Museen werden zur neuen Zielscheibe von EinbrechernDer Einbruch im Uhrenmuseum im neuenburgischen Le Locle erschüttert die Museumslandschaft. Müssen Schweizer Museen ihre bisherige Sicherheitsphilosophie überdenken?Eva Hirschi, Genf13.08.2026, 11.09 Uhr5 LeseminutenEin Blick auf die Dauerausstellung im Römischen Museum von Lausanne-Vidy am 4. November 2025.Jean-Christophe Bott / KeystoneKeine fünf Minuten dauerte der Raubzug am Sonntagmorgen: Um 6 Uhr 14 brachen vier schwarz gekleidete und vermummte Täter eine Eingangstür am Uhrenmuseum im neuenburgischen Le Locle auf. In zwei Sälen des Museums zerschlugen sie Glasabdeckungen und stahlen mehrere historische Pendeluhren, einige Gedenkmünzen und einen antiken Vogelkäfig. Anschliessend flohen sie mit einem Auto mit französischem Kennzeichen in Richtung Grenze. Die Polizei kam zu spät.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der monetäre Wert der gestohlenen Objekte mag nicht besonders hoch sein. Der Neuenburger Staatsanwalt Nicolas Aubert schätzt ihn auf mehrere zehntausend Franken. Doch für den Kanton, der stolz auf sein historisches Vermächtnis der Uhrenindustrie ist, ist dieser Diebstahl ein herber Verlust. Die Staatsanwaltschaft hat eine Untersuchung eröffnet. Staatsanwalt Aubert sagt, er gehe davon aus, dass es sich bei den Tätern um eine organisierte Bande handle.Neu Schweizer Museen im Visier?Tibère Grec ist Konservator im Römischen Museum in Lausanne-Vidy – jenem Museum am Genfersee, welches im vergangenen November selbst Opfer eines Raubüberfalls wurde. Er sagt: «Solche Meldungen machen mich traurig. Es geht um den historischen Wert. Es handelt sich um Kulturgut, das nicht einfach einem Museum, sondern der Gesellschaft gehört.»Zwei Personen hatten sich in Lausanne-Vidy als belgische Besucher ausgegeben, sogar Eintrittskarten gekauft und sich die Ausstellung über das Leben am Ufer des Lacus Lemannus vor rund 2000 Jahren angeschaut. Doch dann griffen sie den Wachmann an, überwältigten ihn und brachen eine gesicherte Vitrine auf, aus welcher sie einen antiken Münzschatz stahlen – einen der bedeutendsten archäologischen Funde der Schweiz.Für Tibère Grec ist klar: Der Diebstahl in Lausanne-Vidy vom letzten November und der jüngste in Le Locle sind keine Einzelfälle. Früher seien Banken Zielscheibe von Einbrüchen gewesen, jetzt hätten es die Banden auf Kulturgüter abgesehen.Noch verzeichnen die Schweizer Museen keine Einbruchswelle. Zwar befand sich im Kanton Waadt das Römische Museum Lausanne-Vidy im Visier von Dieben, sonst aber geben die Behörden Entwarnung. Weder in Genf noch im Kanton Neuenburg gab es in den vergangenen Jahren auffällige Häufungen, wie die Behörden bestätigen.Doch die zwei jüngsten Fälle in den grenznahen Kantonen könnten der Beginn einer Tendenz sein, die in den Nachbarländern schon zu beobachten ist. Der Blick nach Frankreich reiche, sagt Tibère Grec: «Diebstähle in Museen nehmen zu, es ist eine wahre Epidemie.» In Frankreich gebe es monatlich Meldungen zu Einbrüchen in Museen.In den letzten Monaten hat es gleich mehrere spektakuläre Fälle gegeben. Der aufsehenerregendste war zweifellos der Raub im Louvre in Paris im Oktober 2025, bei dem die Diebe französische Kronjuwelen stahlen. Im Juli dieses Jahres raubten Täter in einem Museum im Elsass 27 Schmuckstücke. Ebenfalls im Juli wurde in einem Museum im Burgund der Torque de Vix gestohlen, ein äusserst bedeutender goldener Halsreifen einer keltischen Prinzessin. Es war bereits der dritte Versuch der Diebe.Politische Reaktion in FrankreichIn Frankreich reagierte die Politik rasch: Nach intensiven Beratungen zwischen Kulturministerium, Innenministerium und den Nationalmuseen stellte Kulturministerin Catherine Pégard noch im Juli einen Aktionsplan mit 33 Massnahmen zur Sicherung der Kulturerbestätten vor. Der Aktionsplan hätte ursprünglich erst später publiziert werden sollen, doch die beiden Überfälle hatten die Regierung unter