PfadnavigationHomePanoramaPodcast-Radar„Büchse der Pandora, die Linke und Grüne geöffnet haben, wird sich gegen sie selbst richten“Von Dominik LippeRedakteur Nachrichten und GesellschaftVeröffentlicht am 31.10.2025Lesedauer: 7 Minuten„Die Leute halten nichts mehr aus. Die Leute sind wegen jedem Scheiß beleidigt“, beanstandet PrechtQuelle: Michael Brandt/dpaBefindet sich die Meinungsfreiheit auf dem Rückzug? In seinem neuen Buch widmet sich Richard David Precht diesem um sich greifenden Gefühl. Bei „Hotel Matze“ zeichnet er nach, wie die linken Bestrebungen nach Gleichheit und Individualisierung zu einer „Empörungskultur“ geführt haben.Vor zwei Wochen war es mal wieder so weit. Das Institut für Demoskopie Allensbach hatte in einer Umfrage abgeklopft, wie frei sich hierzulande Menschen fühlen, ihre Meinung kundzutun. „Haben Sie das Gefühl, dass man heute in Deutschland seine politische Meinung frei sagen kann, oder ist es besser, vorsichtig zu sein?“, lautete die Frage, die gerade einmal 46 Prozent bejaht hatten – knapp 25 Prozentpunkte unter jenem Wert vor 20 Jahren. Richard David Precht wollte den Ursachen dieser langjährigen Entwicklung auf den Grund gehen. Der Podcast-Partner von Markus Lanz beschäftigte sich mit mangelnder Resilienz, gestiegenen sozialen Kosten und die Gefahr des Shitstorms in den sozialen Medien, die zu einer gesellschaftlichen Lähmung beitragen. Das Ergebnis ist unlängst unter dem Titel „Angststillstand: Warum die Meinungsfreiheit schwindet“ erschienen. Woher stammt das Gefühl, sich in einem verengten Meinungskorridor zu bewegen? Und stimmt die These überhaupt? Ein Überblick.„Hotel Matze“: „Scham ist eine Waffe geworden“Um detaillierter in sein Buch einzutauchen, checkte Richard David Precht vergangene Woche bei „Hotel Matze“ ein. Schützend stellte er sich zunächst vor die Akteure der heutigen Politik. Entgegen der allgemeinen Vorstellung seien „Machtfülle“ und „Machtspielräume“ hiesiger Politiker „sehr gering“, erläuterte er. „Viele Leute haben diese Vorstellung, die Politik kontrolliere die Medien“, was er als „eines der falschesten Dinge überhaupt“ charakterisierte. In Wahrheit seien sie vom „permanenten Terror“ der Wahlumfragen getrieben. „Angst ist das beherrschende Gefühl, nicht Machtgeilheit, auch nicht Gestaltungswille“, versicherte der Publizist. Politiker seien „ein Bündel von Angst – und Angst verkleinert den Handlungsspielraum.“Lesen Sie auchDie Furcht stelle auch die zentrale Emotion seines Sachbuchs „Angststillstand“ dar. Über Jahrzehnte habe das Institut für Demoskopie Allensbach Menschen befragt, ob sie den Eindruck haben, hierzulande ihre Meinung frei äußern zu können. Die 68er-Bewegung habe eine „heilsame Rolle“ dabei gespielt, dass die Zustimmung zu besagter Frage „kontinuierlich gestiegen“ sei, führte Precht aus. Anfang der 1990er-Jahre habe der Wert bei knapp 90 Prozent gelegen, bevor sich die Kurve in den 2000ern senkte und in den vergangenen zehn Jahren regelrecht abgestürzt sei. Bis 2023 ging der Wert auf gerade einmal 41 Prozent zurück. „Das ist für die Demokratie ein irre gefährlicher Wert.