Deutschland rüstet auf – aber für den falschen KriegDeutschland investiert Hunderte Milliarden in seine Streitkräfte. Doch auch unter der Regierung Merz folgt die Aufrüstung weiter der Logik vergangener Zeiten.15.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenEin Kampfpanzer Leopard 2A6 feuert auf einer Heeresübung im Mai 2026 in der Lüneburger Heide.Morris MacMatzen / GettyStaubwolken hängen über der Lüneburger Heide. Kettenspuren durchziehen den Boden. Leopard-2-Panzer rasen heran und feuern aus ihren Kanonen. Am Himmel fliegt eine Drohne, gepanzerte und unbemannte Geräte fahren am Boden, dazwischen bewegen sich Soldaten. Das Dröhnen der Schüsse überlagert den Lärm der Helikopter.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.So also will es künftig kämpfen, das deutsche Heer.Sein Chef, General Christian Freuding, spricht an diesem Tag im Mai auf dem Militärübungsplatz in Munster von einem Zusammenspiel neuer und bewährter Systeme, unbemannt und bemannt, von einem neuen Gefecht der verbundenen Waffen. Die ganze Schau von Stahl auf Ketten und Rädern wirkt zwar durchaus eindrücklich, aber so wirklich neu ist bis auf die Drohnen und Roboter nichts.Die Vorführung heisst «Wie das Heer kämpfen wird». Wie genau es kämpfen soll, das ist auf Internet- und Social-Media-Seiten der Bundeswehr zu lesen und von Vertretern des Verteidigungsministeriums auch immer wieder zu hören: vernetzt, schnell, datenbasiert. Das hat mit der Realität aber nur bedingt zu tun.Ärger und Unverständnis bis in höchste EbenenWie die Realität aussieht, zeigte sich ein paar Wochen zuvor. Da mussten zum wiederholten Male die zuständigen Vertreter des Ministeriums dem Bundestag zu einem Projekt vortragen, das inzwischen bis zum Verteidigungsminister für gewaltigen Ärger und grosses Unverständnis sorgt. Das Projekt nennt sich «Digitalisierung landbasierter Operationen (D-LBO)».Es geht dabei um nicht weniger als die umfassende Digitalisierung des Heeres, um die Vernetzung der Verbände und Einheiten, um Sprech- und Bordfunk für die Soldaten und ihre Fahrzeuge, um Datenübertragung, um Satellitenverbindungen und Internet, verschlüsselt und abhörsicher. Seit Jahren arbeitet die Industrie daran.Doch immer wieder müssen die an dem Projekt beteiligten Unternehmen die Bundeswehr um zeitlichen Aufschub bitten, um die technischen Probleme in den Griff zu bekommen. Wiederholt machte zuletzt das Wort vom Abbruch des Projekts die Runde, dessen Volumen auf 12 bis 15 Milliarden Euro geschätzt wird. Derweil kommuniziert die Bundeswehr teilweise noch immer mit Funkgeräten aus den Achtzigern.Anspruch und Wirklichkeit liegen weit auseinanderDas Beispiel zeigt: Gut vier Jahre nach dem russischen Überfall auf die Ukraine und ein Jahr nach dem Amtsantritt der Regierung von Friedrich Merz liegen Wunsch und Wirklichkeit im deutschen Militär nach wie vor weit auseinander. Vom Anspruch der «stärksten konventionellen Armee Europas», wie ihn sowohl der Bundeskanzler Olaf Scholz als auch sein Nachfolger Merz erklärt hat, ist die Bundeswehr weit entfernt.Die Frage lautet, ob dafür überhaupt die richtigen Weichen gestellt sind.Zunächst ist positiv festzuhalten, dass die Regierung Merz in kurzer Zeit mehr strategische Grundlagenarbeit geleistet hat als jede ihrer Vorgängerinnen. Dazu zählen etwa eine Militärstrategie, eine Strategie für die Verteidigungsindustrie und eine Strategie der Reserve.Doch Strategien und Konzepte machen ebenso wenig eine verteidigungsfähige Armee wie ein üppiger Militäretat. Die Frage ist daher, was aus alldem folgt.Da verlieren selbst Haushälter den ÜberblickMit Blick auf die hohe Zahl von Millionen- und Milliardenbeschaffungen, die der Bundestag für die Bundeswehr genehmigt hat, sieht es so aus, als sei Deutschland auf gutem Wege. Panzer, Artillerie, Munition, Luftverteidigungssysteme, Kriegsschiffe, Kampfjets, Helikopter oder KI-Drohnen – bei der schieren Menge verlieren selbst erfahrene Haushälter den Überblick. So viele Beschaffungsprojekte in so kurzer Zeit hat es nur gegeben, als Westdeutschland die Bundeswehr aufbaute. Das war in den fünfziger Jahren.Bundeskanzler Friedrich Merz (Mitte) besuchte am 30. April die deutschen Landstreitkräfte in Munster. Hier steht er mit dem Heereschef Christian Freuding (links) in einem gepanzerten Fahrzeug vom Typ Boxer.Morris MacMatzen / GettyDie Entscheidungen sind in vielen Bereichen richtig. Die Verstärkung der Luftverteidigung durch verschiedene Systeme wie Arrow, Iris-T und andere ist eine direkte Reaktion auf die Bedrohung durch russische Raketen und Drohnen. Artillerie ist wieder ein zentrales Instrument der Kriegsführung, wie in der Ukraine zu sehen ist. Dafür beschafft Deutschland neue Haubitzen und Munition. Und mit den Investitionen in Satelliten und digitale Systeme reagiert das Land darauf, dass moderne Kriegsführung auf Information und Vernetzung basiert.Das sind nur ein paar Beispiele. Die Bundesrepublik hat begonnen, bei der Landesverteidigung die richtigen Probleme zu adressieren und erste Antworten zu formulieren. Doch diese Antworten bleiben unvollständig, und das liegt vor allem an der deutschen Logik der Aufrüstung.In der Logik des späten 20. Jahrhunderts verhaftetGrosse Teile der deutschen Beschaffung für das Militär, vor allem die teuren, folgen weiter dem Muster klassischer Plattformen: Panzer, Kampfflugzeuge, Fregatten. Diese Systeme haben ihre militärische Berechtigung. Doch sie stehen für ein Modell, das auf lange Entwicklungszyklen, hohe Kosten und begrenzte Stückzahlen setzt. Es ist die Logik des industriellen Militärs des späten 20. Jahrhunderts, wie auch gerade erst das Kieler Institut für Weltwirtschaft bestätigt hat.Ein Beispiel ist der Kampfpanzer Leopard 2A8. Er ist eine Weiterentwicklung früherer Versionen, der Beschaffungsvertrag wurde im Jahr 2023 abgeschlossen. Die erste öffentliche Präsentation des Fahrzeugs erfolgte im November 2024 in München. Die Bundeswehr hat bisher 123 Stück zu einem Preis von 25 bis 30 Millionen Euro pro Panzer bestellt (gesamt etwa 3,5 Mrd.). Bis sie vollständig eingeführt sind, werden bis zu sieben Jahre vergehen.Mit Blick auf das Beschaffungstempo früherer Jahre ist das schnell. Dennoch kollidieren die Stückzahl, die Beschaffungsdauer und die Kosten mit der Realität von heute und möglicherweise auch von morgen. Der Krieg, das zeigt sich in der Ukraine, aber auch in Iran, ist zu einer industriellen Auseinandersetzung geworden: Wer schneller und günstiger produziert, repariert und ersetzt, verschafft sich Vorteile.Masse, Tempo, Vernetzung und künstliche IntelligenzDoch wie soll die Produktion schneller werden, wenn die Industrie ihre Kapazitäten gar nicht oder nur langsam erweitert? Wie sollen Materialverluste umgehend ersetzt werden, wenn die Bundeswehr keine Reserven aufbauen kann? Auf Fragen wie diese gibt es bisher keine Antworten.Die Logik eines Krieges gegen einen Gegner wie Russland lässt sich aller Voraussicht nach in vier Punkten zusammenfassen:Masse entscheidet. Nicht wenige hochkomplexe, sondern grosse Stückzahlen an eher einfachen Systemen wie Panzern, gepanzerten Fahrzeugen, Luft-, Land-, Überwasser- und Unterwasserdrohnen, Munition und Sensoren bestimmen über die Durchhaltefähigkeit.Geschwindigkeit zählt. Waffensysteme müssen schnell entwickelt, an das Gefechtsfeld angepasst und eingesetzt werden können.Vernetzung wird zur zentralen Fähigkeit. Wer Sensoren (zum Beispiel Satelliten oder Kameras), Effektoren (Waffen) und Führungssysteme am besten integriert, hat einen grossen Vorteil.Unbemannte und KI-gestützte Systeme prägen zunehmend das Gefecht in allen Dimensionen: zu Land, in der Luft, auf See, im Weltraum.Daran gemessen bleibt die deutsche Aufrüstung bisher Stückwerk. Die Ausrüster der Bundeswehr berücksichtigen zwar Drohnen und künstliche Intelligenz in ihren Planungen. Doch klassische Systeme dominieren nach wie vor die Beschaffung. Die Beschaffungsstrategie der Bundeswehr bleibt hinter den Entwicklungen der Militärtechnik und des Kampfes zurück.Strategische LückenHinzu kommen strategische Lücken. Sie haben sich gerade wieder offenbart, als US-Präsident Donald Trump ankündigte, vorerst keine Deep-Strike-Waffen in Deutschland stationieren zu wollen. Die europäische Industrie arbeitet an eigenen Systemen dieser Art, doch die Entwicklung dauert, und die Produktionskapazitäten sind begrenzt.Auch beim Personal hakt es. Die Bundeswehrführung strebt langfristig eine Stärke von rund 460 000 Soldaten und Reservisten an. Gleichzeitig setzt Deutschland auf einen freiwilligen Wehrdienst und verzichtet auf die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Militärische Masse, ohne die politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen zu ziehen, die damit verbunden wären – das halten viele Fachleute aus Wissenschaft, Bundeswehr und Politik für einen Irrweg.Bundeswehrsoldaten rücken bei einer Übung in Niedersachsen vor. Ausgerüstet sind sie mit Sturmgewehren.Philipp Schulze / DPA / KeystoneDie Regierung meidet harte EntscheidungenDie Logik des Friedens prägt weiter die Politik. Die Regierung meidet harte Entscheidungen, neben der Einführung einer Wehr- oder Dienstpflicht etwa auch zur Umverteilung von Ressourcen. Wenn das Land wirklich vom russischen Regime so bedroht ist, wie es in Berlin seit vier Jahren tönt, dann müsste die Aufrüstung der Bundeswehr als gesamtgesellschaftliche Aufgabe aus dem Bundeshaushalt finanziert werden – zulasten etwa des Sozialetats.Stattdessen nimmt die Regierung Hunderte Milliarden Schulden auf und verlagert die Finanzierung auf nachfolgende Generationen. Damit manifestiert sich auch in Deutschland ein Irrweg vieler westlicher Gesellschaften: Sicherheit ja, aber bitte nicht auf Kosten der sozialen Absicherung. Kanonen oder Butter? Die schwarz-rote Bundesregierung versucht mit ihrer Politik dieser Frage auszuweichen.Gut ein Jahr nach der Amtsübernahme durch Friedrich Merz hat die deutsche Regierung begonnen, die Bundeswehr strategisch neu auszurichten und wichtige Fähigkeiten wieder aufzubauen. Doch bisher modernisiert sie die Bundeswehr für einen Krieg, den sie kennt, nicht aber für einen Krieg, der mutmasslich kommt. Eine echte militärische Zeitenwende ist das immer noch nicht.8 KommentareMarc Anderson HeuteDiese Dinge altern schlecht, aber es gibt Evergreens, Panzer & Fregatten voran und beides kann die deutsche Industrie und zufällig scheinen Kapazitäten freizuwerden. Um Drohnen zu steuern oder abzufangen ist eine stabile Basis immer besser, als eine Plastikplane im Gebüsch. Aber ich bin kein Experte. Von einem schultergetragenen Gerät sollte ein moderner Panzer jedenfalls nicht zerstört werden können. Dann käme es auf den Schützen / die Schützin an, darin könnten wir nicht so gut sein.Werner Jürgensen Heute5 EmpfehlungenEs ist nur von Waffen die Rede, selbstverständlich auch zur Verteidigung. Wo bleibt aber der eigentliche Bevölkerungsschutz? Ich wüßte keinen Schutzraum in der Nähe, wohin ich im Falle eines Luftalarms flüchten könnte. In Israel z. B. ist man in dieser Hinsicht gut ausgestattet. Der eigene Keller reicht nicht. … All‘ das wurde ausgeblendet, weil man vom ewigen Frieden träumte.Passend zum Artikel
Die Bundeswehr: Aufrüstung ohne strategischen Weitblick
Deutschland investiert Hunderte Milliarden in seine Streitkräfte. Doch auch unter der Regierung Merz folgt die Aufrüstung weiter der Logik vergangener Zeiten.








