Weltklasse vom Land – warum die Schweizer 800-m-Läuferin Audrey Werro um den Weltrekord läuftDie 22-jährige Leichtathletin hat sich vom scheuen Mädchen zur selbstbewussten Chefin im Feld gewandelt. Doch wie schnell sie nun rennt, überrascht sogar ihre Trainerin.12.06.2026, 12.00 Uhr5 LeseminutenDas drittschnellste 800-m-Rennen der Geschichte: Audrey Werro triumphiert beim Diamond-League-Meeting in Stockholm.Maxim Thore / ImagoEs ist einer dieser magischen Momente der Leichtathletik: Keely Hodgkinson, Olympiasiegerin über 800 m, Weltrekordhalterin über diese Distanz in der Halle und Dominatorin der vergangenen Jahre, läuft am Diamond-League-Meeting in Stockholm die Zielgerade hinunter, den Sieg vor Augen. Doch dann drückt Audrey Werro in ihrem Rücken noch einmal aufs Gas, schert aus – und gewinnt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Werro tut das mit einer Leichtigkeit, die allein schon beeindruckend ist. Doch der Blick auf die Uhr zeigt: Es ist geradezu verrückt – 1:53,98 Minuten, die beste Zeit seit über 40 Jahren. Nur zwei Frauen waren zu Beginn der 1980er Jahre schneller, beide stammten aus dem damals sogenannten Ostblock, in dem Doping mit staatlicher Unterstützung flächendeckend angewandt wurde.Den Weltrekord hält seit 1983 Jarmila Kratochvilova aus der damaligen Tschechoslowakei mit 1:53,28. Es ist die älteste Bestleistung in den Listen der globalen Leichtathletik, und sie galt lange Zeit als unantastbar. Caster Semenya, die als Intersexuelle von viel Testosteron im Körper profitierte, wurde zugetraut, diese Marke zu unterbieten. Sie konnte oder wollte nicht. Jetzt rückt der Rekord erneut in Sichtweite, und es ist eine Schweizerin, die sich ihm in riesigen Schritten nähert.Pro Jahr zwei Sekunden schneller gewordenDie erst 22-jährige Freiburgerin ist vielleicht die begabteste Läuferin, die dieses Land je hervorgebracht hat. Schon als Jugendliche stellte sie nationale Bestleistungen im Dutzend auf, unter anderem hält sie bis heute den Landesrekord der unter-18-Jährigen im Fünfkampf. Die 800 m lief sie erstmals mit 15 Jahren, zwei Jahre später hatte sie sich um fast zehn Sekunden gesteigert und war Junioren-Europameisterin.Seither verläuft ihre Leistungskurve stetig nach oben: mit 18 Jahren blieb Werro über die zwei Bahnrunden erstmals unter der 2-Minuten-Grenze, mit 20 lief sie 2024 in 1:57,76 Landesrekord. Seither hat sie sich pro Jahr um fast zwei Sekunden gesteigert. Das zeigt, wie konsequent und gleichzeitig behutsam sie von der Trainerin Christiane Berset Nuoffer aufgebaut wurde. «Ich habe eine ganzheitliche Vision des Athleten. Sport ist ein Mittel, um sich harmonisch zu entwickeln», sagte sie in einem Gespräch 2023.Werro besuchte bis vor einem Jahr das Gymnasium, sie trainierte dosiert und hatte stets noch Luft nach oben. Auch das Krafttraining wurde behutsam aufgebaut. Dafür gibt es in der Laufgruppe des CA Belfaux einmal pro Woche Yoga. Trainerin Berset hat sich parallel zu ihrer stärksten Athletin entwickelt. Sie engagierte sich im Nachwuchs, als ihre Kinder mit der Leichtathletik begannen, 2017 gründete sie eine Trainingsgruppe für Mittelstreckler, zu der Werro zwei Jahre später stiess.Berset Nuoffer bildete sich als Trainerin sukzessive weiter, suchte den Austausch mit erfahrenen Trainern und hat vor kurzem die Prüfungen für das höchste Trainerdiplom in der Schweiz abgelegt. Swiss Athletics engagierte sie auf dieses Jahr hin als Nationaltrainerin für die Mittelstreckler. 