Deutschlands Milliarden fürs Militär sind kein Zaubermittel für die WirtschaftFührende Ökonomen schätzen den konjunkturellen Effekt der steigenden Verteidigungsausgaben als minimal ein. Ein nachhaltiger Impuls gelingt nur mit einem starken Fokus auf Innovation.15.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenKann die deutsche Wirtschaft wie einst jene der USA von steigenden Militärausgaben profitieren? Das Manhattan Project zum Bau der ersten Atombombe ebnete auch den Weg für technische Neuerungen wie Computer im zivilen Bereich. Im Bild: der Physiker Robert Oppenheimer nach einem Atomtest im Gliedstaat New Mexico.Historical / Corbis HistoricalLange Zeit bestand das deutsche Wirtschaftsmodell aus drei Komponenten: günstigen Energieträgern aus Russland, Exporten nach China und Sicherheitsgarantien der USA. Doch mindestens seit der Rückkehr Donald Trumps ins Weisse Haus und dem Aufstieg chinesischer Fahrzeugproduzenten hat dieses Modell ausgedient. Deutschland braucht einen neuen Wirtschaftsmotor.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Wiederaufrüstung der europäischen Streitkräfte kommt da wie gerufen. Von den steigenden Rüstungsausgaben erhoffen sich viele Politiker zusätzliches Wirtschaftswachstum: Panzer, Drohnen und IT-Anwendungen sollen die Auftragslage der angeschlagenen deutschen Industrie verbessern. Die Beschäftigung sowie der Forschungsstandort würden davon profitieren. Die Aufrüstung in Europa sei eine «wirtschaftliche und technologische Chance für Deutschland», erklärte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche dem «Handelsblatt».Zuversicht im Wirtschaftsministerium: Katherina Reiche rechnet mit positiven Folgeeffekten durch die Rüstungsausgaben.Sean Gallup / GettyGemäss der Haushaltsplanung will die Bundesrepublik den jährlichen Verteidigungshaushalt bis 2028 um mehr als 40 Prozent auf knapp 154 Milliarden Euro steigern. Im Jahr darauf soll Deutschland die Nato-Vorgabe für Verteidigungsausgaben von 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung erreichen.Gesamtwirtschaftlich ist der Impuls geringÖkonomen sind sich weitgehend einig: Die Auslagen sind sicherheitspolitisch sinnvoll, doch sie werden der deutschen Wirtschaft kaum einen dauerhaften Wachstumsimpuls verleihen. Beim Internationalen Währungsfonds (IWF), bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sowie auch der Europäischen Zentralbank gehen Experten davon aus, dass ein für die Verteidigung ausgegebener Euro kurzfristig wirtschaftliche Aktivitäten von bis zu 1.20 Euro generiert. Die Ausgaben können jedoch gesamtwirtschaftlich auch schädlich sein. Verdrängen sie etwa private Investitionen, generiert ein für das Militär ausgegebener Euro einen Schub von nur 60 Cent.Wie so oft steckt der Teufel im Detail: Nicht alle Ausgaben der Armee fliessen in neue Technologien oder Kapitalinvestitionen, wie etwa neue Flugplätze oder Schiffe. Ein grosser Teil der europäischen Mittel wird für Personal aufgewendet. Im Falle Deutschlands ist es rund ein Drittel, während in Italien oder Österreich dieser Anteil im Jahr 2024 sogar die Hälfte des Haushaltspostens ausmachte. Zudem fliesst ein beträchtlicher Teil der Ausgaben in den Transport und die Instandhaltung von Waffen.Lediglich 30 Prozent der europäischen Verteidigungsausgaben fliessen in die Beschaffung neuer Rüstungsgüter, und nicht einmal 5 Prozent werden für Forschung und Entwicklung aufgewendet, wie die finnische Notenbank feststellt. Dabei ist gerade dieser Bereich für die Dynamik einer Volkswirtschaft ausschlaggebend. Je höher der Anteil der Investitionen, desto bedeutender ist der wirtschaftliche Effekt.Viele Importe, wenig EigenproduktionDas nächste Problem für Europa: Ein grosser Teil der Rüstungsgüter wird aus den USA oder anderen Überseeländern importiert. Das Kiel-Institut für Weltwirtschaft (IfW) schätzt, dass fast 80 Prozent der Rüstungsbeschaffungen im EU-Raum von Zulieferern ausserhalb der EU stammen. Die amerikanischen Konzerne Raytheon und Lockheed Martin stehen beispielsweise hinter dem Patriot-Flugabwehrsystem, das in Deutschland und anderen Nato-Mitgliedstaaten zum Einsatz kommt.Auch die F-35-Kampfflugzeuge stammen aus amerikanischer Produktion. Kauft eine Regierung neue Flugzeuge, kurbelt die Bestellung die Wirtschaftsleistung des Herstellerlandes an, nicht jedoch jene des Käufers. Deshalb versuchen Politiker oft, diese Abflüsse durch Gegengeschäfte teilweise zu kompensieren: etwa durch die Auflage an den Produzenten, dass gewisse Komponenten im Land des Auftraggebers herzustellen sind.Auch bei der Beschäftigung dürften die Auswirkungen der erhöhten Verteidigungsetats vernachlässigbar sein: Nachdem die gemeldeten offenen Stellen bei Unternehmen in der Rüstungsbranche 2022 bis 2023 sprunghaft angestiegen sind, sind sie inzwischen wieder zurückgegangen, wie die OECD schreibt.Wie die Mehrausgaben für die Streitkräfte finanziert werden, spielt volkswirtschaftlich eine entscheidende Rolle: Erfolgt die Finanzierung über Neuverschuldung, Kürzungen bei anderen Haushaltsposten oder höhere Steuern? Auffallend ist: Laut einigen Forschern ist es kontraproduktiv, hierbei auf einer schwarzen Null im Staatshaushalt zu beharren. Wenn die Rüstungsausgaben über die Aufnahme neuer Schulden finanziert werden, ist der wirtschaftliche Zweitrundeneffekt grösser, als wenn die Politik sie durch höhere Abgaben oder Kürzungen in anderen Bereichen erzwingt.Die Vorzüge der Kreditaufnahme gelten jedoch nur bis zu einem gewissen Grad: Sollte die Staatsverschuldung ausufern, würden die Risikoprämien auf Staatsanleihen steigen, da Investoren an der Nachhaltigkeit der Fiskalpolitik zu zweifeln begännen. In der Folge würden auch die staatlichen Zinsausgaben steigen. Zudem wächst die Gefahr, dass private Investitionen verdrängt werden.Deutschland setzt falsche PrioritätenWie lassen sich also Europas Verteidigungsausgaben optimieren, damit sie das Wirtschaftswachstum bestmöglich unterstützen? Die Antwort ist klar: Es muss so viel Geld wie möglich in lokal wertschöpfende Investitionen fliessen, insbesondere in die Forschung und Entwicklung. Laut der OECD ist der Anteil an Investitions- und Forschungsausgaben an den gesamten Verteidigungsausgaben in den letzten paar Jahren leicht angestiegen.Dennoch setzt der deutsche Verteidigungshaushalt fürs kommende Jahr nach Einschätzung des Kieler Instituts die falschen Prioritäten. Die Forschungsausgaben von zirka 2 Prozent des Budgets sind im Vergleich zu jenen der USA und Grossbritanniens gering. Auch künstliche Intelligenz, autonome Systeme und Robotik kämen zu kurz, schreibt das IfW.Um eine makroökonomisch optimale Wirkung zu erzielen, ist zudem ein Übertragungseffekt vom Rüstungswesen auf zivile Wirtschaftsbereiche erforderlich. Eine Studie zeigt, dass eine Steigerung der staatlichen Forschungs- und Entwicklungsausgaben um 10 Prozent einen zusätzlichen Anstieg der privaten Forschungsausgaben um 4 Prozent bewirkt.Mit anderen Worten: Die für die Streitkräfte neu entwickelten Technologien kommen auch in anderen Wirtschaftsbereichen zur Anwendung. Hierzu zählten in der Vergangenheit beispielsweise die Satellitennavigation oder wasserdichte Bekleidung mit Gore-Tex. Der wohl berühmteste Fall ist das vom Physiker Robert Oppenheimer geleitete Manhattan Project, das während des Zweiten Weltkriegs eine Atombombe für die USA entwickelte. Die Berechnungen für die Bomben waren so zeitaufwendig, dass allmählich eine Maschine – ein Computer – dafür entwickelt wurde. Erst aus diesem militärischen Problem entstanden Rechner, wie wir sie heute kennen.Ein Manhattan Project 2.0?Der französische Nobelpreisträger Philippe Aghion ist sich der Bedeutung der amerikanischen Vorbilder bewusst. Seines Erachtens brauchen EU-Mitgliedstaaten eine militärische Forschungskoordination nach dem Vorbild der amerikanischen Defense Advanced Research Projects Agency (Darpa). Diese wurde als Antwort auf den Sputnik-Schock im Jahr 1957 von den USA ins Leben gerufen, um im Wettstreit mit der Sowjetunion die Entwicklung innovativer Technologien fürs Militär voranzutreiben.Dennoch ist solch ein Transfer der Innovation nicht so einfach zu bewerkstelligen: Aus Sicherheitsgründen erfolgt die Übertragung neuer Technologien nur mit Verzögerung. Damit verzögert sich auch der wirtschaftliche Impuls.Die Botschaft an deutsche Politiker im Ausgabenrausch ist deshalb eindeutig: Aufwendungen für die Streitkräfte und konjunkturelle Impulse müssen kein Widerspruch sein. Doch um die marode deutsche Wirtschaft nachhaltig zu beleben, muss der Verteidigungsetat sinnvoller eingesetzt werden, als dies gegenwärtig geschieht.Passend zum Artikel