Pro ArtikelWie kommerzialisiert man den Krieg? Das fragt sich Deutschlands bekanntester MilitärinfluencerDie Bundesregierung, die Rüstungsindustrie und die Nato setzen auf David Matei. Er bekommt Klicks und Aufmerksamkeit, nur Geld verdient er kaum. Dabei formt Matei mit seinen Videos die Welt von morgen mit.22.08.2026, 05.30 Uhr11 Leseminuten«Deutschland ist es wert»: vier Worte, die den Militärinfluencer David Matei über Nacht bekannt gemacht haben.Heinz HeissWillkommen in der Illusionsmaschine. Rotes Licht, graue Wandpaneele, ein Teppich in Betonoptik, auf Tiktok sieht das Auge später einen Atomschutzbunker. Doch zuerst steht da nur David Matei, Deutschlands bekanntester Militärinfluencer, vor der Kamera und erklärt, wie Friedrich Merz auf einer Todesliste in Iran gelandet ist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Er hebt die Stimme, er senkt die Stimme, nach jedem Satz schnalzt er mit der Zunge. 4 Minuten lang. Hinterher wird er die besten Sätze zusammenschneiden und das Schnalzen herausnehmen. 1 Minute 17 bleiben am Ende übrig. Für Tiktok ist das ein Video in Überlänge.Die Hoffnung der Nato74 Prozent der jungen Deutschen holen sich ihre politischen Informationen aus den sozialen Netzwerken. Doch Politiker und Militärangehörige wissen kaum, wie sie sich dort verhalten sollen. Matei macht es ihnen vor. Über 450 000 Follower auf Tiktok und Instagram, Buchautor und Ex-Soldat. Der 33-Jährige erklärt Sicherheitspolitik so, dass die jungen Leute etwas damit anfangen können.Von seinen Videos erhoffen sich die Nato, die deutsche Regierung und die Rüstungsindustrie, dass sie die deutsche Gen Z auf die Zeitenwende vorbereiten, auf die neue Bedrohungslage in Europa seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die russische Tageszeitung «Prawda» nennt Matei «rhetorisch perfekt und gutaussehend».Matei hat Reichweite, Renommee und Aufmerksamkeit. Doch ein Mensch muss auch von etwas leben. Und hier beginnt Mateis Problem. @sicherheitspolitik War nicht auf seiner Bingo-Card. 😂🎯 🇮🇷 Die regime-nahe Teheraner Zeitung „Hamshahri“ setzt Bundeskanzler Friedrich Merz auf eine öffentliche Vergeltungsliste. Neben ihm: 🇺🇸 Trump, 🇮🇱 Netanjahu, 🇫🇷 Macron & weitere westliche Spitzenpolitiker. 📰 Die Überschrift: „Rache ist unvermeidlich.“ Die Politiker werden im Guantánamo-Look dargestellt – teilweise sogar mit Fadenkreuzen. Die Zeitung gilt als Sprachrohr der Hardliner und wird von der Stadt Teheran herausgegeben. Quellen: 📰 t-online 📰 BILD 📰 dpa ♬ Originalton - David Matei - David Matei Der Moment, der alles verändertAm 17. März 2025, kurz vor 10 Uhr abends, wird David Matei zu einer öffentlichen Figur in Deutschland. Er, der Militärinfluencer, ist Gast in der ARD-Talkshow «Hart, aber fair». Politiker, Sicherheitsexperten und Kriegsgegner diskutieren über Deutschlands Aufrüstung. Irgendwann fragen sie, ob es sich überhaupt lohne, Deutschland zu verteidigen. Matei hat diese Frage erwartet, sich zu Hause ein Statement zurechtgelegt, genau so kurz, damit es hinterher auch auf Tiktok passt. Seine Frau hat es gelesen, die Kameraden auch. Matei ahnt, dass genau jetzt dieser eine Moment sein könnte, der alles verändert. Auf seinen Handflächen treten Schweissperlen hervor.