“Lesen Sie auchZwei linke Entwicklungen sah Precht als ausschlaggebend für den Rückgang an: Zum einen die Individualisierung, die sich gegen spießige Normen gerichtet hatte, und zum anderen der Einsatz dafür, Arbeitern, Frauen oder Homosexuellen gleiche Rechte zu ermöglichen. „Worüber wir aber nicht nachgedacht haben, ist, wenn jeder sich auf diese Art und Weise individualisiert, wenn jeder immer mehr Rechte bekommt, dann führt das in gleichem Maße auch dazu, dass die Empfindsamkeit steigt.“ Es habe sich eine „totale Empörungskultur“ entwickelt und mit der Sensibilisierung ging ein Resilienzverlust einher. „Die Leute halten nichts mehr aus. Die Leute sind wegen jedem Scheiß beleidigt“, beanstandete der Podcaster. Das schade der liberalen Demokratie, weil der Diskurs darunter leide, wenn „immer jemand angepisst“ sei.Lesen Sie auchMittlerweile herrsche auf allen Ebenen die Angst, sich unsauber auszudrücken. „Das führt in einen totalen kulturellen Stillstand“, warnte Precht. Selbst im Freundeskreis reiche ein falsches Wort, um sich zum „Arsch des Abends“ zu machen. Auf abweichende Meinungen folge zumeist leichtfertig die Aufforderung, sich zu schämen. „Scham ist eine Waffe geworden“, die sich „ziemlich giftig“ auf den Zusammenhalt auswirke. Auch Begriffe wie rechts- und linksextrem ordnete der Philosoph als „Schlagworte der Ausgrenzung“ kritisch ein. Heidi Reichinnek sei „eine klassische Linke mit klassischen linken Positionen“, Alice Weidel vertrete „rechte Positionen“, mit denen sie sich bis in die 1980er-Jahre in der Union wohlgefühlt hätte. Während sich die Union bewegt habe, sei die AfD-Politikerin stehen geblieben. „Das Herz der CDU schlug mal ähnlich wie das von Alice Weidel heute.“Lesen Sie auchGegen Ende des Gesprächs benannte Richard David Precht die Adressaten seines Buchs. „Es ist wichtig, zu verstehen, dass die Kritik an der Gefährdung der Meinungsfreiheit kein rechtes Projekt ist, sondern dass es ein linksliberales Projekt ist“, führte er aus. Er sehe sich als Erbe des Linksliberalismus, von Menschen wie den FDP-Politikern Gerhart Baum und Burkhard Hirsch. Ziel sei es weniger, die Rechten anzusprechen, wie er beteuerte, sondern mit den Mitteln der Analyse und Leidenschaft jene zu erreichen, „die die Welt ähnlich sehen wie ich“, um sie davon zu überzeugen, dass ein Problem mit der Meinungsfreiheit vorliege. „Eigentlich ist die Hauptklientel, für die es geschrieben ist, Linke und Grüne, um denen zu sagen, die Büchse der Pandora, die ihr da geöffnet habt, wird sich gegen euch selbst richten.“Lesen Sie auch„Die neuen Zwanziger“: „Das ist ein reines Phantasma.“Mit den Precht’schen Thesen setzten sich der frühere FAZ-Journalist Stefan Schulz und der Autor Wolfgang M. Schmitt auseinander. Für mehrere Stunden behandelten sie „Angststillstand“ im Podcast „Die neuen Zwanziger“. Der Philosoph bediene sich eines „überspitzen Alarmismus“. Aus dessen Sicht herrsche die Angst, obwohl er selbst zum Ergebnis komme, dass diese „nicht präzise real messbar, sondern eben nur gefühlt“ sei. Es sei bereits unklar, ob es um die eigene gefühlte Meinungsfreiheit gehe, um das Gefühl, wie es in der Gesellschaft um diese bestellt sei, oder um konkrete andere Menschen, denen der Befragte seine Solidarität ausspreche. Das liege auch an der zugrunde liegenden Allensbach-Umfrage.Schon die Fragestellung, ob sich die eigene Meinung noch frei äußern lasse, stehe „auf schwammigem Grund“, beanstandete Schulz. Derlei Umfragen hätten ein „sich selbst verstärkendes Element“, das zur Selbstbestätigung führe. So verneinen Menschen die Frage, da sie davon gehört hätten, dass die Freiheit eingeschränkt sei. „Klar, ich habe noch nie bei einer Insta-Story darüber nachgedacht, was ich da sage“, sagte der Journalist aus der Position des Umfrageteilnehmers, „aber dass der Jimmy Kimmel in Amerika gecancelt wird, halte ich für ein ernsthaftes Problem. Also ja, man kann seine Meinung nicht mehr frei äußern.“Lesen Sie auchSchmitt wiederum verwies darauf, dass bedeutende Aspekte der Debatte fehlten. Für Angestellte sei die freie Meinungsäußerung ohnehin meistens eingeschränkt. „Wo die Werkstore durchschritten werden, hört die Meinungsfreiheit sowieso auf“, sagte der Webvideoproduzent. Politisch mögen sich die Menschen in ihrer Mittagspause gegenüber Kollegen äußern, über den Vorgesetzten sprechen sie zumeist gar nicht. Mit Verweis auf ein „Handelsblatt“-Interview mit der Juristin Katharina Pistor spitzte er zu: „Die meisten Leute leben acht Stunden am Tag in Diktaturen, wo sie ihre Meinung nicht äußern können.“Als zweiten Punkt benannte Schmitt den Wirtschaftszweig, der sich um den Vorwurf gebildet habe, nichts mehr sagen zu dürfen, weil Linke dies verböten. „Wir haben ein Perpetuum mobile geschaffen, in dem wir über Meinungsfreiheit und deren Verlust reden“, schilderte er. „Dass man sich empören kann über irgendeine winzige Repression oder Maßregelung, hat ja auch wieder eine Industrie von Büchern und YouTube-Formaten produziert.“ Lesen Sie auchGenerell lehnte er Prechts Blick auf die „neue Linke“ ab. „Ich habe nicht das Gefühl, dass er auch nur annähernd registriert hat, wohin sich die Linke entwickelt hat“, urteilte Schmitt. Wenn er selbst als Redner an Universitäten oder bei Gewerkschaften auftrete, erlebe er Engagement für bessere Arbeitsbedingungen oder Umweltschutz. Was der „Angststillstand“-Autor beschreibe, komme dort nicht vor. Dessen Eindruck bestätige sich lediglich, wenn er Sarah Bosetti oder die „Heute-Show“ verfolge, die „nur nochmal den Status quo bestätigen“. Auch Schulz bezweifelte einige Darstellungen. „Es gibt Codes, die zu beherrschen äußerst wichtig sind“, zitierte er aus dem Buch, „minimale Abweichungen im Sprachgebrauch werden schnell und heftig sanktioniert. Wer ‚Putzfrau‘ statt ‚Reinigungskraft‘ sagt, disqualifiziert sich alleine dadurch.“ Obwohl er dutzende Menschen kenne, die sich im privaten Kontext beim Putzen helfen ließen, kenne er niemanden, der sich derart ausdrücke. „Jeder spricht von seiner Putzfrau. Dieses Milieu, das von der ‚Reinigungskraft‘ spricht, gibt es nicht“, insistierte der Podcaster. „Das Argument hat null Traktion. Das ist ein reines Phantasma.“ Ebenso verhält es sich mit dessen Einschätzung der Linken im Allgemeinen. „Wenn Richard David Precht über die woken, selbstgerechten Linken spricht, ist das genauso wie wenn Donald Trump über die Antifa spricht – Fantasie.“‚Podcast-Radar‘ von vergangener Woche: „Merz ist einfach eine Provinz-Nase, Spahn ein Rassist“