PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungBundeswehrWarum ich als Jugendoffizier gegen die Wehrpflicht binVon David MateiStand: 07:28 UhrLesedauer: 6 MinutenDavid Matei ist Hauptmann der Reserve der BundeswehrQuelle: Heinz Heiss; Montage: Infografik WELT/anna wagnerNoch gibt es in Deutschland keine Rückkehr zur Wehrpflicht. Aber wenn die Zahl der Freiwilligen nicht ausreicht, könnte sie doch noch kommen. Dabei sollte es nicht nur um Köpfe gehen, sondern auch um militärische Fähigkeiten.Seit Anfang dieses Jahres gilt das neue Wehrdienstmodernisierungsgesetz. Es reaktiviert zwar nicht die ausgesetzte allgemeine Wehrpflicht, aber setzt auf verpflichtende Wehrerfassung und Musterung. Wehrerfassung, das ist im Amtssprech der Brief, den alle seit Anfang 2026 bekommen, sowie die flächendeckende Musterung für Männer ab dem Geburtsjahr 2008 ab Juli 2027. Alle Achtzehnjährigen erhalten den Fragebogen, der Dienst dauert sechs bis 23 Monate, Einstiegsgehalt mindestens 2600 Euro – das ist übrigens fast zehnmal so viel wie der erste Sold, den ich einst als Freiwilliger bei der Bundeswehr bekommen habe. Das klingt doch alles nach Anreiz und Motivation, oder? Schon. Nur kann bei Nichterreichen der Ziele, und diese Ziele sind im Klartext konkrete Zahlen, der Bundestag die „Bedarfswehrpflicht“ einführen. Diese könnte gegebenenfalls mit einem Losverfahren einhergehen, was endgültig willkürlich wäre. Und Willkür ist das Gegenteil von Freiwilligkeit.In dieser Debatte spielt neben der Frage der Nachhaltigkeit auch ein anderer Punkt eine wichtige Rolle: die der Schlagkraft. Mehr noch: In einer Welt, in der sich Kriegsführung radikal verändert und in die der hybride Krieg Einzug gehalten hat, ist das reine Zählen von Köpfen antiquiert.Der ehemalige Heeresinspekteur Alfons Mais hat das so auf den Punkt gebracht: „Der Auftrag der Bundeswehr ist es nicht, möglichst viele Menschen zu beschäftigen, sondern Verteidigungsbereitschaft zu generieren. Ob das mit x-Tausend Kurzdienern und Weiterverpflichteten korreliert, wird man sehen. Für den Aufbau eines Reservisten-Plafonds ist es in jedem Fall gut. Das Schließen von Lücken (Personalstärke Heer in 2025 <80 Prozent!) und ein struktureller Aufwuchs der Einsatzkräfte im Hinblick auf die Nato-Fähigkeitsziele gelingt nur, wenn sich aus dem Kreis der Kurzdiener und Wehrdienstleistenden hinreichend viele Freiwillige weiterverpflichten.“Lesen Sie auchLesen Sie auchVereinfacht gesagt: Wir müssen nicht Köpfe zählen, sondern Fähigkeiten. Nicht Personen müssen ausgebildet werden, sondern Skills. Nicht die Wehrpflicht ist das Entscheidende, sondern die Wehrfähigkeit. Und die entsteht nicht in erster Linie durch eine große Zahl, sondern eine große Professionalisierung. Natürlich kann man Skills nur dann entwickeln, wenn Leute da sind, die sich ausbilden lassen.Mir geht es aber darum, klarzumachen, was auf Sicht fundamental sein wird. Denn Skills bilden meistens nur diejenigen aus, die das auch wollen. Die nicht durch Zwang dabei sind, sondern durch Motivation. Die auch den Sinn darin sehen, Fähigkeiten zu lernen – und sie auch zur Verfügung zu stellen, damit zu dienen, zumindest für eine begrenzte längere Zeit. Abgedroschen, aber wahr: Klasse statt Masse.Masse, werden manche denken, Masse ist gut. Davon sind wir doch meilenweit entfernt! Und wenn wir Berichte über die mangelnde Ausrüstung lesen, müssen wir uns dann nicht eingestehen: Wir haben weder Masse noch Klasse? Die Wehrpflicht verändert die Statistik, aber nicht die Ursache dieses Mangels. Sie sorgt nicht dafür, dass mehr junge Menschen Gründe sehen, diesem Land zu dienen und es zu verteidigen.Und das ist nicht in erster Linie das Problem der jungen Menschen. Wie bitte? Ja, ich glaube, dass gerade die ältere Generation in der Pflicht steht, den jungen Menschen Gründe zu geben und aufzuzeigen, weshalb dieses Land verteidigenswert ist. Es gibt Gründe. Doch wenn die ältere Generation von der jüngeren fordert, für sie den Dienst zu leisten, dann muss sie auch den Sinn dahinter aufzeigen. Und das tut sie nicht, indem sie über Verweichlichung stöhnt oder aber von vorneherein ruft: „Meine Söhne geb’ ich nicht.