InterviewHistorische Flussfahrt von Zürich nach Strassburg: «Auf den Booten ist es nicht sonderlich bequem, da freut man sich auf jeden Apéro an Land»Die Hirsebreifahrt erinnert an einen Wettstreit aus dem 15. Jahrhundert. Dieses Jahr hat der tiefe Wasserstand Folgen, sagt ein erfahrener Fahrer.12.08.2026, 05.00 Uhr6 LeseminutenGäste und Ruderer auf einem Boot der Hirsebreifahrt 2016 unter der Kornhausbrücke auf der Limmat in Zürich. Alle zehn Jahre fährt eine Gruppe mit alten Kostümen auf einem Boot von Zürich nach Strassburg, um dort Hirsebrei zu verteilen. Die erste Hirsebreifahrt fand 1456 statt.Dominic Steinmann / NZZHerr Neuenschwander, am 19. August brechen Sie zur sogenannten Hirsebreifahrt auf. Was machen Sie da?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wir fahren mit vier Schiffen von Zürich nach Strassburg. Wir, das sind Delegationen der Zunft zur Schiffleuten, der Schützengesellschaft, der Gesellschaft der Bogenschützen, der Stadtmusik, des Limmat-Clubs sowie Vertreter von Sponsoren. Damit erinnern wir an eine Wette zwischen Strassburgern und Zürchern aus dem Jahr 1456: Die Zürcher wollten den Strassburgern beweisen, dass sie schneller in Strassburg sein können, als dass der Hirsebrei kalt wird. Sie sollen es in zweiundzwanzig Stunden geschafft haben, und der Brei soll noch warm gewesen sein.Sie sind jetzt vier Tage unterwegs. Warum so lange?Einerseits wegen der Hindernisse: Es gibt heute auf der Strecke 29 Schleusen und Wehre zu überwinden. Das braucht Zeit, zum Teil müssen wir aussteigen. Andererseits haben wir unterwegs viele Empfänge und Apéros. Allein auf der Strecke nach Baden sind es vier. Vor zwanzig Jahren haben wir das Programm von drei auf vier Tage gestreckt. Davor waren wir jeweils erst gegen 10 Uhr abends in Rheinfelden – die Gastgeber waren immer schon etwas nervös.Peter Neuenschwander fährt zum 5. Mal mit dem Boot von Zürich nach Strassburg.PDUnd da essen Sie jeweils Hirsebrei?Nein, nur vor der Abfahrt auf dem Lindenhof und bei der Ankunft in Strassburg. An beiden Orten darf übrigens auch die Bevölkerung den süssen Hirsebrei von Sprüngli geniessen. Symbolisch führen wir am Ende der letzten Etappe einen Topf mit Hirsebrei auf dem Flaggschiff mit. Die grosse Menge wird auf dem Landweg angeliefert.Bis dahin sitzen Sie drei Tage lang während Stunden auf einem Holzboot. Wie ist das?Hart und eng! Man sitzt sechs bis acht Stunden am Tag, und nicht sonderlich bequem. Und manchmal ist es auch heiss, die meisten von uns sind kostümiert. Da freut man sich zwischendurch auf Apéros an Land.Eine Darstellung aus dem späten 19. Jahrhundert von der Ankunft der Zürcher Hirsebreifahrt in Strassburg im Jahr 1576.Fine Art Images / ImagoUnd was machen Sie auf dem Boot? Die Passagiere sind ja zum Stillsitzen angehalten . . .Man redet und lernt sich besser kennen. Daraus ergeben sich Freundschaften. Und vor allem zwischen Zürich und Baden ist die Landschaft so schön, dass man sie einfach geniessen muss. Zwischendurch wird gejasst!Bei diesen Platzverhältnissen?Ja, man dreht sich zur hinteren Reihe um und stellt eine Bierkiste in die Mitte. Das kommt übrigens bei gewissen Politikern gut an: Elmar Ledergerber zum Beispiel hat 2006 alle abgezogen.Der Stadtrat ist immer eingeladen mitzufahren – kommen da alle mit?Elmar Ledergerber machte damals die ganze Fahrt mit, aber in der Regel begleiten die Stadträte einzelne