Das deutsche Militär ist wieder sichtbar, nahbar und für manche Jugendliche sogar attraktiv. Doch sobald aus Interesse Pflicht werden könnte, beginnt bei jungen Menschen eine ganz andere Debatte.Armin Arbeiter (Text), Daniel Chatard (Bilder), Munster12.06.2026, 11.30 Uhr8 LeseminutenZwei Schützenpanzer «Puma» preschen auf das Dorf zu, in dem sich feindliche Soldaten verschanzt haben. Ihre Maschinenkanonen feuern dabei ständig. Im Dorf kracht es, Rauch steigt auf. Wäre es ein echtes Dorf mit echten Soldaten darin – es läge in Trümmern. So bleiben die kleinen Übungshäuser der Bundeswehr stehen, wenig später werden deutsche Panzergrenadiere eindringen und dort die letzten Feinde, beziehungsweise Pappkameraden, besiegen. All das unter den Augen Tausender Menschen, die von Tribünen aus gebannt dieser «dynamischen Vorführung» folgen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ist Samstag , der Tag der Bundeswehr, in Munster im deutschen Bundesland Niedersachsen. Soldaten kennen es als «Hauptstadt der Bundeswehr». Dort ist unter anderem die Panzertruppenschule des deutschen Heeres mit mehr als 6000 Soldaten stationiert.Seit Samstag ist das auch mehr Zivilisten klar: Etwa 50 000 Menschen kommen, um zu sehen, was das Militär dort zu bieten hat. Auf einer Bühne spielt eine Soldatenband klassische Rock-Nummern, der Wind trägt den Geruch von Fischbrötchen und Pommes über den Platz. Familien, interessierte Jugendliche, ehemalige Soldaten suchen auf der «Erlebnismeile» nach Attraktionen: Tarnfarben-Schminken für Kinder, Hundevorführungen, Fahrten mit dem Kampfpanzer Leopard 2 und vieles mehr.Während einer Vorführung präsentiert die Bundeswehr ein Szenario, in dem Truppen mit Panzern ein von Feinden gehaltenes Dorf einnehmen.Eine Zollbeamtin führt mit einem Spürhund die Suche nach Bargeld in Gepäckstücken vor.Die Bundeswehr braucht PersonalDie Bundeswehr will sich der Bevölkerung öffnen, heisst es. Die zahlreichen Infostände zeigen, dass es auch um etwas anderes geht: Personalgewinnung. 260 000 aktive Soldaten braucht die Bundeswehr bis Mitte des kommenden Jahrzehnts, dazu 200 000 Reservisten. Davon ist man derzeit weit entfernt, auch wenn das Interesse in der Bevölkerung steigt.Seit Anfang Jahr erhalten junge Männer im wehrfähigen Alter Fragebögen von der Bundeswehr zu ihrer Gesundheit und Motivation, die sie verpflichtend ausfüllen müssen. Wer interessiert ist, wird zur Musterung eingeladen. Für Männer ab dem Jahrgang 2008 ist die Musterung ab dem 1. Juli 2027 verpflichtend. Sollte die Bundeswehr dadurch nicht genügend Soldaten bekommen, behält sich die deutsche Regierung vor, die 2011 ausgesetzte Wehrpflicht wiedereinzuführen.Ein paar Tage zuvor zeigt sich im Berliner Käthe-Kollwitz-Gymnasium, wie diese Debatte klingen kann. Eine Schülerin steht auf der Bühne. Ihr Handy klingelt. Es ist die Wehrersatzbehörde, die ihr mitteilt, dass sie wenige Monate nach ihrem Abitur einzurücken habe. Das Studium müsse warten. «Ich habe jetzt so viel für mein Abitur gearbeitet», sagt die Schülerin in der Szene. «Soll der Staat für mich und meine Zukunft entscheiden?» Damit ist der Ton für eine Podiumsdiskussion über die vielleicht kommende Wehrpflicht gesetzt, die die Schüler akribisch vorbereitet haben: Soll der Staat über sechs Monate ihres Lebens verfügen dürfen?Zehntausende Interessierte kamen am 6. Juni nach Munster.Bei der «dynamischen Vorführung» sparte die Bundeswehr nicht mit Rauchkörpern.Skeptische SchülerAuf dem Podium sitzt Jan Stöss von der SPD, Staatssekretär im deutschen Verteidigungsministerium. Ihm gegenüber Ulrich Klotzek, ehemaliger Wehrdienstverweigerer in der DDR und Vertreter einer radikal pazifistischen Position. Dazwischen diskutieren die Schülervertreter Nuri und Maite, die jeweils die Positionen pro und contra vertreten. Die Stimmung bei den rund 200 Schülern im Saal ist nicht antimilitaristisch, aber misstrauisch. In einer schulinternen Umfrage geben viele an, Verteidigungsbereitschaft wichtig zu finden. Zugleich überwiegt bei der möglichen Einführung eines neuen Wehrdienstes die Skepsis.Der Aufklärungsbedarf sei gross, heisst es auf der Bühne. Das zeigt die Diskussion: Die Jugendlichen wollen nicht belehrt werden. Sie wollen wissen, warum gerade sie für eine