Das Duell Werro gegen Hodgkinson elektrisiert die Leichtathletik. Nun geht es um den EM-Titel – und bald um den WeltrekordDie Britin Keely Hodgkinson ist über 800 m Olympiasiegerin, Seriensiegerin und Hallen-Weltrekordhalterin. Dann kam die Schweizerin Audrey Werro und trieb die Disziplin zu neuen Höhen.13.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenVon der Jägerin zur Gejagten und umgekehrt: Audrey Werro (l.) und Keely Hodgkinson an den WM 2025 in Tokio.Eugene Hoshiko / APAls Keely Hodgkinson mit 19 Jahren zu Olympiasilber stürmte, hatte sie sich vor den Spielen in ihren eigenen Worten «über gar nichts Gedanken» gemacht. Sie lief ohne Erwartungen, wollte Spass haben und etwas Neues erleben. Rückblickend sagt sie: «Es ist wohl nicht schlecht, sich ein Stück dieser Furchtlosigkeit zu bewahren.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Unerschrocken und rasant stieg Hodgkinson nach diesen Spielen 2021 in Tokio zur Dominatorin über die 800 m auf – und mit ihrer offenen Art zu Grossbritanniens Leichtathletik-Liebling. In Paris 2024 holte sie Olympiagold, triumphierte von 2021 bis 2024 viermal bei Europameisterschaften, siegte in zehn Diamond-League-Meetings und brach im Februar den Indoor-Weltrekord – all das noch vor ihrem 24. Geburtstag.Und dann kam Audrey Werro.Anfang Juni beim Diamond-League-Meeting in Stockholm überspurtete sie Hodgkinson, lief die 800 m in 1:53,98 Minuten und schockte damit nicht nur die erfolgsverwöhnte Britin, sondern die ganze Leichtathletik. Es war die beste Zeit seit über vierzig Jahren. Nur zwei Frauen waren zu Beginn der 1980er Jahre schneller, beide stammten aus dem Ostblock, wie er damals genannt wurde, in dem Doping mit staatlicher Unterstützung flächendeckend angewandt wurde. Den Weltrekord hält seit 1983 Jarmila Kratochvilova aus der damaligen Tschechoslowakei mit 1:53,28.Hodgkinson scheute nie davor zurück, offen zu sagen, dass sie den Weltrekord eines Tages angreifen will. Nun musste sie erst verkraften, dass die Schweizer Konkurrentin plötzlich vor ihr liegt. Zwar gilt Werro seit Jahren als aussergewöhnliches Talent, aber sie wurde von ihrem Team behutsam aufgebaut – dass sie bereits dieses Jahr und mit 22 solche Zeiten läuft, überraschte alle. Hodgkinson sagte nach dem Rennen: «Audrey ist unglaublich gelaufen, und ich war froh, dass sie mich bis zur Ziellinie gepusht hat. Aber das wird mir nicht mehr passieren.»Seit Stockholm trafen die beiden nicht mehr aufeinanderSeither trafen sie nicht mehr aufeinander. Das macht den 800-m-Final am Freitag zum Höhepunkt der Leichtathletik-EM in Birmingham – vorausgesetzt, beide überstehen die Halbfinals am Donnerstag. Die Situation ist eine völlig andere als an den EM vor zwei Jahren in Rom: Damals trat Hodgkinson mit einer Bestzeit an, die drei oder mehr Sekunden schneller war als jene der Konkurrenz.Der grosse Wettanbieter William Hill sieht Werro im Vorteil. Sie zog das hohe Level nach Stockholm weiter, drückte die Zeit Ende Juni in Paris auf 1:53,80. Drei der acht schnellsten je gelaufenen Zeiten über 800 m stammen nun von Werro. Im Juli zog sich die Romande mit ihrem Team ins Höhentrainingslager nach St. Moritz zurück. Dort übernahm sie keine Medien- oder Repräsentationsaufgaben. Sie wollte mit ihrer Trainingsgruppe und mit Freunden etwas Ruhe finden und abschalten, nachdem im Frühling viel Trubel über die ruhige und zurückhaltende 22-Jährige hereingebrochen war.Dem Druck von aussen kann sich Werro aber nicht entziehen. Bei einem Gespräch am Rande der Schweizer Meisterschaften in Zürich sagte die Freiburgerin, sie bleibe bodenständig und halte am Ziel einer EM-Medaille fest – unabhängig von der Farbe. «Das