Keine Testgelände, zu träge Beschaffungen: Schweizer Drohnenhersteller kritisieren den BundDie Schweiz verfügt über eine hochmoderne Drohnenindustrie. Doch wenn Firmen dieses Wissen militärisch nutzbar machen wollen, treffen sie auf hohe Hürden. Interne Dokumente zeigen: Es droht ein weiterer Exodus von Arbeitsplätzen und Know-how.15.08.2026, 21.45 Uhr5 LeseminutenMehr davon: Schweizer Hersteller möchten ihre Drohnen gerne intensiver mit der Armee testen.Gian Ehrenzeller / KeystoneIm Mai erreichten die Drohnen das Bundeshaus. Als die Sicherheitspolitische Kommission (SiK) des Ständerats Schweizer Hersteller zur Anhörung empfing, machte bald das Gehäuse einer Abwehrdrohne die Runde. Verteidigungspolitik zum Anfassen: Wie eine kleine Rakete habe das ausgesehen, so erinnert sich ein Sitzungsteilnehmer an diesen denkwürdigen Moment hinter verschlossenen Türen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch die Vertreter der boomenden Branche waren nicht einzig zu Werbezwecken nach Bern gereist. Recherchen zeigen, dass die Industrie grosse Mühe bekundet mit den Rahmenbedingungen, unter denen sie produzieren muss. Und mit der Praxis, wie der Bund die neuartigen Waffen kauft. Jene Tüftler und Firmen also, die von der Politik gerne als Aushängeschilder einer modernen Verteidigung angeführt werden, leiden unter den Vorschriften und Prozessen, welche dieselbe Politik zu verantworten hat.Eines der drängendsten Probleme: Derzeit fehlen Schiessplätze für Kampfdrohnen, wie mehrere der Firmen in der Anhörung vom Mai deutlich machten. Es wäre wichtig, «politisch schnell Rahmenbedingungen zu schaffen für Testgelände, in denen man Tests mit Wirkmitteln durchführen kann», erklärte der Vertreter einer Firma gemäss dem internen Protokoll, das diese Zeitung einsehen konnte. Das würde helfen, die Entwicklung der Drohnen zu beschleunigen.Unter Wirkmitteln versteht man in Sicherheitskreisen zum Beispiel Munition oder Sprengstoff. Ein weiterer Industrievertreter bemerkte, dass zwar geeignete Waffenplätze vorhanden seien, dass aber die Firmen aufgrund des Bedarfs der Armee bei deren Nutzung nicht zum Zuge kämen. Auch sei an manchen Stellen der Verwaltung der Wille nicht gegeben, hier Abhilfe zu schaffen.Im Nachteil sehen sich die Hersteller zudem bei den Beschaffungen des Bundes. Obwohl sich ihre Technologie international bewährt habe, fehle es ausgerechnet in der Schweizer Armee an Drohnen mit genau diesen Komponenten, so die Kritik der Firmen. Im Kern wünscht sich die Branche, dass der Bund schneller bei ihr kauft sowie eine rasche Erprobung durch Schweizer Soldaten ermöglicht. Stattdessen seien die Betriebe aber mit langen Leerläufen konfrontiert, während das Ausland aufrüste, sagte ein Branchenvertreter gegenüber den Sicherheitspolitikern.Auterion dankt – und kritisiertDa schwingen natürlich die wirtschaftlichen Interessen dieser Firmen mit, deren Chefs die Umsätze fest im Blick haben. Aber das Problem geht tiefer und hat durchaus eine sicherheitspolitische Dimension, wenn sich solche Firmen gezwungen sehen, das Land mit ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten im Gepäck zu verlassen, wie ein Hersteller in der Kommission betonte: «Die Technologien entstehen zwar in der Schweiz, die industrielle Wertschöpfung und die Arbeitsplätze vermutlich aber im Ausland.» Nur eine verlässliche Nachfrage in der Schweiz verhindere diese Abwanderung und wahre die technologische Souveränität, ergänzte ein zweiter.Neu wären solche Abwanderungen nicht, wie das Beispiel der Firma Auterion zeigt. Diese wurde 2017 von einem ETH-Absolventen gegründet und ist führend bei der Entwicklung von Drohnen-Betriebssystemen. Mit Beginn des Ukraine-Kriegs stieg die Nachfrage nach einer militärischen Nutzung der Technologie rasant. Nicht zuletzt das restriktive