Die brachialen Kunsträuber kommen: Schweizer Museen müssen sich gegen brutale Banden wappnenIn ganz Europa überfallen Kunsträuber Museen mit Äxten, Vorschlaghämmern und sogar Sprengstoff. In der Schweiz klauen sie Goldmünzen, Uhren – oder Gemälde aus privaten Chalets. Ein noch unveröffentlichter Europol-Bericht zeigt: Das organisierte Verbrechen hat den Kunstmarkt definitiv für sich entdeckt.22.08.2026, 21.45 Uhr5 LeseminutenLeider zu spät: Nach dem spektakulären Einbruch im Louvre letzten Herbst montiert ein Arbeiter neue Fenstergitter am weltberühmten Museum in Paris.Poitout Florian/ Abaca / ImagoEs ist kurz nach sechs Uhr an einem Sonntagmorgen. Vier vermummte Männer dringen in das Uhrenmuseum von Le Locle ein. Mit Brecheisen, Vorschlaghammer und Trennschleifer brechen sie Türen auf, zerschlagen Vitrinen und erbeuten historische Schweizer Pendeluhren im Wert von mehreren zehntausend Franken. Nach weniger als fünf Minuten rasen sie bereits wieder Richtung Frankreich davon.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zwei Wochen ist der Diebstahl im Kanton Neuenburg her. Diesen Donnerstag meldeten französische Medien, dass ein Teil der Täter gefasst sei. Der Verbleib der Uhren bleibt unbekannt.Der Raub von Le Locle reiht sich in eine Serie ein. Ende letzten Jahres stahlen in Lausanne Vidy zwei Männer den bekannten Münzschatz des Römermuseums. Er ist bis heute unauffindbar. Betroffen sind auch Privatsammlungen: Im September 2025 verschwanden aus einem Chalet im Oberwallis wertvolle Gemälde. Für ihre Rückführung wurde eine Million Euro Belohnung ausgesetzt.Kunstdiebstähle und Angriffe auf Museen häufen sich in ganz Europa. Erst diese Woche stahl eine Bande im sizilianischen Messina millionenteure Renaissancegemälde aus einem Museum. Zum Teil sind die Aktionen spektakulär und das Vorgehen brachial. Genau das ist nach Einschätzung von Ermittlern Teil einer neuen Entwicklung.Brutal, schnell, organisiertDie EU-Polizeibehörde Europol warnt: Kunsträuber gehen immer aggressiver vor. Der zunehmende Einsatz von Gewalt deutet auf neue kriminelle Netzwerke hin. Zugleich ist die Nachfrage nach gestohlener Kunst gross. Diese Trends hält ein noch unveröffentlichter Europol-Bericht fest, den die «NZZ am Sonntag» vorab einsehen konnte. Der Bericht mit dem Titel «Changing Tactics, Changing Targets: The Evolving Nature of Museum Heists» wird diese Woche publiziert.Die Erkenntnisse lesen sich wie ein Paradigmenwechsel. Kunstraub galt einmal als vergleichsweise gewaltlose Kriminalitätsform, die Täter wollten oft unbemerkt bleiben. Noch 2024 stahlen Täter historische Bücher in mehreren europäischen Ländern und ersetzten Originale durch Fälschungen, um den Diebstahl zu verschleiern.Nun registriert Europol eine andere Gangart. Türen und Vitrinen werden mit Vorschlaghämmern, Äxten und Brecheisen aufgebrochen, es kommt auch Sprengstoff zum Einsatz. Mitarbeiter müssen mit Gewalt rechnen. Auch im Fall des gestohlenen Römerschatzes von Lausanne wurde ein Wachmann gefesselt.Der berühmte Münzschatz bleibt bis heute unauffindbar: Das Römermuseum in Lausanne Vidy wurde letztes Jahr zur Zielscheibe von Kunstdieben.Jean-Christophe Bott / KeystoneWeitere Beispiele aus dem Europol-Bericht lesen sich wie Filmszenen. Im Januar 2025 sprengten Einbrecher die Tür eines Museums im niederländischen Assen und stahlen einen rund 2500 Jahre alten rumänischen Goldhelm und drei goldene Armreife. Im Pariser Musée Cognacq-Jay stürmten vier Vermummte mit Baseballschlägern und Äxten hinein, erbeuteten gold- und diamantbesetzte Objekte und flohen auf Motorrollern. Beim berühmten Louvre-Coup in Paris im Oktober 2025 bedrohten Täter Wachleute und Besucher und klauten Schmuck im Wert von 88 Millionen Euro. In allen drei Fällen wurden die nationalen Ermittlungen vom Europäischen Zentrum für schwere und organisierte Kriminalität (ESOCC) von Europol unterstützt.Immer öfter steht bei den Raubzügen nicht das Kunstwerk an sich, sondern das Material im Fokus der Kriminellen. Besonders gefragt sind Objekte aus Gold, Silber oder Edelsteinen, wie Europol festhält. Metalle lassen sich einschmelzen und können nicht zurückverfolgt werden, Edelsteine werden herausgebrochen und separat verkauft.Der entromantisierte RaubBemerkenswert ist auch die Analyse zu den Tätern. Europol schreibt, dass manche der Gauner sich nur für einen Coup zusammenschlössen oder nach dem Prinzip «crime as a service» angeheuert würden, wie man es aus dem Menschen- oder Drogenhandel bereits kennt: Die Täter werden über soziale Netzwerke und Messenger-Dienste gezielt für Einsätze rekrutiert. Europol spricht von einer «alarmierenden Entwicklung».Die Erkenntnisse