Die Drohne ist die Waffe der Stunde. Nun nutzt sie auch die Schweizer ArmeeAm Montag haben Schweizer Soldaten in Glarus erstmals Drohnenangriffe auf Panzer simuliert. Die Armee träumt bereits von einem Schweizer «Drohnen-Ökosystem».19.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie Schweizer Armee experimentiert in diesen Tagen in Glarus mit Drohnen.Gian Ehrenzeller / Keystone«Dort ist ein Panzer. Auf Lima, Six, Zero. Bekämpfen. Einmal eine panzerbrechende Ladung mit 1,5 Kilogramm vorbereiten», sagt der Zugführer. Kurze Zeit später steht er auf einer Anhöhe und streckt die rechte Hand in die Luft, in der er eine Drohne hält. «Bereit!», ruft der Soldat nun, und die kleinen Propeller beginnen zu rotieren. Er öffnet die Hand, und die Maschine fliegt davon wie eine Taube.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Keine Friedenstaube, die Drohne soll Schaden anrichten.In einem gut getarnten Unterstand sitzen versteckt ein Teamleader, ein Techniker, der Co-Pilot und der Pilot der Drohne. Letzterer trägt eine VR-Brille, in der das Live-Bild der Drohne übertragen wird. Der Pilot steuert das Gerät über einen Joystick, die Szene hat etwas Unwirkliches: Es ist, als würde einer mitten im Wald Playstation spielen.Doch die Soldaten befinden sich nicht in der virtuellen Realität. Auch nicht auf einem echten Gefechtsfeld wie in der Ukraine. Sie befinden sich an diesem Montagnachmittag auf dem Schiessplatz Wichlen im Kanton Glarus, geschützt von den hohen Bergen rundherum. Hier trainiert die Schweizer Armee erstmals in ihrer Geschichte Drohnenangriffe mit Panzereinheiten.Zusammenspiel zwischen Drohne und PanzerAuf dem Schiessplatz Wichlen in Elm ist das Panzerbataillon 13 stationiert. Deshalb finden die Tests hier statt.Gian Ehrenzeller / KeystoneEin bisschen wirkt es, als würde man einen Vogel freilassen.Gian Ehrenzeller / KeystoneDer russische Angriffskrieg in der Ukraine hat die Kriegsführung verändert. Drohnen sind billig, flexibel – und deshalb überall. Sie beobachten, überwachen oder zerstören sogar Panzer. Während Russland und die Ukraine sich seit 2022 ein technologisches Wettrüsten liefern, hinken die meisten anderen Armeen in Europa hinterher. So auch die Schweizer Armee. Das will sie nun ändern.Die Übung in Glarus stellt den ersten Feldversuch mit ausgebildeten Drohnenpiloten dar. Die Armee will insbesondere die Dynamik zwischen Drohne und Panzer üben. Wie geht ein Drohnenteam taktisch vor, wenn es einen Panzer angreifen will? Oder als Zusammenspiel: Wie können gemeinsam Angriffe gefahren werden?Die Ausbildung der Piloten hat fünf Wochen gedauert. Bei den Drohnen handelt es sich um sogenannte FPV-Modelle, also «First Person View». Im Gegensatz zu handelsüblichen Drohnen halten diese Geräte ihre Position und Höhe nicht automatisch. Will heissen: Der Pilot muss die Drohne stets mittels feiner Handbewegungen steuern. Würde er den Joystick loslassen, würde die Drohne vom Himmel fallen. Einer der Piloten versichert, es sei deutlich schwieriger als Gamen auf der Playstation und benötige deshalb wochenlanges Training.Training vorerst ohne SprengstoffDie Drohne in Glarus saust und surrt nun mit über 80 Kilometern pro Stunde über den Schiessplatz. Das Ziel: ein Panzer des Panzerbataillons 13, über dem zwei grüne Ballons schweben. Die Drohne lässt den ersten Ballon platzen. Die Piloten funken: «Eingeschränkte Mobilität!» Eine zweite Drohne soll den Panzer jetzt vollends eliminieren beziehungsweise den zweiten Ballon.Wieder klettert der Soldat auf die Anhöhe, streckt die rechte Hand in den Himmel, und die Drohne fliegt los. Eine Minute später