Kriegsmaterialgesetz führte letztlich dazu, dass Auterion seinen Hauptsitz in die USA verlegte.Kampfdrohnen für die Ukraine produziert das Unternehmen inzwischen gemeinsam mit Partnern unter anderem in München. In der Schweiz sind ein Teil der zivilen Entwicklung und eine vergleichsweise kleine Tochtergesellschaft verblieben: Auterion Defense Switzerland. Ein Mitarbeiter dieser Tochterfirma nahm an der Anhörung in Bern teil.Auf Anfrage teilt ein Sprecher von Auterion Defense Switzerland mit, dass man dem Bund dankbar sei für die bisherige Unterstützung. Es seien aber weitere Schritte wie die Einrichtung eines Testgeländes und beschleunigte Verfahren notwendig, «um die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Armee bei der Entwicklung von Drohnensystemen zu stärken, damit die Schweiz mit der Dynamik der sicherheitspolitischen Herausforderungen Schritt halten kann». Andere Firmen, die von der Kommission angehört wurden, reagierten nicht auf Anfragen dieser Zeitung.Es ist durchaus möglich, dass das Stimmvolk das Kriegsmaterialgesetz, das den Export von Rüstungsmaterial stark erschwert, im November etwas lockert. Sicher ist das nicht. Die träge Beschaffungspraxis im Inland und die Engpässe beim Testwesen würden damit ebenfalls nicht gelöst.Links und rechts für einmal einigHier wollen Parlamentarier verschiedener Parteien ansetzen. Mit der Lockerung des Kriegsmaterialgesetzes sei es nicht getan, sagt der SVP-Nationalrat Markus Schnyder. Die Beschaffungen dauerten unverständlich lange. In Bereichen mit hoher Innovation bestehe die Gefahr, dass das Material bereits veraltet sei, wenn es geliefert werde.Die SP-Ständerätin Franziska Roth argumentiert ähnlich: «Die Art, wie der Bund beschafft, ist in diesem konkreten Fall offensichtlich nicht zeitgemäss.» Die Prozesse müssten schneller gehen, damit Schweizer Firmen eine Chance hätten, in Europa und in ihrem Heimmarkt zu bestehen.FDP-Ständerat Josef Dittli warnt vor einem gefährlichen Autonomieverlust. Wenn die Schweiz bei Drohnensystemen oder kritischen Bauteilen zu stark von ausländischen Anbietern abhängig sei, schaffe dies ein Sicherheitsrisiko, so der Urner.Für das Verteidigungsdepartement (VBS) kommt die Kritik zur Unzeit. Verteidigungsminister Martin Pfister scheint fest entschlossen, die Modernisierung der Armee mittels einer milliardenschweren Mehrwertsteuererhöhung zu finanzieren, wie er diese Woche bekräftigt hat. Zweifel an der Beschaffungspraxis kann er da nicht gebrauchen.Die Armee beschaffe bereits heute bestehende und erprobte Systeme, antwortet das Bundesamt für Rüstung, Armasuisse. Bei Beschaffungen seien aber die geltenden rechtlichen Vorgaben zu berücksichtigen, unabhängig davon, ob es sich um einen Schweizer oder einen ausländischen Anbieter handle. «Eine Abwanderung einzelner Unternehmen lässt sich jedoch nicht pauschal auf das Beschaffungswesen des Bundes oder die Rahmenbedingungen für Kriegsmaterialexporte zurückführen.» Weiter arbeite das VBS daran, die Rahmenbedingungen für die Schweizer Rüstungsindustrie zu verbessern.Fragt sich, was sich die Schweizer Firmen nun konkret erhoffen dürfen. Man prüfe landesweit Schiessplätze, um diese auch der Industrie zugänglich zu machen, schreibt Armasuisse, verweist aber zugleich auf das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl). Dass der Bedarf an Testgeländen für die militärische Nutzung zugenommen habe, «wurde erst kürzlich an uns herangetragen», schreibt eben dieses Bazl.«Es ist nicht einfach, in einem komplexen Luftraumsystem und in den beengten geografischen Verhältnissen der Schweiz geeignete Gebiete zu definieren, in denen sowohl am Boden als auch in der Luft niemand gefährdet wird.» Das klingt nicht danach, als ob dieser Engpass so bald behoben würde.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel