Manfred Papst über das perverse Verhältnis unserer Gesellschaft zu Kriegsverbrechen.Manfred Papst23.08.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenIn seinem jüngsten Buch – es trägt den schönen Titel «Die Liebe kommt immer zu spät» – beschreibt der Salzburger Schriftsteller Karl-Markus Gauss drei Reisen. Eine führt den «literarischen Kartografen der europäischen Ränder», wie er treffend genannt wird, nach Sarajevo. Als er am Laptop die Reise vorbereitet, zeigt ihm das Internetportal Tripadvisor nicht nur die Preise der Hotels in der bosnischen Hauptstadt an, sondern empfiehlt ihm auch Sehenswürdigkeiten. Zu diesen, schreibt Gauss, «rechnet Tripadvisor die Allee der Scharfschützen, und an die User wird die demokratische Frage gestellt: ‹Lohnt es sich, die Sniper Alley zu besuchen?›, was so viele von ihnen mit Ja beantworteten, dass die Allee der Verbrechen mit vier von fünf Sternen zur Besichtigung empfohlen wird und zahlreiche Besucher ihre Selfies ins Netz stellen, die sie strahlend in ihrer Urlaubsfreude in der Sniper Alley zeigen».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Beobachtung zeigt in einer Nussschale das perverse Verhältnis unserer Gesellschaft zu Kriegsverbrechen. «Snajperska aleja», «Sniper Alley», war der informelle Name jener Strassenzüge in Sarajevo, die das Industriequartier mit der Altstadt verbinden. Im Bosnienkrieg (1992–1995) wurden sie von serbischen Scharfschützen gesäumt, die sich in den Hochhäusern verschanzten und Hunderte von Menschen töteten, unter ihnen zahlreiche Kinder. Dass man solche Orte aufsucht, um für Selfies zu posieren und bei Ratings mitzutun, ist für mich unfassbar. Was hätte es noch gebraucht, frage ich mich, dass die Allee mit fünf Sternen bedacht worden wäre?Freilich ist weder das Phänomen selbst noch die Empörung darüber neu. Schon kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs boten Reisebüros Ausflüge zu den Schlachtfeldern von Verdun an. Karl Kraus hat sie 1921 als «Reklamefahrten zur Hölle» angeprangert. Sein Text seziert ein entsprechendes Inserat in den «Basler Nachrichten». «In meiner Hand ist ein Dokument», so beginnt er, «das, alle Schande dieses Zeitalters überflügelnd und besiegelnd, allein hinreichen würde, dem Valutenbrei, der sich Menschheit nennt, einen Ehrenplatz auf einem kosmischen Schindanger anzuweisen. (. . .) Was bedeutet der schauerlichste Schauplatz des blutigen Deliriums, durch das sich die Völker für nichts und wieder nichts jagen liessen, gegen die Sehenswürdigkeit dieser Annonce!»Wo anderthalb Millionen Menschen verblutet waren, nachdem Viehwagen sie von beiden Seiten an die Front gekarrt hatten, wurden Ausflüge in bequemen Autos angeboten, mit erstklassiger Verpflegung, Wein und Kaffee inklusive. Karl Kraus konnte es nicht fassen. Und was haben wir daraus gelernt? Nichts! Wie sonst könnten wir Sternchen für die «Sniper Alley» vergeben?Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»