“Es fehlt an ÜberzeugungEs geht darum, das alte Kennedy-Bonmot abzuändern, das oft in dieser Debatte herangezogen wird: „Frag nicht, was dein Land für dich tun kann. Frag lieber, was du für dein Land tun kannst.“ Ich würde es anders formulieren: „Frag nicht, was du für dein Land tun musst. Frag, warum und was es dir bedeutet.“ Und, letztlich: „Frag nicht, was du für dein Land tun musst, sondern frag, was dein Land bereits für dich getan hat.“Die Antworten auf diese Fragen muss der Staat geben, und der Staat, das sind wir alle. Überzeugt sein müssen wir alle, denn nur Überzeugung sorgt für echte Abschreckung. Zugespitzt: Ich glaube nicht, dass sich die Putins dieser Welt von dem neuen Wehrdienst oder der Einführung der Wehrpflicht abschrecken lassen. Von einer Einführung der Überzeugung dagegen vermutlich schon eher. Die Bundeswehr braucht keine gezogenen Bürger, sondern überzeugte Bürger.Und Bürger, im Sinne des französischen Citoyen, das ist etwas anderes als Einwohner oder Bewohner. Bewohnen kann man ein Land auch ohne Überzeugung und ohne etwas dafür tun zu wollen. Man ist im Prinzip Dauergast im eigenen Land, ein ständiges Provisorium ohne Commitment. Bürger dagegen kann man nicht ohne Überzeugung sein, ohne Commitment.Das bedeutet nicht, dass jede und jeder in die Bundeswehr muss. Doch das bedeutet, dass der freiwillige Dienst am Land und für unsere Gesellschaft, für die Allgemeinheit, ein Grundpfeiler ist. Es geht dann nicht mehr in erster Linie um Wehrdienst, sondern Wertdienst. Ein Dienst, weil uns das Land und unsere Gesellschaft wertvoll sind – und wir unseren Mitbürgern. Ein Dienst, zu dem wir auch deshalb bereit sind, weil wir eben erkennen, dass unser Land schon immer etwas für uns gemacht hat: durch unsere Eltern, durch unsere Vorfahren, durch unsere Geschichte.Lesen Sie auchWir werden ja nicht auf einer Tabula rasa geboren, wenn das auch manche heute sich wünschen. Wir stehen immer in einem Kontext, und dieser Kontext, das glaube ich zutiefst, der ist wertvoll. Er ist mit Fehlern behaftet, gefährdet, brüchig, aber eben wertvoll. Das klarzumachen und vorzuleben, beginnt nicht mit einem Gesetz, sondern mit einem Gespräch. Am Esstisch, wo Familien darüber sprechen, was ihnen dieses Land bedeutet. In Schulen, wo Soldaten Fragen beantworten, auch unbequeme. In sozialen Medien, wo Sicherheitspolitik nicht von oben herab erklärt, sondern ehrlich diskutiert wird. Ich habe das jahrelang erlebt, als Jugendoffizier, als Content Creator, in Tausenden Gesprächen. Es funktioniert.Doch es braucht auch mehr. In Finnland bekommst du den Bunkerplatz zum Zimmerschlüssel, in der Schweiz steht das Sturmgewehr im Kleiderschrank – Verteidigung ist dort Alltag und nicht die Ausnahme. In Deutschland ist sie unsichtbar. Wertdienst heißt auch: Verteidigung zurück in den Alltag holen. Zivilschutzübungen in Gemeinden, Kasernen, die ihre Türen öffnen, und ein freiwilliges Gesellschaftsjahr, bei dem junge Menschen wirklich wählen können – Bundeswehr, THW, Feuerwehr, Pflege. Nicht verpflichtend, aber so attraktiv, dass man sich dumm fühlt, es nicht zu machen. Nicht Zwang durch Gesetz, sondern Sog durch Anreiz. Und das dürfte effektiver sein als jede Wehrpflicht. Deshalb bin ich gegen die Wehrpflicht – weil ich für die Wehrhaftigkeit bin, für den Wertdienst.David Matei (Jg. 1993) ist Hauptmann der Reserve der Bundeswehr. Er war Gebirgsjäger und Jugendoffizier und ist einer der bekanntesten Influencer auf seinem Gebiet. Der Beitrag ist ein Auszug aus seinem Buch „Deutschland ist es wert: Warum ich geschworen habe, für mein Land zu kämpfen“, das am 15. Juni bei Herder erscheint.
Bundeswehr: Warum ich als Jugendoffizier gegen die Wehrpflicht bin - WELT
Noch gibt es in Deutschland keine Rückkehr zur Wehrpflicht. Aber wenn die Zahl der Freiwilligen nicht ausreicht, könnte sie doch noch kommen. Dabei sollte es nicht nur um Köpfe gehen, sondern auch um militärische Fähigkeiten.