Etappen. Der Stapi ist meist am ersten Tag und beim Empfang in Strassburg dabei. Letztes Mal kamen alle ein paar Stunden oder Tage mit – ausser André Odermatt, der das Stadthaus hütete. In Erinnerung ist mir allerdings Josef Estermann geblieben, dem es als sozialdemokratischem Stadtpräsidenten aus der Innerschweiz anfänglich widerstrebte, diesen sehr bürgerlichen und reformatorischen Anlass zu begleiten.Und diesen Reflex gibt es beim heutigen rot-grünen Stadtrat nicht mehr?Im Gegenteil, so viel ich weiss, reisst man sich im Stadtrat um die Plätze auf den Schiffen. Das sind eben Politiker. Sobald sie die Chance haben, in die Presse zu kommen, sind sie zur Stelle. Aber die historische Städtefreundschaft mit Strassburg ist ihnen sicher auch wichtig. Zudem ist der Anlass lustig – und über Politik reden wir an diesen Tagen nicht gross.Aber die Politiker halten Reden – auf Französisch?Nein, die Sprache des Anlasses ist eher Alemannisch, also Deutsch. Die Leute in Strassburg sprechen übrigens oft besser Deutsch als wir Französisch.Hirsebreifahrt 2006: In der Morgendämmerung verlassen die Boote Zürich, Stadtpräsident Elmar Ledergerber (in Weiss, winkend) hatte viel Spass beim Jassen. Peter Neuenschwander (mit Brille) sitzt vor Ledergerber.Christoph Ruckstuhl / NZZDie Pegel der Flüsse sind wegen der Trockenheit sehr tief. Können Sie unter diesen Umständen überhaupt aufbrechen?Ablegen können wir, aber leider nicht durchfahren. Vom Lettenwehr bis Wettingen und von Baden bis zum Wehr von Rheinfelden ist Busfahren angesagt. Das ist aber nicht einmalig: Vor zehn Jahren mussten wir – allerdings wegen Hochwasser – die Strecke von Baden bis Rheinfelden ebenfalls mit dem Bus zurücklegen.Am letzten Tag gibt es auch Wettkämpfe. Wie stehen die Zürcher in der jahrelangen Bilanz da?Es gibt einen Schiesswettkampf und ein Schifferstechen. Beim Schiessen haben wir auch schon gewonnen, aber beim Schifferstechen haben wir keine Chance.Warum?Die französischen Schifferstecher sind Maschinen und sehr geübt. Unter ihnen sind auch ehemalige Matrosen der Marine. Und es gibt dort sogar eine nationale Schifferstecher-Liga.Sie selbst fahren zum fünften Mal mit, warum?Das Besondere ist, dass die Hirsebreifahrt nur alle zehn Jahre stattfindet. Faszinierend ist der Anlass, weil man weiss, dass er seine Wurzeln im Mittelalter hat und wir Schiffleute schon 1456 dabei waren. Und letztlich geht es auch um die Freundschaft zwischen Zürich und Strassburg. Die Fahrt zwar ist jedes Mal gleich – und doch wieder anders.Wie meinen Sie das?Zum Beispiel wegen des Wasserstandes – manchmal hat es zu viel, dieses Jahr vielleicht eher zu wenig Wasser. Darauf muss man reagieren. Für mich kommt dazu, dass ich jedes Mal andere Rollen hatte: Beim ersten Mal 1986 war ich relativ neu in der Zunft und staunender Mitfahrer. Zehn Jahre später war ich schon «Chef Programm Land» und für die Organisation aller Empfänge zuständig. 