sicherheitspolitische Wende einstehen sollen, die andere beschlossen haben.Maite spricht offen aus, dass sie eine Wehrpflicht unter bestimmten Umständen für das geringere Übel halte. Wenn die Bedrohungslage ernster werde und die Freiheit langfristig gefährdet sei, könne sie sich vorstellen, einen Wehrdienst zu leisten. Sie wolle in einer Demokratie leben, in der solche Diskussionen überhaupt möglich seien.Neben ihr hält Nuri dagegen: Die Bundeswehr müsse stärker werden. Aber Zwang sei der falsche Weg. Deutschland brauche Investitionen, moderne Technik und Menschen, die wirklich dienen wollten – nicht einen ganzen Jahrgang, der für ein paar Monate in die Kaserne geschickt werde.Drei militärische Transportflugzeuge des Typs Airbus A400M überfliegen das Gelände in Munster, während Besucher ausgestellte Panzer besichtigen.Die Panzer waren am Tag der Bundeswehr eine gefragte Attraktion.Kurzer Protest«Die sollen das alle machen, uns hat das auch nicht geschadet», sagt ein Familienvater, der in Munster mit seinem jungen Sohn und seiner Frau aus dem Wald kommt. Ein paar Meter weiter hinten, im Dickicht, zeigen Soldaten, wie sie «im Felde leben», also Behelfszelte aufstellen, Wasser gewinnen, Essen zubereiten. «Seine T-Shirts legt mein Mann auch noch gut zusammen», lacht die Ehefrau. Auch der zehn Jahre alte Bub meint, dass die Bundeswehr «sicher ein Abenteuer» wäre.Doch selbst in Munster hat das Militär nicht nur Freunde: Gegen Mittag legt sich plötzlich eine Handvoll junger Menschen aus Protest auf den Boden. Noch ehe sie politische Botschaften verkünden können, werden sie von Polizei und Feldjägern umstellt und vom Gelände geführt. Ohne Gewalt, ohne Widerstand. Ihre Parolen gehen in der lauten Musik unter, der Grossteil der Anwesenden hat die Aktion nicht einmal bemerkt.Proteste würden ihre Berechtigung haben, sagt ein Soldat. Er könne den Unmut der jungen Generation auch verstehen. «Es wird ja auch tatsächlich über die Köpfe dieser jungen Menschen entschieden», sagt er.Auch im Käthe-Kollwitz-Gymnasium polarisiert dieses Thema. Wehrdienstverweigerer Klotzek formuliert den Widerspruch am schärfsten. Wenn die Freiwilligkeit nicht ausreiche, sagt er, habe sich die Bundesregierung mit dem neuen Wehrdienstmodell bereits die Grundlage für eine Wehrpflicht geschaffen. Dann seien junge Männer nicht mehr nur Bürger, sondern Wehrpflichtige, die «Befehl und Gehorsam» unterlägen. Das sei ein massiver Eingriff in Freiheitsrechte und Lebenswege.Ein Diensthundeführer der Feldjäger wartet auf den Beginn einer Vorführung der Arbeit mit Spürhunden.Bei der Geländefahrt mit Gefechtsfahrzeugen der Bundeswehr konnten Besucher in verschiedenen Panzern mitfahren.Ist Freiheit selbstverständlich?Stöss widerspricht nicht darin, dass eine solche Debatte schwer wiegt. Er betont, Kriegsdienstverweigerung sei legitim. Wer aus Gewissensgründen keinen Dienst an der Waffe leisten wolle, könne auf andere Weise Verantwortung übernehmen.Aber er setzt einen anderen Ausgangspunkt: Die Wirklichkeit habe sich verändert. Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine, der mögliche Rückzug der Amerikaner aus Europa und die autoritären Verschiebungen in der Welt hätten die sicherheitspolitische Lage verändert. Eine freie Gesellschaft müsse verteidigungsfähig sein. Und Verteidigung gehe nicht ohne Menschen.Die Schüler nehmen beide Argumente auf und machen daraus ihre eigene Debatte. Einige warnen, dass ein Wehrdienst Studium, Ausbildung oder Berufseinstieg unterbrechen würde. Andere fragen, ob ein kurzer Grundwehrdienst militärisch überhaupt viel bringt, wenn moderne Kriege von Drohnen, Flugabwehr und hochspezialisierter Technik geprägt sind. Wieder andere halten dagegen: Freiheit sei nicht selbstverständlich. Wenn Russland näher rücke und Amerika unberechenbarer werde, könne es sein, dass Deutschland mehr Bürger in Uniform brauche.Interesse an der BundeswehrIn Munster stehen zwei Altersgenossen der Berliner Schüler vor einem Infostand der Bundeswehr. Beide wollen nach ihrem Abitur im kommenden Jahr die Offizierslaufbahn beginnen. Sie seien hier, um sich über den genauen Ablauf des Auswahlverfahrens zu informieren. «Ich halte das für einen ehrenwerten und wichtigen Beruf. Gerade in der heutigen Zeit», sagt einer der