Frau Dany-Knedlik, die Bundesregierung gibt schuldenfinanziert Milliarden Euro für die Verteidigung aus. Hilft das der deutschen Wirtschaft?Es ist nicht der beste Weg, um Produktivitätsgewinne in Deutschland zu erreichen. Aber das ist auch nicht das primäre Ziel der Verteidigungsausgaben. Ziel der Verteidigung ist, die Gesellschaft zu schützen. Ein wichtiger Nebeneffekt kann dabei sein, dass durch die zusätzlichen Staatsausgaben auch die Wirtschaft belebt und gestützt wird.Wenn es um die wirtschaftlichen Wirkungen von Verteidigungsausgaben geht, ist viel von fiskalischen Multiplikatoren die Rede. Wie groß ist die Multiplikatorwirkung der staatlichen Ausgaben für die Verteidigung?Es gibt Schätzungen, wonach der Multiplikator von Verteidigungsausgaben in Deutschland 0,5 Prozent beträgt oder eventuell gar auf null liegt. Das würde bedeuten, dass jeder zusätzliche Euro für die Verteidigung die Wirtschaftsleistung nur um 50 Cent reale Kaufkraft steigert.Das wäre ein schlechtes Geschäft für den Steuerzahler.Das wäre ein sehr schlechtes Geschäft für den Steuerzahler. Aber ich halte die Zahl von 0,5 für zu gering. Sie ist kein Naturgesetz.Warum?Wenn die wirtschaftliche Lage wie derzeit in Deutschland schlecht ist, erzielen staatliche Ausgaben üblicherweise mehr Wirkung, weil Produktionskapazitäten weniger stark ausgelastet sind. Im dritten Jahr der industriellen Schwäche in Deutschland und nach dem zweiten Energieschock mit eingetrübten Konjunkturaussichten sind die Kapazitäten in Deutschland nicht voll ausgelastet.Geraldine Dany-KnedlikEPASind die Kapazitäten der deutschen Rüstungsindustrie stark ausgelastet? Manche Ökonomen argumentieren, dass deshalb die staatliche Mehrnachfrage eher die Preise für Rüstungsgüter in die Höhe treibt, als dass der Staat viele dieser Güter erhält.Einiges spricht dafür, dass es um die Kapazitäten der Rüstungsindustrie so schlecht nicht bestellt ist. So gibt es Berichte, dass einige deutsche Rüstungsunternehmen Produktionskapazitäten von anderen Industrieunternehmen zukaufen. Aber insgesamt ist die Auslastung der Rüstungsunternehmen schwer zu messen. Es gibt etwa den gesamten Bereich der „Dual Use“-Güter, dessen Kapazitäten nicht eindeutig zuzuordnen sind. Steigende Aktienkurse von Rüstungsunternehmen sind jedenfalls kein Beleg, dass die Preise für militärisches Gerät unverhältnismäßig steigen.Auf Daten zur Produktionsentwicklung in der Rüstungsindustrie hat die Öffentlichkeit und haben Sie als Forscher keinen Zugriff?Ja, diese Daten gehen in die Gesamtaggregate ein, werden aber aus Sicherheitsgründen seit diesem Jahr nicht mehr näher spezifiziert offengelegt. Die Statistiker machen das so geschickt, dass selbst indirekt keine Rückschlüsse mehr möglich sind. Auch deshalb ist die Kapazitätsauslastung in der Rüstungswirtschaft schwer zu messen.Verdrängt die staatliche Nachfrage für Rüstung und anderes in Deutschland private Investoren?Das theoretische Argument besagt, dass staatlich beanspruchte Güter den Privaten nicht mehr zur Verfügung stehen. Aber diese These der Verdrängung gilt eben nur, wenn Vollauslastung der Kapazitäten unterstellt wird. Das ist in Deutschland derzeit nicht der Fall.Forschung und Entwicklung gelten als wichtiges Argument dafür, dass Ausgaben für die Verteidigung auf längere Sicht die Produktivität heben können. Stimmen Sie dem zu?Die Diskussion um fiskalische Multiplikatoren der Verteidigung zielt nur auf die kurze Frist. Wichtiger sind die längerfristigen Wirkungen, die eben aus den Forschungsausgaben resultieren. Es gibt Untersuchungen – nicht für Deutschland, aber für andere Länder –, die die positive Wirkung der militärischen Forschung zeigen. Die Entwicklung des Düsentriebwerks und des Radars, des Internets oder der GPS-Ortung sind Beispiele, wie militärische Innovationen die gesamtwirtschaftliche Produktivität heben. Zugleich zeigen neueste Studien, dass ein Anstieg staatlicher Forschungsfinanzierung um ein Prozent im Folgejahr die privaten Forschungsausgaben um 0,5 Prozent steigen lässt. Diese zusätzliche private Forschung schlägt sich dauerhaft in höherer Produktivität nieder. Solche Schätzungen geben nur eine Größenordnung, aber die Richtung des Effekts ist klar: Staatliche Forschung hebelt private Forschung.Gilt dies auch für Deutschland?Deutschland gab 2024 nur rund 0,05 Prozent der Wirtschaftsleistung für militärische Forschung aus. Das ist weniger als ein Sechstel des Niveaus in den Vereinigten Staaten. Das dürfte sich im vergangenen Jahr gesteigert haben. Deutschland ist damit aber immer noch weit von einer Sättigung entfernt. Die Wirkung zusätzlicher Ausgaben für militärische Forschung dürfte entsprechend groß sein.Mit den zusätzlichen Verteidigungsausgaben will die Regierung das Land sicherer machen. Das sollte auf die Standortqualität und die Investitionsbereitschaft in Deutschland einzahlen. Lässt sich dieser Effekt ökonomisch beziffern?Theoretisch ja: Mehr äußere Sicherheit senkt Risikoprämien und kann die Standortattraktivität erhöhen. Die ökonomische Forschung kann diesen Wirkungskanal aber bisher kaum sauber beziffern. Was gut belegt ist, ist die umgekehrte Richtung: Steigt das geopolitische Risiko, gehen inländische Investitionen und ausländische Investitionen im Inland zurück. Für fortgeschrittene Volkswirtschaften wie Deutschland fällt dieser Effekt deutlich schwächer aus als für Schwellenländer. Die positive Sicherheitsdividende einzelner Verteidigungsausgaben von all den anderen Standortfaktoren zu isolieren, ist methodisch sehr schwer. Deshalb wäre ich mit konkreten Zahlen hier vorsichtig. Der ökonomisch belastbarere Hebel bleibt der Produktivitäts- und Forschungskanal.