Mit Babypuder und Alka-Seltzer: Die Zürcher Hirsebreifahrer sind unterwegs nach StrassburgAlle zehn Jahre bricht eine Delegation von Zürchern nach Strassburg auf, um die Freundschaft der beiden Städte zu zelebrieren. Das Niedrigwasser zwingt sie allerdings, einen grossen Teil der ersten beiden Tage im Bus zu absolvieren.Nina Belz, Georgios Kefalas, Keystone19.08.2026, 21.19 Uhr4 LeseminutenBis zum Letten können sie fahren, dann zwingt sie das Niedrigwasser in den Bus: eines der vier Boote der Hirsebreifahrt.Auf dem Lindenhof riecht es kurz nach zehn Uhr nach «Flammekueche». Der Duft verrät, wohin die nach und nach eintreffenden und kostümierten Männer und ein paar wenige Frauen um die Mittagszeit aufbrechen werden: ins Elsass, nach Strassburg. Sie bringen den Franzosen Hirsebrei, und zwar per Boot – so will es die Tradition seit 1456.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit dem Zweiten Weltkrieg findet die sogenannte Hirsebreifahrt alle zehn Jahre statt. Delegationen der Zunft zur Schiffleuten, der Schützengesellschaft, der Gesellschaft der Bogenschützen, der Stadtmusik und des Limmatklubs fahren auf dem Wasserweg von Zürich nach Strassburg. Was im 15. Jahrhundert der Überlieferung nach 22 Stunden gedauert hat, erstreckt sich heute über vier Tage. Denn unterwegs werden viele Apéros getrunken, Reden geschwungen, Bankette gefeiert und manchmal auch Denkmäler besichtigt.Hirsebrei gibt es an diesem Vormittag auf dem Lindenhof auch. Einige Passanten und Touristen schauen etwas verwundert auf den tiefen Teller, den ihnen Männer in Kniestrümpfen und mit Federn bestückten Hüten in die Hand drücken. Und als die Stadtmusik zum Spiel ansetzt, wippen einige von ihnen im Takt der Musik.Der Zürcher Stadtrat hat sich zum Auftakt vollständig auf dem Lindenhof versammelt. Einige der Stadträtinnen und Stadträte sind anschliessend auf die Boote gestiegen, um die erste Etappe bis Baden zu absolvieren. Unter ihnen auch Simone Brandner (links) und Michael Baumer (rechts).Gérard Staedel singt mit, als das Orchester «Auf der Vogelwiese» anstimmt. Der gebürtige Franzose ist für die «Flammekueche» verantwortlich, denn er ist Präsident der «Union Internationale des Alsaciens» – eines Vereins, der an siebzig Standorten der Welt Stammtische für Elsässer organisiert und heute die kleinen Leckerbissen verteilt. In Zürich gibt es den Verein erst seit zwölf Jahren, am Auftakt zur Hirsebreifahrt ist er zum ersten Mal dabei. Staedel, der in seinem Berufsleben lange Jahre in Deutschland gelebt hat und beruflich viel in der Schweiz war, lobt die Freundschaft und die Verbundenheit der Schweiz mit dem Elsass, «vom Dreissigjährigen Krieg bis in die Gegenwart».Golta rät zu Babypuder und Alka SeltzerTatsächlich ist auch der «millet chaud», wie der Hirsebrei auf Französisch heisst, ein Zeichen der Freundschaft zwischen Zürich und Strassburg. Im 15. Jahrhundert wollten die Zürcher den Strassburgern beweisen, wie rasch sie ihren protestantischen Glaubensbrüdern zu Hilfe eilen könnten – so schnell, wie man einen Hirsebrei noch warm zu den andern bringen könnte. Heute ist auch die politische Ebene involviert. Nach und nach tauchen alle neun Stadträtinnen und Stadträte auf. Alle sind