Audrey Werro trotzt der emotionalen Achterbahnfahrt und wird souverän Europameisterin über 800 mDie 22-jährige Schweizerin lässt an den Leichtathletik-EM in Birmingham ihrer grössten Konkurrentin Keely Hodgkinson keine Chance. Es ist die fünfte Medaille für die Schweiz an den EM.15.08.2026, 00.54 Uhr3 LeseminutenAktualisiertDie Schweizerin Audrey Werro gewinnt am Freitagabend die EM-Goldmedaille über 800 Meter.Andrew Boyers / REUTERSWelch starke Nerven muss diese Frau haben, mit 22 Jahren erst. Da stürzt Audrey Werro am Donnerstag im Halbfinal des 800-m-Laufs an den Europameisterschaften in Birmingham, kommt später durch einen Jury-Entscheid doch noch in den Final. Und tritt dort auf, als sei nichts gewesen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ist das Rennen dieser EM, vielleicht sogar das Rennen des Jahres in der Leichtathletik, die zwei Bahnrunden der Frauen: Die Dominatorin der vergangenen Jahre, Keely Hodgkinson, gegen die Überfliegerin des Jahres, Audrey Werro. Die beiden setzen sich wie erwartet an die Spitze des Feldes, Hodgkinson innen, Werro aussen, aber die Freiburgerin übernimmt nach 300 Metern die alleinige Führung. Und gibt sie nicht mehr her. Wenn Hodgkinson versucht, heranzukommen oder zu überholen, beschleunigt Werro, siegt in 1:54,81 Minuten und verbessert damit den EM-Rekord von 1982. Abgeklärt, souverän, überlegen.«Auf den letzten 100 Metern habe ich an all die harten Trainings gedacht und an die Opfer, die ich für diesen Moment erbracht habe», sagte sie rund eine Stunde nach dem Rennen. Dass sie nicht sofort gejubelt habe, sei der Überraschung geschuldet. Sie habe einen Moment gebraucht, um zu realisieren, dass sie es wirklich geschafft habe.Die Steigerung auf dieses Jahr kam als SchockDie Goldmedaille an den EM ist das vorläufige i-Tüpfelchen der Saison und Karriere von Werro. Ihr erster grosser Titel, nachdem sie im Nachwuchs schon manche Goldmedaille gewonnen hat. Für die früher schüchterne Schweizerin war es trotz ihrem immensen Talent wichtig, dass sie lange in den Nachwuchskategorien starten konnte. Dort sammelte die 182 Zentimeter grosse Athletin Erfahrungen, gewann an Sicherheit, absolvierte neben der Schule einen Trainingsumfang in überschaubarem Mass, den sie nur langsam steigerte.So behutsam war die Entwicklung, dass ihr riesiger Sprung dieses Jahr von 1:55,91 auf 1:53,80 Minuten als Schock kam. Werro stieg zur drittschnellsten Athletin der Geschichte auf, liegt nur noch rund eine halbe Sekunde über dem 43 Jahre alten Weltrekord. Ausser dem Halbfinal an den EM, wo sie stürzte, beendete sie jedes Rennen in dieser outdoor-Saison als Erste. Und war mit entsprechendem Selbstvertrauen nach Birmingham gereist, auch wenn sie stets betonte, dass ihr Ziel eine Medaille bleibe – egal, welche. «Das ist nicht so leicht, weil alle von mir Gold erwarten», sagte sie zwei Wochen vor den Titelkämpfen.Für die Britin Hodgkinson ist es eine bittere Niederlage, ja eine bittere Saison. Die Olympiasiegerin und Hallen-Weltrekordhalterin nahm die unerwartete Schweizer Konkurrentin zuerst als willkommenen Motivationsboost, als Kick, um nicht nachzulassen. Dass Werro ihr aber an den Titelkämpfen in der Heimat die Show stiehlt, das war gar nicht nach dem Geschmack der 24-Jährigen, die am Ende von gemischten Gefühlen sprach.Die vergangenen drei Europameisterschaften hatte sie noch gewonnen. Und dachte, das würde sie auch an diesem Freitagabend tun, als das Alexander Stadium zum ersten Mal ausverkauft war. «Ich habe nichts falsch gemacht, aber es sollte einfach nicht sein.» Dritte wurde Femke Broeders-Bol, die erst auf diese Saison hin von den 400 m Hürden auf dei 800 m gewechselt hatte.Nun, da der Titel der Saison vergeben wurde, rückt der Weltrekord wieder in den Fokus. Fällt er vielleicht in der Schweiz? An der Athletissima in Lausanne am kommenden Freitag wie auch bei Weltklasse Zürich am Donnerstag darauf wird der 800 m der Frauen der Höhepunkt des Abends sein. Ganz zu recht, wie das hochklassige Rennen in Birmingham bewiesen hat.Passend zum Artikel