«Für mich ist Deutschland kein ausbeuterischer Herrschaftsstaat», beginnt er, dann spricht er über den Rechtsstaat, das deutsche Sozialsystem und seine Tochter. Matei macht kleine Pausen zum Nachdenken. So, als kämen ihm die Sätze gerade spontan in den Sinn. 50 Sekunden später endet er mit: «Deutschland ist es wert.» In einem Land, das mit Heimat, Stolz und seiner Geschichte hadert, hat es dieser Satz in sich. Matei hat die Worte gefunden, nach denen andere gesucht haben. Es sind Worte mit Pathos, aber ohne Nationalismus.David Matei bei «Hart, aber fair» am 17. März 2025. An jenem Abend wird er in Deutschland zu einer öffentlichen Figur.Dirk Borm / WDRJournalisten fragen ihn hinterher für Interviews an, er tritt in Podcasts auf, ein Jahr später erscheint ein Buch, das Zitat des Abends wird zum Titel: «Deutschland ist es wert». Matei schreibt darin, warum er zur Bundeswehr gegangen und fünfzehn Jahre geblieben ist. Wie er zu den Gebirgsjägern kam und dann als Jugendoffizier durch Süddeutschlands Schulen zog, um über Sicherheitspolitik zu sprechen.Er erzählt von seinem Vater, der aus dem sozialistischen Rumänien nach Bayern floh, mit dem Schlauchboot über die Donau, ohne schwimmen zu können. Er erzählt von seinem ukrainischen Freund Anton, der in russische Kriegsgefangenschaft geriet und drei Jahre später nur noch 53 Kilogramm wog. Matei schreibt: Es lohne sich, die Freiheit zu verteidigen. Deswegen brauche es die Bundeswehr.Die Suche nach einem GeschäftsmodellJetzt sitzt Matei auf seiner Terrasse in Ludwigsburg, 10 Uhr 5 am Vormittag, hinter den Büschen auf der Strasse rattert ein alter Traktor mit Deutschlandfahne vorbei. Es ist WM-Sommer, auch wenn Deutschland längst verloren hat. Vor sechs Wochen hat Matei die Bundeswehr verlassen, um mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Nach fünfzehn Jahren bei der Armee beginnt jetzt ein neues Leben für ihn. Matei hat die Beine angewinkelt, die nackten Füsse liegen auf dem Kissen des Holzstuhls, seine Finger spielen mit den Zehen. Er telefoniert mit einer Influencerin von Tiktok.Sie: Ich war vier Stunden beim Friseur und habe live gestreamt. Matei: Alter, das ist eine gute Idee! Sie: Beim Nato-Gipfel in der Türkei hättest du das Gelände zeigen können. Matei: Den Zugang verwerten. Das ist eine gute Idee. Matei ist jetzt hauptberuflich Influencer. Als er im Sommer 2021 nach Feierabend in der Kaserne sein erstes Tiktok-Video veröffentlichte, ging es vor allem um Dopaminkicks und Aufmerksamkeit. Jetzt geht es ums Geld. Doch das fliesst noch nicht so recht.Fünfzehn Jahre war David Matei bei der Bundeswehr. Nun hat er die Uniform abgelegt und beginnt ein neues Leben.Heinz HeissDie meiste Zeit des Tages steht Matei in seinem Arbeitszimmer. Vor ihm der Schreibtisch, hinter ihm das Videostudio in Bunkeroptik, neben ihm ein Bücherregal. Die Rollläden sind unten wegen des Kunstlichts. Die Arbeit als Influencer ist ein recht einsames Geschäft. Influencer vernetzen sich daher untereinander, sie unterstützen und helfen einander.Am frühen Morgen hat Matei in einem Post um Hilfe gebeten, um 10 Uhr hat ihn eine Bekannte angerufen. Matei fragt sie: Wie verdient man Geld mit Social Media?Sie: Livestreams sichern dir ein Grundeinkommen. Matei: Zum Mietebezahlen.Matei schnauft und legt seinen Kopf in den Ellenbogen. Es gibt ein Problem: Die Kollegin macht Beauty, er Verteidigung. Mit Sicherheitspolitik macht auf Social Media noch niemand Geld.Soziale Netzwerke sind im Grunde eine gigantische Marketingmaschine. Influencer produzieren Inhalte, in deren Umfeld Unternehmen werben können. Die Influencer werden dafür an den Einnahmen der Plattformen beteiligt, dürfen individuelle Werbeverträge abschliessen. Sie vermarkten eigene Produkte: Schminke, Proteinpulver, Energydrinks.Doch was will Matei verkaufen? Krieg ist nichts, mit dem sich Unternehmen gerne schmücken. Matei hat eine Rasiererfirma für eine Werbekooperation angefragt. Soldaten, Männer, Rasierer, das könnte doch passen, dachte er. Abgelehnt. Jetzt wartet er auf die Antwort von einer Modemarke.Die Widersprüchlichkeit des KriegesMatei steht um 5 Uhr auf, geht um 23 Uhr ins Bett, dazwischen denkt er an Umsatz, Steuern und an Content. Matei sagt: «Ich habe keine Freunde.» Dafür hat er Jiu-Jitsu-Stunden, seine Familie, die Arbeit. Und ein Video pro Tag.Matei