«On va toujours être avec vous!»: Der Zürcher Stadtpräsident wird in Strassburg wie ein Pop-Star empfangenDie Hirsebreifahrer erleben einen triumphalen Empfang im Elsass. Von dieser Begeisterung kann die Limmatstadt noch was lernen.Triumphfahrt in Strassburg: Ein Boot der Zürcher Hirsebreifahrer fährt in der Stadt im Elsass ein.Die Strassburger lassen sich nicht lumpen. Sie zeigen den Zürchern, was echte Sympathisanten der Hirsebreifahrt ausmacht: Zu Tausenden sind sie am Samstagnachmittag auf den Marché aux Poissons und zum Ufer der Ill vis-à-vis in der Altstadt gekommen, um die Männer und wenigen Frauen in ihren seltsamen Holzbooten und eigenartigen Kostümen zu bejubeln.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Mitklatschen mit Pauken und Trompeten auf dem Fischmarkt!Der Auftritt der Stadtmusik kommt derart gut an, dass Catherine Trautmann, die sozialistische Bürgermeisterin von Strassburg, später fragen wird, ob man die «Band de Zurich» einmal ausleihen dürfe.Wie ein kleines Sechseläuten: Die Musiker der Stadtmusik marschieren durch Strassburg.Das Orchester versteht es, dem Strassburger Publikum einzuheizen auf dem Fischmarkt.Das allerletzte Löffelchen HirsebreiDer Anlass geht auf eine Legende aus dem 15. Jahrhundert zurück: Damals wollten Zürcher ihren Elsässer Waffenbrüdern beweisen, dass sie ihnen per Boot schneller zu Hilfe eilen könnten, als dampfender Hirsebrei unterwegs kalt wird. Sie sollen die Überfahrt in nur 19 Stunden geschafft haben, eine geradezu unglaubliche Leistung.Seit 1946 findet die Hirsebreifahrt alle zehn Jahre statt, zum Beweis der Freundschaft zwischen Zürich und Strassburg. Sie dauert vier Tage, trotz moderner Erfindungen wie dem Aussenbordmotor, der die Damen und Herren einigermassen zügig übers Wasser gleiten lässt. Die Ruder an Bord sind vor allem Folklore. Und sie machen sich gut für die Fotografen. Start war am Mittwoch beim Limmat-Club in Zürich – vor viel weniger Publikum als in Strassburg. Ein paar Schaulustige standen am Limmatquai und auf der improvisierten Fussgängerbrücke, mehr nicht.Die Männer des Limmat-Clubs legen sich ins Zeug. Sonst fahren die Boote mit einem Aussenbordmotor.Mit dabei auch dieses Jahr, wenigstens auf der letzten Etappe zu Wasser: sieben Kisten Hirsebrei, zubereitet am Samstagmorgen um 5 Uhr von der Confiserie Sprüngli in Zürich. Ob die Feinde Strassburgs im Spätmittelalter damit in die Flucht hätten geschlagen werden sollen, ist nicht bekannt.Sicher ist: Der Brei der Gegenwart – eine gekochte Masse aus Milch, Butter, Hirse, einer Prise Salz, verfeinert mit Honig, Mandeln und Rosinen – ist begehrt. Nach dem Konzert der Stadtmusik watscheln die Menschen wie Pinguine dem Palais Rohan nebenan entgegen. Schulter an Schulter, so eng ist es auf dem Fischmarkt. Das Ziel der Massen ist klar: Sie wollen ein Schälchen Hirsebrei ergattern, das vor dem imposanten Gebäude verteilt wird.Stärkung aus einem dampfenden Topf unterwegs.Ein Herr mit Bart gehört zu den Glücklichen. Er hat sein Schälchen bereits aufgegessen. Wie schmeckt Hirsebrei? Er lacht ungläubig. «C'est du Brei. Rien à décrire!»Eine eigens angereiste Zürcherin – ihr Mann ist Zunftmeister der Schiffleuten und soeben auf einem der Boote angekommen – sagt: «Fein, süss, man schmeckt den Zimt. Die Rosinen habe ich gleich rausgepickt!» Und: Der Brei sei noch lauwarm gewesen, immerhin. Und die Konsistenz? «Ein bisschen pampig», sagt die Zürcherin, was aber verständlich sei nach der langen Zeit.Diese Frau hat Glück: Für sie gibt es noch Hirsebrei in Strassburg.Man watschelt weiter in der Schlange, zum Zelt, wo Hirsebrei geschöpft wird. Oder besser: geschöpft wurde. Für ein