Handlungsdruck gesetzt.Grundlage für den Aktionsplan war nicht allein der Einbruch im Louvre, sondern auch ein im Mai erschienener Bericht der parlamentarischen Untersuchungskommission, der Frankreichs Museen ein schlechtes Zeugnis ausstellte: Im Jahr 2024 verfügten weniger als ein Viertel der Museen über einen Notfall- und Risikopräventionsplan, und nur gut die Hälfte der nationalen Sammlungen waren mit Videoüberwachung ausgestattet.Gleichzeitig brach eine grosse Kontroverse über die Methoden der Sicherung von Kulturerbe aus. Was nützen kostspielige Alarmanlagen, wenn Einbrecher gerade einmal fünf Minuten für einen Diebstahl benötigten, und das am helllichten Tag? Eine radikale Forderung äusserte Dominique Garcia, Direktor des französischen Instituts für archäologische Forschung: Museen sollten nur noch auf mit 3-D-Druckern erstellte Repliken setzen – die Originalwerke gehörten sicher verstaut in Safes.Repliken ersetzen keine OriginaleAuch in der Schweiz wird über Sinn und Unsinn von Faksimiles diskutiert. Einer, der sich dezidiert dagegen ausspricht, ist Marc-Antoine Kaeser. Der ehemalige Kurator des Schweizerischen Nationalmuseums ist seit 2007 Direktor des Museums Laténium in Neuenburg, des grössten Museums für Archäologie in der Schweiz. Dieses befindet sich gerade eine halbe Stunde vom Uhrenmuseum in Le Locle entfernt. «Museen sind keine Banken», sagt Kaeser. «Unsere Aufgabe ist es, die Werke der Gesellschaft zugänglich zu machen und ihr die Geschichte und den Kontext aufzuzeigen.»Für ihn ist klar: «In den Vitrinen nur Kopien zu präsentieren, ist keine Lösung – schon nur aus ethischen Gründen: Die Kulturgüter gehören der Öffentlichkeit, nicht den Archäologen.» Das Laténium verfüge als relativ modernes Museum über zahlreiche Sicherheitsmassnahmen und stehe in engem Kontakt mit der Kantonspolizei. Ein Restrisiko bleibe aber immer.Das sieht auch Francesco Garufo so, Präsident des Verbands Neuenburger Museen. «Nur Kopien auszustellen, käme einer Kapitulation vor dem organisierten Verbrechen gleich», sagt er. Der Schutz der Kulturgüter sei jedoch kein neues Thema in der Museumslandschaft. Die Sicherheitsstandards würden laufend überprüft – und dies nicht erst seit dem Einbruch im Louvre oder in Lausanne-Vidy. Auch führe die Kantonspolizei regelmässig Präventionsmassnahmen bei den Einrichtungen durch, um diese für Sicherheitsfragen zu sensibilisieren.Gerade in Neuenburg, der Hochburg der Uhrenindustrie, komme es immer wieder zu Einbrüchen bei Zulieferern oder bei Verarbeitern von Edelmetallen. Was Francesco Garufo Sorge bereitet: «Bei Einbrüchen in Museen müssen wir davon ausgehen, dass es sich um Bestellungen handelt.» Die gestohlenen Schmuckstücke, Goldmünzen oder Pendeluhren seien zu leicht identifizierbar, als dass man sie auf dem Schwarzmarkt verkaufen könne. Der historische Wert liege zudem um einiges über dem eigentlichen Warenwert. Er geht davon aus, dass diese Objekte in privaten Sammlungen landen. Was diese Fälle aber auch zeigten: «Für Museen ist es wichtig, in die Sicherheit zu investieren.»Ganz so einfach sei das nicht, sagt Tibère Grec vom Römischen Museum: Die grossen Museen hätten vielleicht gute Sicherheitskonzepte. Bei den kleineren Museen bedeute dies einen höheren Aufwand – nicht zuletzt, weil sich diese häufig nicht in eigens dafür konzipierten Gebäuden befänden, sondern in historischen Häusern, die weniger gut zu sichern seien. Zudem entstünden durch zusätzliche Sicherheitsmassnahmen mehr Kosten.Grec sagt, die organisierten Banden machten klar, wie sehr man in der Schweiz in Sachen Sicherheit im Verzug sei. Früher habe das Aufbrechen von Vitrinen viel Zeit gekostet, eine gute Alarmanlage habe somit ausgereicht. Heute reichten handliche Glasschneidegeräte, um Vitrinen in Sekunden zu öffnen. «Wir müssen uns modernisieren und uns den neuen Diebstahlmethoden anpassen.»Passend zum Artikel
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