hat auch Prinzipien. Er fährt ein Elektroauto, bei rechts vor links im Wohngebiet pirscht er sich langsam heran, beugt sich am Lenkrad nach vorne, so wie er es in der Fahrschule gelernt hat. Er sieht den Menschen hinter dem System. Matei wurde von einer ukrainischen Firma für eine Kooperation angefragt, Werbung für Schlüsselanhänger aus dem Stahl von russischen Panzerwracks. Er sagt: «Darin sassen Soldaten, die den Krieg vielleicht gar nicht wollten.» Er hat abgelehnt.Matei möchte die Widersprüchlichkeit des Krieges aufzeigen. Sachlich und informativ. Er will zeigen, dass Soldat sein nicht heisst, für den Krieg zu sein. Dass Aufrüsten nicht bedeutet, den Krieg anzuheizen. Im Gegenteil. Dass eine starke Armee den Krieg verhindern kann, wenn sie nur abschreckend genug ist.Matei ist auf Social Media, weil er die jungen Menschen erreichen will. Sie sind es, die im Zweifel in einem Krieg kämpfen müssten. Matei möchte, dass sie sich eine eigene Meinung bilden. Er sagt: «Ich will niemanden influencen.» Doch Matei muss sich auch der Logik der Plattformen beugen. Und diese Logik ist einfach: Klicks, Klicks, Klicks. Um jeden Preis. Sie sind die Grundlage, um Geld zu verdienen.Am Nato-GipfelDie Kamera läuft. Matei trifft Friedrich Merz auf blauem Teppichboden in Ankara. Er fragt den Kanzler, wann sein Wecker geklingelt habe. 6 Uhr 30. Ob er auf Schlummern gedrückt habe. Ja, fünf Minuten. Kaffee oder Tee? Beides. Der Erkenntnisgewinn ist gering, dafür 425 000 Klicks auf Tiktok.Matei veröffentlicht noch ein zweites Video von diesem Treffen. «Zum Abschluss noch mal drei tiefe Fragen», sagt er, dann 40 Sekunden Interview zur verteidigungspolitischen Rolle Deutschlands in der Welt. 55 000 Klicks bekommt er dafür, ein Achtel so viele wie für das andere Video.Matei weiss, dass tiefergehende Fragen schlechter ankommen als die lustigen. Deswegen verpackt er sie bestmöglich. Er erklärt komplexe Sachverhalte so, als würde er vom Wochenende sprechen. Er macht Witze, erzählt kuriose Einzelheiten und fokussiert auf Personen. Er unterlegt seine Videos mit Musik und Bildeffekten. Matei sagt: «Wissen muss unterhalten.» Die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf Tiktok ist begrenzt, nackte Haut und süsse Tiere sind stets nur einen Wisch entfernt. Matei schliesst daraus: erst die Unterhaltung und dann so nebenbei die Information.Man kann das fürchterlich verkürzend finden und auch kritisieren. Doch Matei tut, was er muss: Er arrangiert sich mit der Logik der sozialen Netzwerke. Matei ist darauf angewiesen, dass seine Videos wahrgenommen werden. Zugleich ist er davon überzeugt, dass es um noch viel mehr geht. Matei ist auch Influencer für die Nato.Mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine hat Russland seine Beeinflussungskampagnen im digitalen Raum verstärkt. Es verbreitet seine Sicht der Dinge, produziert Fake News und stänkert in den Kommentarspalten der sozialen Netzwerke. Alles mit dem Ziel, Hass und Zwietracht in Europa zu säen und den Kontinent damit zu schwächen.Der hybride Krieg wälzt sich durch die Filterblasen auf Social Media, doch Europa hat den russischen Programmen kaum etwas entgegenzusetzen. Versteckte Aktionen passen nicht zum Selbstverständnis des Kontinents. Die Nato sucht deswegen Hilfe bei den Influencern. Sie sollen sich auf Tiktok für den Westen einsetzen. Die Nato-Story auf ihre Weise erzählen, wie das Verteidigungsbündnis auf seiner Website schreibt. «Protect the Future» nennt die Nato das. Ein Influencer-Programm, das die Zukunft schützen soll.Und so ist Matei im Juli als einer von dreissig Influencern auf dem Nato-Gipfel in Ankara. Er bekommt Flug und Hotel bezahlt, Treffen mit Politikern arrangiert und wird in Bereiche gelassen, die für Journalisten versperrt sind. Es gibt