hat sie den Panzer erreicht und den zweiten Ballon zum Platzen gebracht.Was hier fast schon spielerisch trainiert wird, bedeutet im Ernstfall Kampf um Leben und Tod. Die Drohnen in der Ukraine fliegen direkt in Panzer hinein und explodieren dort.In Glarus tragen die Fluggeräte eine 1,5 Kilogramm schwere Ladung. Es ist kein richtiger Sprengstoff, sondern nur eine Attrappe. Wo die Truppe künftig mit scharfen Kampfdrohnen üben darf, ist unklar. Die Hürden sind hoch, die heutigen Auflagen restriktiv, sagt Andrea Marrazzo, Leiter Kompetenzzentrum Drohnen und Robotik.Viel Technik ist im Spiel.Gian Ehrenzeller / KeystoneDie Soldaten üben nicht nur das Angreifen mit Drohnen, sondern auch das Aufklären.Gian Ehrenzeller / KeystoneArmee plant «Drohnen-Ökosystem»Für den Divisionär Yves Gächter, Kommandant des Heeres, sollen die Drohnen nicht nur zum Angriff eingesetzt werden. Vergangene Woche sagte er vor den Medien, Drohnen beträfen alle Verbände der Armee: Die Militärflughäfen und Waffensysteme etwa müssten im Ernstfall mit Drohnen und entsprechenden Abwehrsystemen geschützt werden können. In der Logistik böten sich Lastendrohnen an. Drohnen müssten zudem mit anderen Systemen der Armee vernetzt werden können – beispielsweise mit Panzern, so Gächter weiter. Nur so würden Drohnen «einen echten Mehrwert» generieren.Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Zunächst muss die Armee herausfinden, wie sie ihren Soldaten den Umgang mit den Drohnen beibringen will. Reichen Weiterbildungen? Oder sind Technik und Taktik von Drohnen so komplex, dass sie nach einer eigenen Rekrutenschule verlangen?Sicher ist: Die aktuellen Konflikte in der Ukraine oder im Nahen Osten zeigen, wie effektiv Drohnen sein können. Die Schweizer Armee hat zwar keinen direkten Kontakt zum ukrainischen Militär, sagt Gächter. Aber über Partnerländer erhalte man entsprechende Informationen.Eines der Learnings aus Kiew: Wer Drohnen braucht, muss sie selbst bauen können. Zusammen mit der Rüstungsbehörde Armasuisse plant die Armee ein einheimisches «Drohnen-Ökosystem», das im Krisenfall aktiviert werden soll, um die nötige Anzahl der kleinen Fluggeräte in der Schweiz produzieren zu können. «Das Wissen und die Technologie sind heute schon vorhanden», sagt Gächter mit Blick auf inländische Startups und Universitäten. Ob die Industrie mitzieht und die Produktion als «lohnenswert» erachtet, sei allerdings offen. Das Ausland lockt mit deutlich liberaleren Bedingungen.Über zwei Milliarden gegen LuftangriffeDie Armee gibt sich alle Mühe, den Feldversuch mit den Drohnen vor den Medien als Erfolg zu verkaufen. Es gibt einen Postenlauf mit Kriegsszenarien und Panzer, die bildstark auffahren. Die wohl erhoffte Botschaft: Es geht etwas bei der Armee. Die nächsten Feldversuche jedenfalls sind bereits geplant.Ein neues, teilmobiles Drohnenabwehrsystem indes kommt schon im Rahmen des G-7-Gipfels Mitte Juni zum Einsatz. Dieser findet im französischen Kurort Évian statt – direkt am Genfer See. Danach soll es die militärische Infrastruktur in der Heimat vor Drohnenangriffen schützen. Dieser Schritt sei «überfällig», gesteht Gächter vor den Medien. In diesem Bereich habe man «bislang nichts».Abhilfe schaffen soll vor allem die neuste Armeebotschaft. Gächter hofft, dass sie die Armee einen «grossen Schritt vorwärts» bringt. Über zwei Milliarden Franken sind für den Schutz gegen Luftangriffe eingeplant. Darüber wird das Parlament in der kommenden Sommersession beraten.Nicht der Leopard-Panzer soll bei der Übung zerstört werden, sondern ein daran befestigter Ballon.Gian Ehrenzeller / KeystonePassend zum Artikel