Mehr als 56 Jahre nach einem Brandanschlag auf ein jüdisches Seniorenheim in München mit sieben Toten ist die Generalstaatsanwaltschaft von einem rechtsextremen Einzeltäter überzeugt. Die Indizien sprächen deutlich dafür, dass ein mittlerweile verstorbener Mann das Feuer in dem jüdischen Gemeindehaus in der Reichenbachstraße gelegt habe, teilte die Behörde mit. Es gebe keine Anhaltspunkte für eine Beteiligung weiterer Personen.Die Generalstaatsanwaltschaft München hatte die Ermittlungen gegen unbekannt im April 2025 wieder aufgenommen. Eine Zeugin habe glaubhafte Angaben zum Tatverdächtigen gemacht, so die Behörde. Die Hinweise verdichteten sich auf den damals 25-jährigen Einzeltäter Bernd V., der als rechtsextrem und antisemitisch bekannt war. Da der Mann aber 2020 starb, ist nach Angaben der Behörde eine abschließende rechtliche Bewertung nicht möglich. Das Ermittlungsverfahren wurde eingestellt.Im Laufe der Jahrzehnte war immer wieder ermittelt worden. So hatte die Bundesanwaltschaft eine linksextremistische Gruppierung im Blick, doch 2017 stellte die Behörde das Verfahren ein. Trotz vorhandener Indizien reichten die Verdachtsmomente nicht für einen konkreten Tatverdacht aus, hieß es damals.Andreas Franck, Antisemitismusbeauftragter der bayerischen Justiz, sagt, ihn habe besonders die Arbeit der Operativen Fallanalyse beeindruckt, der sogenannten Profiler. Diese haben sich nun auf einen Täter aus dem rechtsextremen Umfeld festgelegt – unter anderem, weil es kein Bekennerschreiben oder Ähnliches gab, bei rechtsextremen Taten durchaus üblich, bei Linksextremen eher ungewöhnlich.Die Mitarbeitenden der Operativen Fallanalyse seien mit einem völlig neuen, unbelasteten Blick an den Vorgang herangegangen und hätten so in vielen Punkten eine neue Sicht der Dinge geschaffen, sagt Franck. So hätten sie etwa die These verworfen, dass der oder die Täter bis in den vierten Stock des Hauses vorgedrungen seien. Vielmehr gehe aus den Spuren hervor, dass bis zum dritten Stock Benzin als Brandbeschleuniger verteilt wurde.Bernd V. war vielfach polizeibekanntDas Feuer im Treppenhaus des jüdischen Gemeindehauses war am 13. Februar 1970 ausgebrochen, kurz nach Ende eines abendlichen Gottesdienstes in der Synagoge. Die Bewohner eines dort untergebrachten Altenheimes wurden von den Flammen eingeschlossen. Die meisten der etwa 30 Menschen konnten gerettet werden, doch sieben von ihnen starben. Nach Angaben der Ermittler handelte es sich um Holocaust-Überlebende. 15 Menschen wurden verletzt, vier von ihnen schwer.Laut Oberstaatsanwalt Franck soll Bernd V. die Tat geplant haben. Das stehe auch nicht im Widerspruch zu Zeugenaussagen, er habe sich aus Verärgerung über einen gescheiterten Einbruchdiebstahl am Gärtnerplatz zu der Tat entschlossen. „Das war vielleicht der letzte Tropfen“, sagt Franck. „Aber die Vorbereitungen hatte er schon getroffen.“Bernd V. war vielfach polizeibekannt. So hatte er 1972 aus der Blutenburg in Obermenzing eine spätgotische Madonna gestohlen. Als er gefasst worden war, wurde er zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. In der Haft soll er einem Zellengenossen die Tat in der Reichenbachstraße gestanden haben. Warum die Polizei diesem Hinweis seinerzeit nicht nachging, ist unklar.Den Tatverdächtigen beschrieben Zeugen laut Generalstaatsanwaltschaft als Antisemiten mit einem „Hitler-Tick“. In seiner Jugend habe er Reden von Adolf Hitler auf Schallplatten angehört und Schießen im ehemaligen „Führersperrgebiet Obersalzberg“ geübt. Er habe eine Neigung gezeigt, mit Sprengstoff zu hantieren. So habe er in den 1960er-Jahren zwei Telefonhäuschen in München mit Sprengstoff zerstört, weshalb er zu einer Jugendstrafe verurteilt worden war.Ein damaliger Mitschüler beschrieb die Feindschaft des Tatverdächtigen gegenüber Juden als prägend. Eine Schulleiterin hob seine kühl berechnende, geltungssüchtige Art hervor und berichtete von einer körperlichen Auseinandersetzung, in deren Rahmen der Tatverdächtige einen Dolch der Hitler-Jugend eingesetzt haben soll, den ihm sein Vater geschenkt hatte.Die jetzigen Ermittlungen beruhen hauptsächlich auf den Aussagen einer Zeugin, die sich auf einen Aufruf des Kabarettisten Christian Springer hin gemeldet hatte. Sie hatte einen – mittlerweile ebenfalls verstorbenen – Verwandten, der mit Bernd V. in Verbindung stand. Ihm soll er seine Tat offenbart haben, der sie nach V.s Tod wiederum der Frau mitteilte. Laut Andreas Franck hätten sich keine Hinweise auf weitere Täter ergeben. „Das bedeutet aber nicht, dass die Akten jetzt im Verlies verschwinden. Wenn sich neue Indizien auf Mittäter ergeben, kann das Verfahren jederzeit wieder eröffnet werden.“
Anschlag auf jüdisches Altenheim in München: Neue Ermittlungsergebnisse nach 56 Jahren
1970 starben sieben Menschen bei dem Anschlag auf die Einrichtung in der Reichenbachstraße. Nun teilt die Generalstaatsanwaltschaft neue Ermittlungsergebnisse mit.