ein Briefing für ihn, Ansprechpartner vor Ort und ein Videostudio in Nato-Optik.Die Nato bietet ihm starke Bilder, aber kein Honorar. Propagandisten soll es im Westen nicht mehr geben. Und Matei? Der nimmt die Klicks und hofft, dass daraus Euro werden, irgendwann.Der Nato-Generalsekretär Mark Rutte (im Hintergrund) trifft sich am Nato-Gipfel in Ankara mit Influencern. Matei filmt sich selbst.NatoEr postet 150 Videos vom Nato-Gipfel. Er schüttelt Wolodimir Selenski die Hand, amüsiert sich über Emmanuel Macrons Sonnenbrille, er filmt den schönsten General der Nato, wie er sagt. Matei präsentiert die türkischen Werbegeschenke für die Journalisten, im Konferenzsaal läuft er durch die Sitzreihen und schaut, wer wie viele Kekse verspeist hat. Er spricht mit Friedrich Merz über dessen Wecker.Matei trifft auch Mark Rutte, 60 Sekunden darf er mit dem Generalsekretär der Nato sprechen. Matei fragt: «Was ist schwieriger: die 32 Nato-Länder auf eine Linie bringen oder fünf Minuten Zeit für eine Kaffeepause auf dem Gipfel finden?» Rutte muss sich nach unten beugen, um Matei zu verstehen. Dann schaut er ihm in die Augen. «Gleich schwierig», sagt er. Matei lacht und gibt Rutte die Hand, «thank you so much», 20 Sekunden Video.«Krass, dass sich der Generalsekretär der Nato 30 Minuten Zeit für die Creators nimmt», sagt Matei ins Mikrofon. Er sitzt in einer der vielen Reihen des Sitzungsraums, an der blauen Nato-Bühne vorne stehen die anderen Influencer Schlange für ihre 60 Sekunden mit Rutte. Matei sagt: «Krass, welchen Wert die Nato der jungen Zielgruppe gibt.»Er hätte ebenso sagen können: wie viel die Nato von den jungen Menschen möchte. Die Nato braucht Soldaten. Nun steckt das Verteidigungsbündnis seine Hoffnung in Matei. Er bietet ihr einen Zugang zu einer Generation, die sie sonst nur schwer erreicht.Dieser Zugang ist Mateis Chance. Und er nutzt ihn.Werbung für die WaffenindustrieWer sich durch Mateis Tiktok-Profil scrollt, vorbei an Merz, Rutte und dem türkischen Frühstücksbuffet am Nato-Gipfel, stösst irgendwann auf das Video eines grauen Kampfjets. Wilde Kamerafahrten, schnelle Schnitte, fast könnte man meinen, Matei schwebe durch die Luft. Dann spricht er mit einem der Geschäftsführer von Helsing, dem Rüstungsunternehmen, das den Jet entwickelt hat. 205 000 Klicks und ein Wort in der Videobeschreibung, das sich leicht überlesen lässt: Anzeige.Dieses Wort findet sich noch bei weiteren Videos. Etwa wenn Matei einen Messestand von Airbus zeigt oder Marschflugkörper von MBDA präsentiert. Matei spricht für Geld mit Rüstungsunternehmen, so wie andere Influencer Lifestyle-Produkte in die Kamera halten. Noch zeigen sich in den Feeds seiner Social-Media-Kanäle wenige solcher Videos, doch es könnten schon bald mehr werden. @sicherheitspolitik Anzeige ✈️ Deutschlands erstes autonomes Kampfflugzeug: Helsings CA-1 Europa 🇩🇪 🤖 KI-Pilot statt Mensch im Cockpit 💥 CA-1KA (Kinetic Attack): trifft Kommandostellen & Logistik tief hinter der Front 📡 NEU: CA-1EA (Electronic Attack): stört feindliche Radare aus der Luft und öffnet Korridore für nachfolgende Jets 🇪🇺 Entwickelt und gebaut von Helsing bei Grob Aircraft in Bayern. Die einzige rein europäische Lösung ihrer Art. #AI #Bundeswehr #Helsing ♬ Originalton - David Matei - David Matei Die Zeitenwende, die Olaf Scholz 2022 verkündet hat, gewinnt langsam an Tempo. Deutschland will die stärkste konventionelle Armee Europas aufbauen, und Milliarden an Steuergeldern fliessen in die Rüstungsunternehmen. Doch nur wenn sie ihre Relevanz glaubhaft machen können, bekommen sie langfristig Geld. Zudem brauchen sie Arbeitskräfte. Um die jungen Leute von sich zu überzeugen, setzen die Rüstungsunternehmen jetzt auch auf Influencer.