allerletztes (kaltes) Plastiklöffelchen reicht es noch. Aber dann ist Schluss. Sämtliche Kisten sind leer. 110 Kilogramm Brei hatte Sprüngli gekocht an diesem Morgen – zu wenig für viele enttäuschte Gesichter vor dem Palais, die nun von dannen ziehen müssen, ohne von der legendenumwobenen Mahlzeit gekostet zu haben.Avancen der BürgermeisterinRaphael Golta hingegen hat ein Schälchen bekommen – und zwar gleich nachdem sein Boot angelegt hatte. Der Zürcher Stadtpräsident – elegant gekleidet in blauer Robe, mit einem rot-blauen Hut und zwei Fasanenfedern – wird gefeiert wie ein Pop-Star, als er Strassburger Boden betritt. Solche Szenen gab es nicht einmal bei seiner Wahl zum Stadtpräsidenten im März. Und auch nicht bei der Nominationsversammlung der städtischen SP im vergangenen Jahr. Ein seltsames Bild. Im Gegensatz zu Zürich dürfte in Strassburg kaum jemand wissen, wer der Mann mit den Fasanenfedern eigentlich ist.Sitzende Männer in Kostümen: Die Konkurrenzveranstaltung zum Zürcher Sechseläuten legt in Strassburg an.Den Politikern zuerst: Die Strassburger Bürgermeisterin Catherine Trautmann (links) und Raphael Golta (Mitte) erhalten ein Schälchen Hirsebrei.Mais c'est égal. Es ist Hirsebreifahrt! Tout Strasbourg steht Kopf, so scheint es zumindest in jenen Momenten am Wasser. Madame la maire ruft beim Empfang der Zürcher Bootsmannschaften ins Publikum: «Les Zurichois sont toujours là, toujours à l'heure» und, das dürfe sie nach ihrer Kostprobe sagen, der Hirsebrei treffe immer warm in Strassburg ein. Die Lobeshymne der Bürgermeisterin für die Freunde aus Zürich ging so weit, dass sie ein phantastisches Szenario anzusprechen wagte: Sie freue sich bereits, die Schweiz dereinst in der EU begrüssen zu dürfen, sagte Trautmann.Auf diese Avancen ging Golta in seiner zweisprachigen Rede nicht ein. Aber er versicherte seiner Gastgeberin: «On va toujours être avec vous!» Was es mit der vielbemühten Freundschaft mit Strassburg abgesehen von der Hirsebreifahrt sonst noch auf sich habe, konnte der Stadtpräsident danach nicht genau sagen. Er wolle den wirtschaftlichen Austausch verstärkt pflegen. Im Bereich Technologie wären spannende Projekte denkbar, sagte Golta.Harte Hintern auf harten BänkenAber das ist Zukunftsmusik. Der Tag in Strassburg gehört der Hirsebreifahrt. Es ist wie ein kleines Sechseläuten in der Fremde. Ohne Böögg zwar, aber mit einigen verkleideten Herren und einem kleinen Umzug zum Hôtel de Ville.Noch mehr Reden, noch mehr Musik: Empfang der Hirsebreifahrer vor dem Hôtel de Ville in Strassburg.Auf Limmat, Aare und Rhein war der Zürcher Stadtrat immer mit mindestens einem Mitglied vertreten. Simone Brander (SP) und Balthasar Glättli (Grüne) fanden ebenfalls Gefallen an dem Ausflug, so erzählt man sich's in bürgerlichen Kreisen in Strassburg. Auch wenn die beiden Debütanten ihre Kostüme längst abgelegt haben und weit vor dem Elsass ausgestiegen sind.Über beinharte Themen wie Velowege oder Parkplätze in der Stadt Zürich habe man auf der Reise nicht gesprochen. Und nein, das Babypuder, das ihm Golta am Mittwoch auf dem Lindenhof überreicht habe, habe er nicht gebraucht, sagte Franco Straub, der Präsident des Organisationskomitees. Der Stadtpräsident wollte dem Hintern des OK-Präsidenten etwas Gutes tun. Die Bänke der Limmatboote sind schliesslich hart.«Vor zehn Jahren war ich ziemlich ‹auf der Schnurre›», sagte Golta, der damals die ganze Fahrt auf dem Wasser mitgemacht hatte – und nicht nur am ersten und am letzten Tag wie 2026.Impressionen des letzten Tages auf dem Wasser – und an Land.Quelle: Jochen Pach, Janne KernPassend zum Artikel
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