kostümiert, und einige werden die Fahrt etappenweise mitmachen.Stadtpräsident Raphael Golta – mit rot-blauem Hut mit zwei Federn – hat schon vor zehn Jahren als Stadtrat die ganze Reise begleitet. Er weiss somit auch, wie sich die langen Stunden auf den rudimentären Holzbänken der Boote anfühlen – und was sie erträglicher macht. Er überreicht dem Präsidenten des Organisationskomitees, Franco A. Straub, Babypuder für den «Allerwertesten» sowie eine Schachtel Alka-Seltzer, um den Tag jeweils «schöner und frischer» zu starten. Zudem empfiehlt er, viel Wasser zu trinken.Etwas später und kurz vor der Abfahrt betont Golta, mit einem Bier in der Hand, seine Vorfreude. Dass er dieses Mal nur am ersten Tag – die Etappe führt bis Baden – und auf der letzten Etappe dabei sei, habe zeitliche Gründe, sagt er. Aber es sei schon so, dass die Reise jede Konstitution fordere.Vier Boote warten beim Klubhaus des Limmatklubs an der Schipfe auf ihre Gäste. Insgesamt 84 Personen werden auf den Schiffen reisen, ein paar wenige machen die Fahrt in Bussen mit. Allerdings fordert der aussergewöhnlich heisse Sommer auch den Hirsebreifahrern Kompromisse ab. Zumindest bis Rheinfelden müssen die Schiffe und Passagiere auf dem Landweg reisen. Auf dem Rhein seien die Verhältnisse dann besser, heisst es.Ein Segen, ein Knall und geschwenkte HüteZum Glück ist das Wasser auf der Höhe des Limmatklubs noch tief genug, so dass die Abfahrt traditionell inszeniert werden kann. Nach und nach werden die Passagiere zum Einschiffen gerufen. Den Anfang machen zwei mit Blumen geschmückte Langboote, auf denen auch fünf beziehungsweise drei Mitglieder des Stadtrats sitzen. Ausserdem: Fahnenträger und die Ruderer des Limmatklubs.Auf dem vordersten Schiff wird zudem ein Kupferkessel – der Hirsebreitopf – positioniert. Noch ist es Trockeneis, das für einen Dampfeffekt sorgt. Der Hirsebrei, beziehungsweise ein Teil der von der Confiserie Sprüngli nach Strassburg gelieferten Menge, kommt erst am Samstag auf der letzten Etappe aufs Schiff. In Strassburg wird er dann ebenfalls kostenlos an die Bevölkerung verteilt.Bei der Abfahrt enthält der Kupferkessel Trockeneis, bei der Ankunft in Strassburg dann Hirsebrei von Sprüngli.Der Schiffsverantwortliche zählt die Gäste und mahnt die Regeln an: keine Hände ausserhalb der Bootswände! Schnell wird noch eine Schicht Sonnencrème aufgetragen, unter den Hüten rinnt der Schweiss hervor. Die Hitze, verrät einer, der schon mehrfach mitgefahren ist, sei immer noch weniger schlimm als Dauerregen. «Wir sind komplett», ruft der OK-Präsident um 11 Uhr 42 von Schiff eins. Nun erhält das Gefährt von Christian Walti, Pfarrer am Grossmünster, einen Reisesegen.Kurz vor 12 Uhr wendet das erste Schiff an der provisorischen Fussgängerbrücke, um flussabwärts zu fahren. Ein grosser Knall, ein Gejohle, und dann werden die Hüte zum Abschied gehoben: Jetzt geht’s los, zumindest bis zum Letten. Dort müssen die Passagiere bereits wieder aussteigen und in einen Bus wechseln. Immerhin den letzten Teil der Tagesetappe, von Wettingen nach Baden, können die Hirsebreifahrer wieder zu Wasser absolvieren. Vielleicht brauchen sie in diesem Jahr etwas weniger Babypuder als befürchtet.Passend zum Artikel