2006 hatte ich dann Sonderaufgaben im OK, und 2016 war ich als Zunftmeister dabei. Dieses Jahr darf ich als geniessender Ehrenzunftmeister teilnehmen.Hirsebreifahrt in Zürich, 1996.RDB/Ullstein/GettyWer darf eigentlich mitfahren?Auf den beiden Langschiffen sind die Präsidenten der teilnehmenden Gesellschaften und Ehrenzunftmeister, Ehrenpräsidenten und so weiter. Die restlichen Plätze sind für Teilnehmende aus den Gesellschaften und Sponsoren reserviert.Ist die Nachfrage denn gross?Ja, es wollen immer mehr Leute mitkommen, als wir Plätze haben. Bei grosser Nachfrage entscheiden die Gesellschaften über ihre Plätze, meist nach dem Anciennitätsprinzip.Frauen dürfen nicht mitkommen?Doch, beim Limmat-Club sind dieses Jahr fünf Frauen in der Rudermannschaft. Auch als Schlachtenbummlerinnen, also neugierige Zuschauerinnen, können sie direkt nach Strassburg kommen. Das tun aber nicht sehr viele.Es gibt Sicherheitsbestimmungen für die Schiffsreisenden: Hände drinnen behalten, nicht aufstehen, nicht schwanken . . . Ist schon jemand zu Schaden gekommen?Besonders die Schleusen sind gefährliche Orte – da muss man die Hände bei sich halten, sonst hat man verloren. Mann über Bord habe ich noch nicht erlebt, aber anderes . . .Nämlich?Einem sehr durstigen Mitfahrer wurde einmal eine Bierflasche gefüllt mit Schleusenwasser gereicht. Der hat das nicht gemerkt – und es getrunken. Das ging dann relativ schnell in die Hose, auf den Schiffen gibt es nämlich keine Toiletten . . .Abbrechen oder gar absagen mussten Sie den Anlass noch nie?Nein, nicht in der Neuzeit, also nach 1945. Wir mussten schon gewisse Etappen im Bus machen, weil das Wasser zu hoch beziehungsweise die Strömung zu stark war. Und 1966 ging die Hirsebreifahrt irgendwie vergessen. Sie wurde dann ein Jahr später auf Einladung des Schweizer Generalkonsuls in Strassburg nachgeholt, allerdings in viel kleinerem Rahmen.Hirsebreifahrt 2016: Die damalige Stadtpräsidentin Corine Mauch sowie der heutige Stadtpräsident Raphael Golta (rechts von ihr) waren dabei.Walter Bieri / KeystoneWas war das Verrückteste, was Sie bisher erlebt haben?Bei der letzten Hirsebreifahrt vor zehn Jahren habe ich mit dem damaligen Badener Stadtammann Geri Müller und Corine Mauch in gestreiften Badeanzügen in einem Holzzuber gesessen und ein Städtequiz gemacht – ein besonderes Erlebnis, das zum Glück einmalig blieb.Waffen- und Glaubensbrüder über Jahrhundertenbe. Bereits ein Jahr vor der ersten Hirsebreifahrt 1456 sollen Zürcher und Strassburger ihre Freundschaft bewiesen haben: Als Strassburger Handelsleute vom Grafen Alwig von Sulz (in Südbaden) in Eglisau gefangen gehalten wurden, sollen Zürcher an deren Befreiung beteiligt gewesen sein. Die Sympathien entstanden auch durch die protestantische Prägung der beiden Städte. Strassburg war im 16. Jahrhundert eine Freie Stadt im Römischen Reich Deutscher Nation. 1588 schloss sie mit Bern und Zürich ein Schutz- und Trutzbündnis ab: Man versprach, sich bei Bedrohung zu Hilfe zu eilen. Die Schweizer kamen mehrfach zum Einsatz. 1584 stellte Strassburg ein förmliches Gesuch zum Beitritt zur Eidgenossenschaft. Dieses wurde auf Druck der katholischen Orte verschleppt und von der Tagsatzung «mangels Vollmacht» nie beantwortet. Die Hirsebreifahrt als Zeichen der Verbundenheit fand vor dem Zweiten Weltkrieg mindestens zehn Mal statt; allerdings in unregelmässigen Abständen von zum Teil mehr als hundert Jahren. 1946 stand die Reise der Zürcher ganz im Zeichen der Solidarität mit einer vom Krieg gezeichneten Stadt und deren Bevölkerung sowie der materiellen Unterstützung. Seither wird vor allem die Freundschaft zwischen Zürich und den Gemeinden entlang der Strecke gefeiert. Sie fand etwa auch darin Ausdruck, dass Strassburg 2019 «Gastkanton» am Sechseläuten war.Passend zum Artikel
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