ist aber nicht so leicht, wenn ständig alle wiederholen, dass ich Gold holen werde. Aber man weiss nie, was passiert.»Es ist nicht so leicht, bodenständig zu bleiben, wenn alle sagen: «Du holst Gold.» Werro läuft zum ersten Mal in der Rolle der Favoritin.An den Schweizer Meisterschaften Ende Juli lief sie am einen Tag die Vorläufe über 800 m und 400 m, tags darauf den 800-m-Final. Ein erfolgreicher Belastungstest, weil in Birmingham Halbfinal und Final an zwei aufeinanderfolgenden Tagen stattfinden.Hodgkinson muss sich daran erinnern, stolz zu seinHodgkinsons Vorbereitung verlief weniger reibungslos. Vor dem Diamond-League-Rennen in Eugene Anfang Juli stolperte sie im Training, fiel auf die Knie und trug Fleischwunden davon. Sie lief zwar die angedachten Rennen im Juli, aber eine Zeit nahe dem Weltrekord war mit den Schmerzen nicht realisierbar.Hodgkinson stellte in Birmingham vor den EM aber rasch klar, dass sich die Gegnerinnen deswegen keine Hoffnungen machen sollten. Das Training sei nie beeinträchtigt gewesen, und alles sei wieder in Ordnung. Die Athletin mit einem Abschluss in Kriminologie sprach auch über die Wahrnehmung des Rennens in Stockholm – sowohl von aussen als auch aus ihrer eigenen Sicht. «Die Leute wollen, dass ich es als Niederlage sehe. Aber es war mein erstes Saisonrennen, ein britischer Rekord und meine beste Zeit überhaupt. Daran erinnere ich mich immer wieder, weil ich stolz darauf bin.»Damals lief sie hinter Werro 1:54,33, die siebtschnellste Zeit der Geschichte. Wie hoch das Niveau in der Disziplin der Frauen zurzeit ist, zeigten die Vorläufe an den EM: Vier Athletinnen liefen mit einer 1:57-Zeit ins Ziel. Hodgkinson sagte, sie habe gespürt, wie die anderen hinter ihr drängten, habe Gas gegeben und gedacht: «Guys! 1:57! Es ist ein Vorlauf!»Die beiden Spitzenläuferinnen ziehen den Rest des Feldes dieses Jahr mit, laufend purzeln nationale Rekorde und persönliche Bestzeiten. Da ist zum Beispiel Femke Broeders-Bol: Die frühere 400-m-Hürden-Weltmeisterin aus den Niederlanden wechselte erst auf diese Saison hin auf die 800 m. Und lief bereits 1:55,60.Sie darf am Freitag niemand unterschätzen, wenn es um die Medaillen geht. Ihr Schweizer Trainer Laurent Meuwly sagt: «Sie hat noch gewisse Barrieren im Kopf, denkt, die anderen sind besser. Aber sie spürt auch, dass sie näherkommt. Am Freitag wird sie diesen Respekt ablegen.» Ihr Vorteil ist, dass Hodgkinson und Werro das Rennen schnell machen werden und sie nicht im Zugzwang ist.Übernimmt die Britin die Führung oder die Schweizerin, wenn es keine Tempomacherin gibt? Werro läuft am liebsten vorneweg. Sie weiss aber auch, dass das an den EM nicht unbedingt die klügste Taktik ist, sie ihr Tempo einteilen, die Gegnerinnen im Auge behalten muss.Werro hat Fortschritte gemacht in taktischen Rennen, dann, wenn die Ellbogen ausgefahren werden und sie schnell Entscheidungen treffen muss. «Aber sie bleibt eine Athletin, die gerne an der Spitze läuft», sagt ihre Trainerin Christiane Berset Nuoffer. «Das liegt in der Natur einer Siegerin. Wenn sie nicht diese Mentalität hätte und sagen würde: ‹Ich laufe ganz hinten und schaue, was passiert›, dann wäre das nicht Audrey. Ich bevorzuge es, wenn sie die Rennen läuft, die sie mag.»Auch Hodgkinson mag schnelle Rennen und ist es gewohnt, vorne zu laufen. Und sie kennt die Rolle der Favoritin. Weiss, wie man Titel gewinnt.Holt Werro eine Medaille, wird sie vor der Kamera wieder die Hände zu Krallen formen und wie ein Löwe «fauchen». Nicht weil sie wie Hodgkinson von Natur aus furchtlos ist – im Gegenteil. Ihr Vater ermahnte sie vor jedem Wettkampf: «Sei nicht schüchtern, sei eine Löwin!»Passend zum Artikel