2025 hatte die Lehrerin in ihrem Beruf pausiert, um sich voll auf Werro konzentrieren zu können, nun wird sie auf längere Sicht Profitrainerin bleiben.Das ist ein gutes Beispiel für eine Stärke der Schweizer Leichtathletik: Es gibt keinen Zentralismus, Trainer können mit ihren Athleten wachsen. Davon profitieren beide Seiten, weil einmal erworbenes Know-how in die Vereine zurückfliesst. Berset Nuoffer trainiert weiterhin auch Athleten des CA Belfaux, Werro ist dort mit ein paar Jungs gross geworden, die sie heute noch im Training fordern. Die Bieler 1500-m-Läuferin Joceline Wind gehört seit Ende 2024 ebenfalls zu dieser Gruppe. Werro trainiert heute neun- bis zwölfmal wöchentlich, etwa die Hälfte dieser Einheiten absolviert sie mit der Gruppe.Die ganzheitliche Vision der Trainerin wird bei Werro exemplarisch umgesetzt. Noch vor ein paar Jahren war sie ein schüchternes Mädchen, das zwar ungestüm lief, aber bei der Öffentlichkeitsarbeit genauso limitiert war wie beim Laufen im Pulk, wenn es galt, auch einmal die Ellbogen auszufahren. Heute sagt sie keck in die Mikrofone, dass sie sich keine Grenzen setze, und sie tritt auf der Bahn auf wie eine Leaderin.Die Läuferin verfügt seit 2024 über ein Beziehungsnetzwerk im Bereich Mentaltraining, aber auch die Erfahrungen auf der Bahn dürften ihr geholfen haben, mehr Selbstvertrauen aufzubauen. Ein Schlüsselerlebnis hatte sie an den diesjährigen Hallen-EM. Im Nachwuchs hatte sie sich einfach aufgrund ihres Talents durchgesetzt, dadurch wuchsen die Erwartungen, und zugleich wurden der Läuferin bei den Aktiven ihre Grenzen aufgezeigt. Dann gewann sie 2026 an den Titelkämpfen in Torun Silber, was wie eine Erlösung wirkte.Die starke Hallensaison und eine gute Vorbereitung auf den Sommer bezeichnet die Trainerin als Basis für Werros derzeitige Superform. Im ersten Rennen der Saison dominierte sie das Feld im Diamond-League-Meeting von Rabat, eine Woche später lief sie in Stockholm eine Fabelzeit. Selbst Berset Nuoffer sagt: «Ich muss zugeben, dass ich nicht gedacht hätte, dass sie so schnell laufen kann.»Das Duell zwischen Werro und Hodgkinson in Stockholm.Die Schuhe haben das Laufen revolutioniertÜber den Weltrekord haben Trainerin und Athletin bisher nicht diskutiert. Aber er wird nun zum Thema. Keely Hodgkinson hat bereits angekündigt, dass sie ihn irgendwann angreifen möchte, jetzt könnte ein Rennen darum entstehen, wer ihn zuerst bricht. Dass dies möglich ist, hängt bei allem Talent der Athletinnen auch mit einer technologischen Entwicklung zusammen. Seit 2019 werden auch bei Bahnläufen sogenannte Superschuhe eingesetzt, deren Zwischensohle aus einer Kombination von hochreaktivem Schaum und einer Carbonplatte bestehen.Diese Schuhe machten den ersten Marathon unter 2 Stunden möglich, und sie haben auf allen Laufdistanzen zu einem Leistungsschub geführt. Das lässt sich an der Breite der Spitzenresultate zeigen. Im 800-m-Lauf der Frauen zum Beispiel schafften 2018 total 104 Athletinnen eine Zeit unter 2 Minuten, im vergangenen Jahr waren es 295 – also fast dreimal so viele. An den Füssen einer Ausnahmeläuferin wie Werro könnten die Schuhe in neue Dimensionen führen.Doch das dürfte nicht schon morgen passieren. «Wir haben nicht geplant, extra für diesen Rekord ein Rennen aufzuziehen», sagt Berset Nuoffer. Werros erstes Ziel in dieser Saison bilden die Europameisterschaften im August in Birmingham. Dort dürfte neben Keely Hodgkinson ein weiterer grosser Name auf der Startliste stehen: Femke Bol, die letztjährige Weltmeisterin über 400 m Hürden, ist auf die zwei Bahnrunden umgestiegen. Sie und Werro werden am Dienstag in Ostrava aufeinandertreffen. Ein weiteres hochinteressantes Rennen scheint garantiert.Passend zum Artikel