beiden.Beide sehen in der Bundeswehr eine Möglichkeit, «viel zu lernen, die Welt zu sehen und etwas für die Gesellschaft zu tun». Dabei wirken sie entschlossen, scheinen sich auch über die möglichen Risiken im Klaren zu sein. «Wenn es wirklich passieren sollte, dass ein Krieg ausbricht, müssen wir eben unsere Bevölkerung schützen», sagt einer von ihnen in nüchternem Ton.An einem Informationsstand erkundigen sich junge Männer zu beruflichen Perspektiven bei der Bundeswehr.Besucher laufen auf dem Gelände in Munster beim Tag der Bundeswehr herum, auch ein historisches Militärfahrzeug fährt auf der Strasse.Daneben erklärt ein Unteroffizier zwei anderen jungen Männern den Freiwilligen Grundwehrdienst, macht sie auch darauf aufmerksam, dass diese Entscheidung neuerdings bedeutet, auch an Reserveübungen teilnehmen zu müssen, sollten sie nach dem Wehrdienst aus der Bundeswehr ausscheiden.«Wir sind da ganz transparent, ohne Schnörkel», sagt ein Feldwebel vom Bundeswehr-Infostand. Er selbst glaubt nicht daran, dass die Bundeswehr ihre Personalziele rein auf freiwilliger Basis erreichen kann. Man habe zwar viel mehr Zulauf als noch vor der Personaloffensive. Insgesamt seien es aber zu wenige, die sich dazu entscheiden, längerfristig Berufssoldaten zu sein.Zurück im Käthe-Kollwitz-Gymnasium dreht sich die Debatte bald um die Frage, ob Freiwilligkeit reicht. Stöss zeigt sich zuversichtlich. Bei den ersten Fragebögen, die bisher verschickt worden seien, gebe es Rückmeldungen, wonach sich ungefähr ein Viertel der Angeschriebenen in irgendeiner Form für den Dienst interessiere.Das sei zunächst eine Momentaufnahme, aber eine ermutigende. Das Ministerium setze darauf, die Vorzüge des neuen Dienstes besser zu erklären: was man bei der Bundeswehr macht, welche Möglichkeiten sich eröffnen, welche Erfahrungen man sammeln kann. Sein Ziel bleibt klar: Der neue Wehrdienst soll freiwillig bleiben.Klotzek sieht darin eine Beschwichtigung. Wenn die Bundeswehr ihre Zielzahlen bis 2035 nicht erreiche, sagt er, werde aus Freiwilligkeit politischer Druck. Das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz lege die Grundlage dafür bereits. «Sie sind damit Verfügungsmasse der politischen Eliten und der politischen Mandatsträger geworden», sagt er.Dem hält Maite entgegen, dass die Wehrpflicht nun einmal in der Verfassung verankert sei. Ganz ungerecht sei es deshalb nicht, darüber zu sprechen. Aber gerecht werde es nur, wenn junge Menschen ernst genommen würden. Wenn man ihnen nicht bloss sage, dass sie gebraucht würden, sondern ihnen erkläre, wofür. Und wenn der Staat nicht erst dann auf sie zugehe, wenn er ihre Zeit, ihre Körper und im Ernstfall ihr Leben brauche.Während einer Vorführung präsentiert die Bundeswehr ein Szenario, in dem Truppen mit Panzern ein von Feinden gehaltenes Dorf einnimmt.Ein ferngesteuerter Modellpanzer fährt über eine Rampe in ein Zelt.Der Staat hat ErklärungsbedarfIn Munster ist diese Frage weniger laut zu hören. Dort dröhnen Motoren, Kinder klettern auf gepanzerte Fahrzeuge, Jugendliche lassen sich Laufbahnen erklären, ehemalige Soldaten nicken zufrieden, wenn ein Leopard 2 über den Übungsplatz rollt. Die Bundeswehr zeigt, was sie kann. Und sie zeigt, was sie braucht.Am Ende der Vorführung ziehen sich die Panzergrenadiere wieder aus dem Übungsdorf zurück. Der Rauch verzieht sich, die Pappkameraden bleiben liegen, die Zuschauer gehen weiter zu Fischbrötchen, Tarnschminke und Karriereberatung. Für die Bundeswehr ist es ein erfolgreicher Tag. Sie ist sichtbar und nahbar. Doch der entscheidende Prozess findet nicht auf dem Übungsplatz statt, sondern in den Köpfen jener, die vielleicht bald einen Anruf vom Wehrersatzamt erhalten könnten.Dort entscheidet sich, ob aus Interesse Vertrauen wird. Und ob ein Staat, der wieder mehr von seinen jungen Bürgern verlangt, ihnen vorher ausreichend erklärt hat, warum.Zuschauer auf der Haupttribüne während der Begrüssung zum Tag der Bundeswehr am Standort Munster.Passend zum Artikel
Tag der Bundeswehr: Begeisterung trifft auf Wehrpflicht-Debatte
Das deutsche Militär ist wieder sichtbar, nahbar und für manche Jugendliche sogar attraktiv. Doch sobald aus Interesse Pflicht werden könnte, beginnt bei jungen Menschen eine ganz andere Debatte.