bestätigt der Schweizer Kunstrechtsexperte Andrea Raschèr: «Kunstraub ist heute entromantisiert, professionalisiert und diversifiziert», sagt er. Der elegante Gentleman-Dieb aus dem Kino habe mit der Wirklichkeit wenig zu tun. «Wer heute zur Tat schreitet, agiert wie ein gewalterprobter Söldner.»Doch wer steckt dahinter? Auftragsdiebstähle durch geheimnisvolle Mäzene gebe es zwar, sie seien aber selten. Ihre Bedeutung sei «umgekehrt proportional zum Mythos», sagt Raschèr. Kunstraub sei vielmehr organisierte Wirtschaftskriminalität und werde von den bekannten Mafia-Gruppierungen in ganz Europa begangen. «Sie benötigen dieselbe Infrastruktur wie beim Waffen- oder Drogenhandel: ausgebildete Täter, Transportmöglichkeiten, Verstecke und Absatzkanäle. Manchmal planen sie einen Coup minuziös, manchmal nutzen sie bloss eine Gelegenheit.»Ausweiden oder Artnapping?Und wie verwerten die Banden ihre Beute? «Über offizielle Kanäle ist das heute fast nicht mehr möglich», sagt Raschèr. «Gestohlene Kunst wird sofort registriert – und gilt damit als verbrannt.» Ein Teil werde zwar nach wie vor über den Schwarzmarkt verkauft, sagt Raschèr. Immer wichtiger werde aber das Ausweiden der Kunstwerke.Darunter verstehe man nicht nur das im Europol-Bericht erwähnte Einschmelzen von Metallen oder das Umschleifen von Edelsteinen. «Auch die Pendeluhren von Le Locle werden vermutlich ausgeweidet, also in ihre Einzelteile zerlegt», sagt Raschèr. Teile des Gehäuses oder des Uhrwerks könnten dann auf legalen Wegen verkauft werden. Selbst aus gestohlenen Büchern würden wertvolle Seiten herausgetrennt – nicht nur, weil sich Einzelblätter schlechter zurückverfolgen lassen, sondern auch, weil sie einzeln mitunter mehr einbringen als das vollständige Werk.Immer häufiger steht laut Raschèr hinter einem Kunstdiebstahl auch Artnapping – die Kriminellen fordern vom Eigentümer Geld für die Rückgabe der Werke. «Solche Erpressungen lohnen sich jedoch erst ab einer gewissen Summe, vor allem bei teuren Gemälden.»Dreissig gestohlene Objekte pro JahrWas heisst das alles für die Schweizer Museumslandschaft? Ist die Branche gegen die neuen Täter und die brutaleren Vorgehensweisen gewappnet? Frühere Diebstähle offenbarten Schwachstellen, manche Museen haben nicht einmal Überwachungskameras. Die Institutionen lassen sich diesbezüglich nicht gerne in die Karten schauen, sie sprechen von einem grundsätzlichen Dilemma: Dem Schutz der Objekte stehe die Zugänglichkeit der Werke für die Öffentlichkeit entgegen.2008 erschütterte der Bührle-Kunstraub die Schweiz: Sichergestellte Gemälde von Paul Cézanne (links) und Edgar Degas wurden später an einer Medienkonferenz gezeigt.Adrian Baer / NZZEiner, der die Sicherheitslage in Schweizer Museen so gut kennt wie kaum ein anderer, ist Markus Spinnler. Der Experte und Wirtschaftsjurist erstellt Sicherheitskonzepte, schult Personal und untersucht im Auftrag einer Kunstversicherung Museen auf Schwachstellen. Grundsätzlich seien die Standards in der Schweiz nicht schlecht, sagt Spinnler. Doch bei seinen Rundgängen finde er immer wieder Lücken im Bereich baulicher Massnahmen oder Objekte, die nicht mechanisch gesichert seien. «Viele Museen haben nie abgeklärt, wie rasch die Polizei intervenieren könnte und welche Notfallmassnahmen eingeleitet werden müssen.»«Oft können sich kleinere Museen einen guten Schutz eher weniger leisten», sagt Spinnler. Was rät er den Institutionen? Entscheidend sei, dass Täter auf mehreren Ebenen gebremst würden: durch widerstandsfähige Türen und Fenster, Sicherheitssysteme wie Alarmanlagen und gesicherte Vitrinen bis hin zum Schutz einzelner wertvoller Werke. Hinzu komme gut geschultes Aufsichtspersonal.Unklar bleibt, wie stark die Schweiz von den Diebstählen bereits heute betroffen ist. Hier, wo mit dem Bührle-Raub 2008 einer der grössten Kunstdiebstähle Europas erfolgte, führen weder das Bundesamt für Kultur noch der Museumsverband irgendeine Art von Statistik. Einen Anhaltspunkt liefert einzig das Art Loss Register in London, eine der weltweit wichtigsten Datenbanken für verlorene und gestohlene Kunst. Eine Anfrage zeigt: Im Schnitt werden dort pro Jahr rund dreissig gestohlene Objekte aus der Schweiz gemeldet.Andrea Raschèr vermutet eine hohe Dunkelziffer. «Museen bemerken kleinere Diebstähle meist gar nicht – vereinzelt schweigen sie aus Angst vor Reputationsverlust.» Doch das Feld des Kunstraubs sei hoch dynamisch: «Die Fälle, die in den Zeitungen stehen, sind nur die Spitze des Eisbergs.»Der jüngste Schweizer Fall: In Le Locle wurden vor zwei Wochen historische Pendeluhren gestohlen.Renaud SterchiEin Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel