Der Reifeprozess der Audrey Werro: wie die 800-m-Läuferin gelernt hat, ihren Platz an der Weltspitze einzunehmenFrüher war sie froh, wenn in den Stadien wenig Publikum sass. Heute nimmt sie ihre Rolle als Favoritin selbstbewusst wahr. Nach ihrem beeindruckenden Lauf zu EM-Gold liegt der Fokus ab der Athletissima wieder auf schnellen Zeiten.21.08.2026, 05.36 Uhr4 LeseminutenAudrey Werro hat auch nach den EM einiges vor: Die Athletissima in Lausanne, Weltklasse Zürich, ein Meeting in Bellinzona und die Ultimate Games in Budapest stehen noch an.Cyril Zingaro / KeystoneDen ganzen Tag Regen, die Temperatur um 21 Uhr 30 unter 20 Grad – der Wetterbericht sagt für die Athletissima am Freitag in Lausanne nicht die Bedingungen voraus, die sich Leichtathletinnen für Bestleistungen wünschen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auf solche Bestleistungen hofft die Leichtathletikwelt beim 800-m-Lauf der Frauen. Nun, da die Medaillen an den Europameisterschaften (EM) vergeben sind, richtet sich der Blick wieder auf den Weltrekord. Audrey Werro geht mit den Erwartungen so selbstbewusst wie nie um, gegen Ende einer Saison, in der die 22-jährige Schweizerin auf so vielen Ebenen überzeugte. Abgesehen von ihrem Sturz im EM-Halbfinal ist sie diesen Sommer ungeschlagen, gilt als erste Anwärterin auf den 43 Jahre alten Rekord – 52 Hundertstelsekunden fehlen ihr noch.Werro ist nicht nur in den vergangenen Jahren, sondern auch in dieser Saison gewachsen. Und manchmal offenbarte sie Stärken, die der Öffentlichkeit noch nicht bewusst gewesen waren. Das war so an den EM vergangene Woche, als Werros Fuss im Halbfinal die Hand einer Konkurrentin berührte und sie stürzte. Noch bevor klar war, dass die Jury sie trotzdem zum Final zuliess, spürte ihre Trainerin Christiane Berset Nuoffer, dass Werro im Kopf schon wieder auf das Folgende fokussiert war. Sie habe gar gesagt: «Ich bin bereit, in zwei Jahren bei den nächsten Europameisterschaften wieder zurückzukommen.»Nach Niederlagen nicht niedergeschlagenAls sie wusste, dass sie den Final laufen durfte, rief sie ihre Mentaltrainerin an, um die Situation zu besprechen. Sie überwand das ungewohnte Gefühl, in einem Final zu stehen, obwohl sie im Halbfinal nicht unter die ersten drei gelaufen war. Löschte die Instagram-App auf ihrem Handy, um keine Kommentare zu sehen. Und fühlte sich am Finaltag darauf wieder wie an einem normalen Wettkampftag. Sie siegte souverän.Oft gewann Werro in der Vergangenheit das erste Rennen nach einer Enttäuschung. Mental setzten ihr die Niederlagen nicht gross zu. In einem Gespräch am Tag nach dem EM-Final in Birmingham erinnert sie sich daran, dass das schon früh so gewesen sei. «Ich hatte immer sofort Lust, wieder zu rennen, es diesmal besser zu machen.»Das Verlieren musste sie dennoch lernen. In den Nachwuchskategorien hatte sie praktisch alles gewonnen; nach dem Wechsel zu den Aktiven war es für sie ungewohnt, nicht die Beste zu sein. Dabei half ihr, dass sie weiterhin auch an Nachwuchsmeisterschaften lief. Die Siege dort gaben ihr Sicherheit und Vertrauen. Bei den Besten lernte sie, was ihnen für die Spitze noch fehlte.Für diese Saison nahm sich Werro vor, sich von der Olympiasiegerin Keely Hodgkinson nicht mehr abhängen zu lassen. «Es ist nicht so, dass ich im Training eine spezielle Gegnerin vor mir sehe, die ich schlagen möchte», sagt sie. Aber der nächste Schritt war eben, bis zum Schluss um den Sieg mitzukämpfen. Und mittlerweile hat Werro verinnerlicht, dass sie dort, also ganz vorne, am richtigen Ort ist.Als schüchterne Athletin benötigte sie dafür Angewöhnungszeit. Früher lief sie am liebsten in Stadien, in denen es kaum Zuschauer hatte. Mittlerweile hat das für sie keine Bedeutung mehr, sie kann sich überall auf sich selbst fokussieren. Dazwischen lagen die ersten Meisterschaften bei den Aktiven, an denen sie nervös war. Sich nicht zutraute, vorne mitzulaufen, und sich teilweise unter Wert verkaufte. Etwa an den EM 2022 oder den WM 2023. Klick gemacht habe es in der vergangenen Saison, sagt sie. Dort fühlte sie sich an den Rennen entspannter, wurden die Zeiten besser, und sie gewöhnte sich an die Aufmerksamkeit.Der Sport hatte seinen Anteil daran, dass sie heute mehr aus sich herauskommt. «Die Leichtathletik hat mir geholfen, meinen Weg zu finden und zu wissen, dass ich meinen Platz habe und das Recht, da zu sein», sagt sie. Die Trainerin Berset Nuoffer beobachtete zuerst innerhalb der Trainingsgruppe, wie Werro das Selbstvertrauen entwickelte, sie selbst zu sein. Dann dauerte es noch ein wenig, bis sie es wagte, ihre Persönlichkeit und ihre Gefühle auch vor einem Publikum zu zeigen, das sie nicht kannte, etwa im Ziel eines Rennens.«Als ich sie zum ersten Mal bei den U-20-Europameisterschaften 2021 in Tallinn ihren Titel gewinnen sah, hatte ich im Ziel ihres Rennens das Gefühl, dass sie genau am richtigen Ort war, dass sie genau dort hingehörte. Für mich war das unglaublich.»Wahnsinns-Line-up bei Weltklasse ZürichDie Art und Weise, wie Werro die Rennen dieses Jahr angeht und ihren Plan umsetzt, ist beeindruckend. Nun folgen die Lieblingsrennen vor Heimpublikum: diesen Freitag an der Athletissima in Lausanne, am nächsten Donnerstag bei Weltklasse Zürich, wo das EM-Podest mit Werro, Hodgkinson und Femke Broeders-Bol ergänzt wird durch die Weltmeisterin Lilian Odira aus Kenya sowie die schnelle Georgia Hunter Bell.Der Weltrekord werde dann zum Thema, wenn das Wetter stimme, schnelle Läuferinnen am Start seien und die Pacemakerin ihre Aufgabe gut erfülle, glaubt Werro. Dafür würde sie der Pacemakerin wohl eine 400-m-Durchgangszeit von 55,5 Sekunden angeben. «Der Rekord ist ein Traum, für irgendwann», sagt Werro.Die Bestmarke hat das Team Werro nie als eigenständiges Ziel definiert. «Denn was macht man danach, wenn man ihn gebrochen hat?», sagt Berset Nuoffer. «Ich arbeite mit ihr lieber daran, dass ihre Entwicklung weiterhin regelmässig fortschreitet.»Passend zum Artikel
Athletissima und dann Weltklasse Zürich: der Reifeprozess der Audrey Werro
Früher war sie froh, wenn in den Stadien wenig Publikum sass. Heute nimmt sie ihre Rolle als Favoritin selbstbewusst wahr. Nach ihrem beeindruckenden Lauf zu EM-Gold liegt der Fokus ab der Athletissima wieder auf schnellen Zeiten.