Über die Hintergründe seiner Zusammenarbeit darf Matei nicht sprechen. «Ich habe krasse Sachen unterschrieben», sagt er. Doch der Militärinfluencer Matei bekommt Geld von der Rüstungsindustrie, so viel ist sicher. Macht er sich damit nicht unglaubwürdig? «Ich hinterfrage das schon», sagt Matei, «aber ich löse es darüber, dass ich Aufklärungsarbeit leiste.»Es ist der typische Spruch eines Influencers. Influencer stellen Werbung stets als persönliche Empfehlung dar, das macht sie für Unternehmen so attraktiv. Doch Matei macht es sich nicht leicht. Er denkt nach, er spricht leiser, die Worte kommen langsamer aus seinem Mund. Matei steckt in einem Dilemma.Einerseits ist er, der Ex-Soldat, davon überzeugt, dass Europa seine Feinde abschrecken muss. Dafür braucht der Kontinent auch starke Rüstungsunternehmen. Warum sollte Matei dann nicht Geld von ihnen nehmen? Andererseits will er, der Influencer, unabhängig sein. Er will, dass seine Follower ihm glauben, was er sagt. Matei recherchiert lange für seine Videos, berichtet ausgewogen, gibt Quellen an. Wenn er die Skripte seiner Videos von der KI redigieren lässt, kritisiert sie ihn manchmal mit «zu journalistisch».Doch Matei kann nicht unabhängig sein, wenn er sich von denen bezahlen lassen muss, über die er spricht. Matei weiss das. «Ich bin Content-Creator», sagt er, «kein Journalist.» Es ist sein Kompromiss. Matei orientiert sich in seiner Arbeit an journalistischen Kriterien. Doch um Geld zu verdienen, muss er ein Stück seiner Unabhängigkeit aufgeben. Wie viel das ist, wird er herausfinden müssen.David Matei sagt: «Ich will niemanden influencen.» Aber wie sonst will er sein Geld verdienen?Heinz HeissZwei Jahre, bis die Zukunft beginntMatei hat sich auf seiner Terrasse in Ludwigsburg klein gemacht. Er sitzt im Schneidersitz auf seinem Stuhl und nuckelt an einem geflochtenen Silberkettchen, das fast unsichtbar an seinem Hals hängt. Er telefoniert seit fünfzehn Minuten mit Nicole, der Influencerin von Tiktok, die Beauty macht und weiss, wie man auf Social Media Geld verdient.Sie: Ich habe noch einen Tipp: Mache Merch! Zum Beispiel eine Tasse mit deinem Gesicht drauf. Matei lacht. Er will keine Fanartikel von sich verkaufen.Sie: Eine Freundin von mir macht mit ihrem Online-Shop 15 000 Euro Umsatz im Monat. Matei spielt mit seinen Fingern, dann dreht er die Daumen.Sie: Tiktok hat früher so viel Geld bezahlt, jetzt gibt es fast nichts mehr. Du musst plattformunabhängig Geld verdienen. Matei legt auf. Noch hat er Zeit. Für zwei Jahre bekommt er einen Teil seines alten Offizierslohns ausbezahlt. Übergangsgebührnisse nennt die Bundeswehr das, für Hauptleute wie Matei um die 4000 Euro brutto pro Monat. Mit dem Geld will die Bundeswehr den Soldaten den Weg ins normale Arbeitsleben erleichtern. Bei Matei leistet sie damit auch Aufbauhilfe für einen Beruf, den es bis jetzt noch nicht gibt: Influencer für die Sicherheitspolitik des Westens.Matei hat nun zwei Jahre Zeit, um ein Geschäftsmodell zu finden, mit dem er sich abfinden kann. Gelingt es ihm, hat der Westen einen Influencer gewonnen, der die Zeitenwende in die deutschen Echokammern der sozialen Netzwerke trägt.Irgendwann wird die Generation Tiktok erwachsen sein und sich an den Schaltstellen der Gesellschaft befinden. Sie wird Leitartikel in den Zeitungen schreiben, in den Vorständen der Unternehmen sitzen und in die Parlamente gewählt werden. Die sozialen Netzwerke gehören zu den unterschätzten Orten der Geopolitik. Wer heute Zugang zu den jungen Menschen hat, kann die Welt von morgen beeinflussen.Matei schaut in den Himmel. Werbeverträge mit der Rüstungsindustrie und eine Tasse mit einem Gesicht drauf. Sieht so seine Zukunft aus? Zweitausend Kilometer entfernt herrscht Krieg in der Ukraine, und Putin rüstet weiter auf. Matei macht sich keine Illusionen.Passend zum Artikel