Drohnen beunruhigen die Schweiz Martin Pfister besucht die Zürcher Waffenschmiede von RheinmetallÖsterreich erhält noch in diesem Jahr die ersten Drohnenabwehrsysteme aus Oerlikon. Die Schweiz will ebenfalls bald bestellen, um die kritischen Infrastrukturen schützen zu können.06.07.2026, 19.21 Uhr4 LeseminutenZu Besuch bei der Rheinmetall-Tochter in Zürich Oerlikon: Verteidigungsminister Martin Pfister.Claudio Thoma / KeystoneOliver Dürr ist kein Mann der leisen Töne. Das merkt die Journalistenschar aus Österreich und der Schweiz schnell. Der CEO der Air Defence Sparte von Rheinmetall führt sie am Montag durch die Produktionshallen und macht gleich klar: Man habe «als einzige» eine Lösung für das grosse Drohnen-Übel am Himmel über modernen Gefechtsfeldern gefunden. «Eine, die auch noch kostengünstig ist». Fünf Schuss aus dem selbst entwickelten Drohnenabwehrsystem Skynex kosten 4000 Dollar – genug, um eine Drohne, die das das Fünffache kostet, vom Himmel zu holen. Die Munition ist programmiert: Sie zerbirst kurz vor dem Ziel in eine Wolke aus Schrot.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Verteidigungsminister Martin Pfister zeigt sich vor Ort beeindruckt von der Innovationskraft der Tochter-Firma des deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall: Er sei «dankbar» für die moderne Technologie, die Zürich zu einem bedeutenden Rüstungsstandort gemacht habe. Dass die Pressekonferenz nicht in einem sterilen Zimmer in Bern stattfindet, sondern in einer Halle mit einem Drohnenabwehrsystem, ist Programm. Die Welt ist unsicher geworden. Deshalb brauche es auch wieder eine leistungsfähige, heimische Rüstungsindustrie, betont Pfister.Österreich war der erste Kunde für die SerienproduktionDie österreichische Bundesministerin für Landesverteidigung, Klaudia Tanner, die neben ihm steht, nickt. Ihr Besuch in der Fabrik hat einen handfesten Grund: Ihr Land war vor drei Jahren der weltweite Erstkunde für die Serienproduktion in Zürich Oerlikon. 36 der Skynex-Systeme hat Wien bestellt, montiert auf mobilen Radpanzern. Bereits gegen Ende des Jahres werden die ersten geliefert. Vor den Journalisten sagt Tanner, sie sei «sehr stolz». Für das Bundesheer ist es nicht irgendeine Beschaffung, sondern die grösste seit zwei Jahrzehnten.Und die Schweiz? Mit der nächsten Armeebotschaft will Bern 32 Stück bestellen. Doch statt auf Panzer will die Armee die Abwehrsysteme auf Lastwagen einsetzen. Das System soll so flexibel einsetzbar sein und kritische Infrastruktur sichern: Kraftwerke, Flugplätze, Armeelogistikzentren. Der Ständerat hat die Botschaft in der Sommersession verabschiedet, der Nationalrat dürfte im Herbst folgen. Der vorgesehene Kredit für die Rheinmetall-Systeme samt Munition: 800 Millionen Franken.Wenn es keine Extrawünsche gebe, könne er in anderthalb Jahren liefern, sagt Dürr. Er stammt ursprünglich aus der Autobranche, seit fünf Jahren führt er die Geschäfte in Oerlikon. Seitdem Russland die Ukraine angegriffen hat, sei die Drohnenthematik in aller Munde. Entsprechend hoch sei die Nachfrage aus Europa. Fast eine Milliarde Umsatz hat die Air Defence Sparte allein im letzten Jahr gemacht. Vor zwei Jahren stellte man die Produktion komplett um: Aus dem Manufakturbetrieb wurde eine Serienproduktion. Bis zu 400 Systeme will Dürr im Jahr produzieren. In der Schweiz soll die Kapazität bis jährlich 150 Stück möglich sein, in Werken in Italien und Deutschland die restlichen.Auf die Geschichte des Werks ist Dürr stolz. Man habe hier schon Luftabwehr gebaut, als das Geschäft noch nicht «hip» gewesen sei. Es ist eine lange Tradition: 1930 begann die Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon-Bührle mit der Produktion von Flugabwehrkanonen. In den sechziger Jahren folgte die legendäre 35-Millimeter-Zwillingskanone. Diese hat Österreich nun von Rheinmetall modernisieren lassen. Auf dem Geschützt wird kein Soldat mehr sitzen, der Schuss wird von einem Container aus weiter weg ausgelöst. Für die Schweiz ist das aber keine Option, wie Verteidigungsminister Martin Pfister vor den Medien sagte. Man habe das geprüft und verworfen, so Pfister.Die Minister betonten am Montag beide, dass gemeinsame Rüstungskäufe in Europa die Zukunft seien. Als Stichwort nannte Pfister die European Skyshield Initiative. Im Verbund dieser Initiative besorgt sich Bern bereits Systeme für die mittlere Reichweite. Für Pfister steht Europa «erst am Anfang» bei den gemeinsamen Beschaffungen. Der Druck auf dem Markt steigt. Staaten müssten kooperieren, wenn sie Waffen günstiger einkaufen und vor allem schneller geliefert bekommen wollen.Gerade bei der Luftabwehr drängt die Zeit. Aktuell hat die Schweizer Armee lediglich ein teilmobiles Abwehrsystem gegen Minidrohnen. Es kam im Rahmen des G-7-Gipfels Mitte Juni zum Einsatz. Nun soll es die militärische Infrastruktur schützen. Armeechef Benedikt Roos sprach vor gut einer Woche von unbekannten «Drohnen in Formation» an einem Anlass militärischer Miliz-Verbände. Das sei «kein Lausbubenstreich» gewesen, dafür brauche man ein gewisses Fachwissen. Wo sich der Vorfall ereignet hatte, wollte die Armee aus Sicherheitsgründen nicht sagen. Laut Recherchen von Tamedia soll es sich um die Kaserne Jassbach im Emmental gehandelt haben, wo sich ein Ausbildungszentrum der Armee für Cyberabwehr und Funkaufklärung befindet. Wer hinter dem Drohnenüberflug steckt, weiss die Armee nicht. Keine Armeeinfrastruktur hat bislang fixe Detektionssysteme.Radaranlage für 1,5 Millionen FrankenDie Gefahr überhaupt zu sehen, sei die grösste Herausforderung, erklärt Oliver Dürr. Das System von Rheinmetall liefert ein Luftlagebild von bis zu 20 Kilometern Reichweite, um Bedrohungen früh zu erkennen. Doch die Radaranlagen sind teuer: Eine einzige kostet rund 1,5 Millionen Franken. In der Entwicklungshalle steht ein Anschauungsobjekt: Die millionenteure Anlage ist auf die Ladefläche eines einfachen Toyota geschraubt. Für Dürr ist das der Beweis: Worauf die moderne Technik am Ende sitzt, ist völlig egal. Sie muss einfach flexibel einsetzbar sein.Wie man Angriffe aus der Luft überhaupt erkennt, beschäftigt auch Pfister und Tanner. Ihr Plan: Die neutralen Nachbarn wollen künftig mehr Daten austauschen. Bis jetzt tun sie das bloss auf ziviler Ebene. Künftig soll es auch bei klassifizierten, also geheimen Daten möglich sein. Das wäre bei Angriffen aus der Distanz zentral, um überhaupt rechtzeitig reagieren zu können.Passend zum Artikel