Es war ein surreales Bild, das sich den Carabinieri nach dem Raub der vier Gemälde Antonello da Messinas vergangenes Wochenende bot: Am metallenen Zaun des sizilianischen Regionalmuseums Accascina in Messina lehnten zwei gemalte Heilige. Es handelte sich um zwei der Tafeln vom mehrteiligen Gregor-Altar des berühmten Renaissancemalers. Wie die Behörden erst spät bestätigten, ließen die offenbar wenig professionellen Täter bei der Flucht zwei der vier geraubten Bilder von jeweils mehr als einem Meter Höhe auf dem Bürgersteig zurück. Das erinnert an den Raub der Louvre-Kronjuwelen im Oktober vergangenen Jahres, bei dem die Täter die Krone von Kaiserin Eugénie auf der Flucht verloren.An die übermannsgroßen Metallstreben des Messiner Museumszauns gelehnt fand die hochrechteckigen Tafeln nur 15 Minuten nach dem Raub Elisabetta Bonfanti, die sofort die Polizei alarmierte. Dieser gelang allerdings fast eine halbe Stunde lang kein Kontakt zu den Wärtern im Museum und lange auch nicht der Zugang in dieses. Die Täter gewannen dadurch etwa eine Stunde Vorsprung. Keiner der vier Aufseher habe vom Raub etwas bemerkt. Der Präsident der Region, Renato Schifani, hat eine interne Untersuchung eingeleitet und die vier Wachleute vorläufig in Zwangsurlaub geschickt, bis der Bericht der Museumsdirektorin Marisa Mercurio vorliegt. Der ermittelnde Generalstaatsanwalt Antonio D’Amato stellte öffentlich die Frage, „ob hinter diesem Diebstahl nicht die organisierte Kriminalität mafiösen Typs steckt, die seit jeher am Raub von Kunstwerken interessiert ist.“ D’Amato zufolge arbeite man auch an der Identifizierung von Komplizen innerhalb des Museums sowie an der Klärung der Rolle der Mitarbeiter. Der Generalstaatsanwalt zeigte sich zugleich überzeugt, dass das rasche Eingreifen der Polizei eine Rasterfahndung und ein Kontrollnetz in Gang gesetzt habe, welches die Täter davon abgehalten habe, Sizilien zu verlassen.Das Polyptychon ist in vielfacher Hinsicht ein MeisterwerkIn jedem Fall ist es eine Erleichterung, dass „nur“ noch die zentrale Marientafel des Altars und eine Doppeltafel mit einer „Madonna mit Kind und Franziskaner“ auf der Vorderseite und einem „Antlitz Christi im Vierpass“ auf der Rückseite fehlt. Antonello da Messina gehört zu den bedeutendsten italienischen Renaissancekünstlern, sein mehrteiliges „Polyptychon des heiligen Gregors“ von 1473 ist ein unschätzbares Meisterwerk mit deutlich flämischem Einschlag in der Gesichtsbildung, was bei den engen Handelsbeziehungen Italiens etwa mit Brügge im 15. Jahrhundert keine Seltenheit ist. Es wurde von der Äbtissin Frabia (Suor Fabia) Cirino für das Kloster Santa Maria Extra Moenia in Messina in Auftrag gegeben. Das Polyptychon wurde vermutlich bereits im 16. Jahrhundert demontiert und erst im 19. Jahrhundert im Zuge einer Restaurierung wieder rekonstruiert.Die im Zentrum thronende Muttergottes mit dem Jesuskind, die von Engeln bekrönt wird, ist auch als Rosenkranzmadonna bekannt, da ein solcher auf einer steinernen Halbkreisausbuchtung unterhalb ihres Thrones ruht. Auf der untersten Stufe zu Mariens Füßen befindet sich ein sogenannter Cartellino, ein Zettelchen mit der Signatur des Künstlers. Auf der linken, nun wieder aufgefundenen Seitentafel steht San Gregorio in Bischofskleidung, auf der ebenfalls von den Dieben auf der Flucht zurückgelassenen rechten der heilige Benedikt im dunklen Ordenshabit. Beide stützen sich auf einen Bischofsstab.Von ihr fehlt immer noch jede Spur: Antonello da Messinas „Madonna mit Kind und Franziskaner in Adoration“ als Vorderseite einer DoppeltafelReutersEine der Besonderheiten des Retabels ist der raffinierte Einsatz des eigentlich noch mittelalterlichen und von der Renaissance nicht mehr wohlgelittenen Goldgrunds durch Antonello. Da Messina nutzt ihn nicht nur weiter, vielmehr schafft er durch den goldenen Schimmer im Hintergrund einen einheitlichen Raum auf den unterschiedlichen Altarteilen. Die gemauerte Balustrade erstreckt sich zusammen mit dem Sockel des Throns über die verschiedenen Tafeln hinweg und schafft so eine visuelle Kontinuität. Die Heiligenfiguren erscheinen dergestalt nicht isoliert in einzelnen Feldern, sondern teilen sich denselben Raum und scheinen sich gleichzeitig dem Betrachter zuzuwenden. Und nicht zuletzt deshalb ist der Gregor-Altar so kostbar, weil es sich bei dem Polyptychon um eines der wenigen in größeren Teilen erhaltenen Altarretabel Antonello da Messinas handelt, von dem insgesamt nur etwas mehr als vierzig Werke bekannt sind.Es bleibt mithin die Hoffnung, dass Generalstaatsanwalt Antonio D’Amato recht behält und die geraubten Bilder die Insel noch nicht verlassen haben und gefunden werden. Erhärtet sich aber der Verdacht, die Mafia oder Camorra setze die unersetzlich wertvollen Gemälde als künftiges Unterpfand für schmutzige Händel ein, sieht die Perspektive auf Wiedergewinnung des Geraubten weit weniger rosig aus. Ein ebenfalls wahrscheinlich aus diesem Grund aus dem Oratorium von San Lorenzo in Palermo gestohlener Caravaggio ist seit 1969 verschollen.