridley ScottKompetent bei Schuss-, Stich- und Brandwunden: Margaret Qualley als Ärztin Cima in «The Dog Stars».Der Post-Katastrophen-Film ist so beliebt wie lange nicht. Warum können wir vom Untergang der Menschheit eigentlich nicht genug bekommen? Ist die Sehnsucht nach dem GAU der negative Zwilling zur Überkuratierung noch der kleinsten Alltagsnische mit digitaler Technik? Ridley Scott hebt mit «The Dog Stars» das boomende Genre jetzt auf eine neue Stufe. Lesen Sie hier die Rezension von Daniel Haas.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Film: Die Evolution von GodzillaDas grösste aller Kinomonster: Godzilla bei der Arbeit.Imago1954 stieg Godzilla zum ersten Mal aus dem Meer und trampelte halb Japan nieder. Seither ist aus dem grössten aller Kinomonster mit über dreissig Filmen in über sechzig Jahren die längste aller Franchises geworden. Der erste Film verarbeitete Japans Atombomben-Trauma und ist bis heute trotz alter Tricktechnik beängstigend. Eher lustig als zum Fürchten sind die trashigen Nachfolger aus den Sechzigern und Siebzigern, in denen der radioaktive Zerstörer aussieht wie eine Figur aus der Spielkiste eines Kindes, das Dinosaurier liebt. Der Streamingdienst Mubi zeigt nun die japanische Evolutionsgeschichte von Godzilla mit acht Filmen, die zwischen 1954 und 2001 entstanden sind. Roaarrrr! Denise Bucher★★★★★ Godzilla-Reihe. Auf Mubi.com.Literatur: Familiensaga aus dem SudetenlandPDJetzt hat das historisch arg geplagte Sudetenland den Roman, den es verdient. Alice Horáčková erzählt anhand realer Überlieferungen und zweier familiär eng miteinander verwobener Frauen, Zdenka und Anežka, die Geschichte dieses Landstrichs, der immer beides war: tschechisch wie deutsch. Der aber immer wieder nur das eine oder das andere sein durfte. In Benetzko, einem Örtchen im Riesengebirge, leben die beiden befreundeten Frauen – und hier werden sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts getroffen von den Ideologien der Geschichte und ihren Männern, Kindern, Schwiegermüttern. Der erste Roman der tschechischen Schriftstellerin, der ins Deutsche übertragen wurde, atmet einen schicksalergebenen Ton, der etwas Magisches und auch Trauriges an sich hat. Die Männer, sie haben etwas Tierisches, sie nehmen sich, was sie wollen, sie sterben an der Front für nichts und wieder nichts – und die Frauen müssen halt sehen, wie sie durchkommen. Ein fesselndes Stück Literatur über das seltsame Wesen Mensch. Peer Teuwsen★★★★★ Alice Horáčková: Geteiltes Haus. Übersetzt von Sophia Marzolff. Diogenes 2026. 880 S.Pop: Grace Cummings, vom Mond beschienenIhre Stimme beherrscht weit mehr Affekte, als es die Pop-Musik verlangt: Grace Cummings.Tajette O``'HalloranAls erstes wird man von einer Querflöte ins unwegsame Dickicht einer psychedelischen Ouvertüre gelockt. Man glaubt, sich verirrt zu haben, bis man sich auf einer Lichtung wiederfindet, auf der sich Grace Cummings über ein Klavier beugt, das vom Mond beschienen wird. «My god is a jealous creep» singt die Australierin mit einer Stimme, die weit mehr Affekte beherrscht, als es die Pop-Musik verlangt. Kate Bush, Aldous Harding oder PJ Harvey sind Seelenverwandte, aber Cummings Musik zwischen Kunstlied, orchestriertem Glam Rock und pulsierendem Dark Country spielt auf einer anderen Lichtung. Wer sich hierher verirrt, erliegt einem Zauber. Frank Heer★★★★★ Grace Cummings: Bloodhorse. (ATO Records)PDSachbuch: Paulus, Revolutionär der LiebeDie Literatur über den Apostel Paulus füllt Bibliotheken. Oft wird der Blick auf ihn durch seine Wirkungsgeschichte verstellt. Erhellend ist deshalb der frische Ansatz, unter dem die deutsche Neutestamentlerin Oda Wischmeyer den Gottesmann betrachtet. Zunächst einmal räumt sie auf: Sie scheidet das gesicherte Wissen über das Leben des frühchristlichen Missionars von der Legendenbildung. Vor allem aber zeigt sie Paulus als sprachmächtigen Denker, der jüdisches und christliches Erleben zu einer neuen Weltdeutung um die Begriffe Liebe, Freiheit, Gerechtigkeit und Gnade verband. Den Vorwurf, Paulus sei der Urvater des christlichen Antijudaismus gewesen, findet sie schon deshalb unsinnig, weil Paulus sich selbst als Juden verstand. Im Römischen Reich war er ein versierter, streitbarer politischer Akteur. Im Zentrum seiner Lehre standen die Fähigkeit des Menschen zur Umkehr, Läuterung und Hingabe an den Nächsten. Oda Wischmeyer schildert den Denker Paulus klar und anschaulich, ohne den Menschen in seinem Widerspruch auszublenden. Manfred Papst★★★★★ Oda Wischmeyer: Gott neu vermessen. Eine Paulus­biografie. Reclam 2026, 320 S.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel