Sprache als Dessert: Manfred Papst bringt in seinen Texten die Wörter zum RedenSeit Jahrzehnten schreibt Manfred Papst seine «Zugaben»: Kolumnen über Sprache, Bildung und die Lust am Abschweifen – leichtfüssig, kenntnisreich und fast immer gut gelaunt. Eine Auswahl dieser Texte liegt nun als Anthologie vor.Jean-Martin Büttner26.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenSeit 24 Jahren schreibt Manfred Papst seine wöchentliche Kolumne «Zugabe». Zürich, 2025.Ayşe YavaşEr wolle nicht nörgeln, schreibt er an einer Stelle, aber keine Bange: Das tut er nie. Nörgler gehören zu den schlimmsten Kolumnisten, weil sie auf mürrische Weise recht haben wollen. Dafür gefällt Manfred Papst das Schreiben zu sehr, dafür nimmt er sich zu wenig ernst.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit 24 Jahren schreibt Papst seine wöchentliche Kolumne «Zugabe» für die «NZZ am Sonntag». Nun ist eine Auswahl dieser Texte als Buch erschienen. Die Kolumne versteht Papst als Textsorte, die sich ihr Publikum durch Applaus verdient hat. Das klingt ein wenig eitel, aber weil Papst seine Eitelkeit so geniesserisch und selbstironisch inszeniert, wirkt sie nie peinlich. Überhaupt formuliert er seine Texte in einem entspannten Parlando, dem jede Form der Herablassung fremd bleibt.Adorno und AbbaDazu kommt, dass ihm die Populärkultur ebenso gefällt wie die Klassik, dass ihn Alltagsformulierungen ebenso interessieren wie historische Texte oder lateinische Redensarten. So kommen bei ihm Adorno und Abba vor, die ironischen Meister Karl Kraus und Robert Gernhardt, dann wieder William Shakespeare oder Drafi Deutscher.Was Manfred Papst antreibt, ist die Neugierde; wonach er sucht, ist die Überraschung; was er vermittelt, die Erkenntnis, wie lebendig, verweisungsreich und widersprüchlich sich unsere Sprache gebärdet. Ihn scheint vieles zu interessieren. Er berichtet von Erlebnissen, die ihm ein vergessenes Buch vermittelt, die ihm beim Entsorgen des Altpapiers auffallen, die ihm beim Wort für Hundegebell mehrsprachig entgegenschallen. Und weil sich der Autor in vielem auskennt, hat er auch viel zu erzählen.Papst nimmt sich Redewendungen vor, Etymologien, Kalauer, Dialektwörter, Metaphern, Inschriften, Analogien, Zitate, alte Sätze und neue Wörter, holt sie hervor, geht ihnen nach, erklärt ihre Bedeutung, überdehnt sie bis ins Absurde – und macht mit der Sprache, was er selber so beschreibt: «Früher habe ich gern mit Wörtern gespielt. Jetzt spielen sie mit mir.»Daraus resultiert eine Serie geistreicher Texte, bei denen man das schöne Gefühl bekommt, der Autor habe am Anfang des Schreibens manchmal selber nicht gewusst, wohin dieses ihn am Ende führen werde. Dann wieder macht ihn «dieses ständige Auf und Ab» fertig – weil Aufschnitt nicht das Gegenteil von Abschnitt sei und Aufbruch und Abbruch als Gegensatzpaar auch nicht zusammenpassten. So redet sich der Autor um Kopf und Kragen, so ist seine Anthologie jedenfalls betitelt, wobei wir von ihm beiläufig erfahren, dass sich die Redewendung ursprünglich auf die Guillotine bezog.Wo bleibt das Negative?Viele Jahre habe er sich dagegen gesträubt, seine «Zugaben» in Buchform herauszugeben, schreibt Papst im Vorwort. Und er fragt sich, ob seine Leserschaft diese Kolumne auch «eimerweise» goutieren werde statt in der «sorgsam dosierten Darreichung». Tatsächlich kommt es einem, um im Gustatorischen zu bleiben, bisweilen so vor, als serviere uns Manfred Papst lauter Desserts.Das hat auch mit einer Leerstelle zu tun – dies der einzige Einwand gegen seine gutgelaunte Anthologie: Die für den Band ausgewählten Texte verschweigen weitgehend, wie grausam Sprache richten kann; wie sie Unmenschliches formuliert, Hass und Verachtung verbreitet, das Grauen zum Verwaltungsvokabular bürokratisiert. Oder wie Kurt Tucholsky, den Manfred Papst so gerne zum Gespräch getroffen hätte, eine seiner Glossen übertitelte: «Wo bleibt das Negative?»Manfred Papst: Kopf und Kragen. 99 unerbetene Ratschläge zur Sprache und ihren Tücken. Limmat-Verlag, Zürich 2026. 207 S., Fr. 29.90.