Neue Zahlen zeigen: Stromreserven kosten die Schweizer Konsumenten 4 Milliarden FrankenEconomiesuisse unterstützt den milliardenteuren Neubau von Reservekraftwerken und stellt sich hinter Bundesrat Rösti. Doch im Bundeshaus bröckelt die Zustimmung für dessen teure Pläne.15.08.2026, 21.45 Uhr4 LeseminutenMit der grossen Kelle: Dieses Modell (grau hinterlegt) zeigt das neue Reservekraftwerk, das der Bund in Muttenz bauen will.PD«Tack, tack, tack»: Der Lärm ist ohrenbetäubend, und jeder Schlag ist in der Magengrube zu spüren. Ein Bagger mit riesigem Presslufthammer spitzt Betonplatten weg, hinter dem gelben Bauzaun steigt eine Staubwolke auf. Hier, direkt neben dem Bahnhof Birr, stand bis vor kurzem das grösste Reservekraftwerk der Schweiz. Der Bundesrat hat es 2022 mit Notrecht aus dem Boden gestampft. In Betrieb war es nie, gekostet hat es fast eine halbe Milliarde Franken. Jetzt ist das Industriegelände eine Grossbaustelle, und die Turbinen sind bereits abgebaut. «Schon wieder weg», sagt ein älterer Herr, der vorbeispaziert. «Die Schweiz hat offenbar zu viel Geld», meint er kopfschüttelnd.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Notkraftwerk von Birr ist ein teures Trauerspiel. Das Bundesverwaltungsgericht hat den Bau nachträglich für illegal erklärt. Unter anderem deshalb lässt es der Bund nun abreissen. Während in Birr noch die Presslufthämmer lärmen, fordert Energieminister Albert Rösti vom Parlament bereits viel Geld, um vier neue fossil betriebene Notkraftwerke zu bauen. Der SVP-Magistrat plant mit Kosten von 2,3 Milliarden Franken.Schon wieder abgebaut: Das Notkraftwerk von Birr gibt es bereits nicht mehr. Es hat eine halbe Milliarde gekostet – und war nie in Betrieb.Michael Buholzer / KeystoneEin Drittel eines neuen Kernkraftwerks wäre bereits bezahltDoch das sind längst nicht alle Gelder, mit denen der Bund einer Strommangellage vorbeugen will. So müssen die Betreiber von Stauseen im Winter Wasserreserven zurückbehalten und erhalten dafür eine Entschädigung. Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse hat nun en détail berechnet, wie viel das Ganze die Stromverbraucher kostet. Laut dem Verband schlagen die Massnahmen in den kommenden zwanzig Jahren mit 4 Milliarden Franken zu Buche. «Das ist sehr viel Geld und tut richtig weh», sagt Alexander Keberle von Economiesuisse. Die Schweiz habe es versäumt, die Stromproduktion im Winter auszubauen: «Jetzt bezahlen wir den Preis für das Nichtstun.»Laut dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz ist eine Strommangellage eines der wahrscheinlichsten Grossrisiken, das unser Land treffen könnte. Zugleich wären die Kosten mit bis zu 84 Milliarden Franken exorbitant. «Angesichts dieser Beträge sind die Milliarden, die wir in Reservemassnahmen investieren müssen, wohl leider notwendig», sagt Keberle.Weil man die Versorgungssicherheit sträflich vernachlässigt habe, müsse man nun 4 Milliarden Franken für Notmassnahmen ausgeben. «Gleichzeitig streiten wir uns, ob sich Investitionen in ein neues Kernkraftwerk lohnen.» Das sei Verhältnisblödsinn: Mit 4 Milliarden Franken wäre ein neues Kernkraftwerk bereits zu einem guten Drittel finanziert. «Dennoch unterstützen wir die Massnahmen zähneknirschend», betont Keberle.Während die Wirtschaft in die Offensive geht und die Pläne des Bundesrats für neue Reservekraftwerke unterstützt, wächst in Bern der Widerstand. Am Dienstag haben die Kommissionen für Umwelt, Raumplanung und Energie (Urek) Röstis Kreditantrag sistiert und das Geschäft auf Frühling 2027 vertagt.Die Zweifel im Parlament sind gross«Niemand will eine Mangellage riskieren. Aber 2,3 Milliarden Franken für neue Reservekraftwerke sind einfach wahnsinnig viel Geld», sagt der Urek-Präsident Nicolò Paganini. «Wir müssen besser prüfen, ob es nicht allenfalls kostengünstigere Alternativen gibt», so der Mitte-Nationalrat. Die wichtigste und am häufigsten diskutierte Option sind dabei private Notstromgruppen. Es ist seit Jahren umstritten, welchen Beitrag Generatoren von Firmen in einer Krise leisten könnten. «Es stellt sich die Frage, ob es wirklich in diesem Umfang staatliche Reservekraftwerke braucht», so Paganini. Er hat auch Mühe damit, dass in Birr ein funktionierendes Werk abgerissen wird und das Parlament schon wieder Geld für neue sprechen soll.Bereits im Juni hatte sich die nationalrätliche Finanzkommission gegen Röstis Pläne ausgesprochen. Der «NZZ am Sonntag» liegt der interne Mitbericht der Finanzpolitiker vor. Er ist ausgesprochen kritisch ausgefallen. «Dringlichkeit ist umstritten», steht da unterstrichen als erster Punkt. «Kostengünstige Alternativen wurden nicht geprüft», kritisiert die Kommission weiter. Es sei verfrüht, die Gelder zu sprechen, «solange der Bedarf an diesen Kraftwerken nicht überzeugend nachgewiesen ist», so das interne Papier.Im September erscheint zudem ein Bericht der Eidgenössischen Finanzkontrolle. Auch dieser noch vertrauliche Rapport ist laut Recherchen kritisch ausgefallen. Die Finanzkontrolleure haben mehrere Fragezeichen und sehen ebenfalls Sparpotenzial.Die SP-Finanzpolitikerin Ursula Zybach kennt das Dossier sehr gut. «Wir dürfen nicht noch einmal so teure Anlagen wie in Birr bauen, die dann niemals laufen werden.» Die Bevölkerung und die Wirtschaft würden mit höheren Strompreisen belastet. «Die Konsumentinnen und die Wirtschaft müssen diese überdimensionierten Notkraftwerke über die Stromrechnung finanzieren.» Auch SP-Nationalrätin Zybach verweist auf die Möglichkeit, vorhandene Notstromgruppen stärker einzubinden.Für Albert Rösti geht es um viel. Er ist angetreten, die Versorgungssicherheit des Landes zu verbessern. Seine Sprecherin Franziska Ingold sagt, das Bundesamt für Energie und die Elektrizitätsmarktaufsicht hätten klar aufgezeigt, warum Reservekraftwerke nötig seien. «Es braucht in Krisensituationen eine sichere Stromversorgung, die dauerleistungsfähig ist.» Notstromgruppen stünden hingegen oft nur wenige Stunden zur Verfügung. Für den Bundesrat sei zentral, dass eine versorgungskritische Lage in jedem Fall verhindert werde. «Wer diesen Reservekraftwerken nicht zustimmt, nimmt automatisch ein grösseres Risiko für die Bevölkerung und die Wirtschaft in Kauf.»In Birr fährt ein mit Bauschutt beladener Lastwagen vom Gelände. Wo früher die riesigen Gasturbinen standen, ragen nun Baukräne und rostige Eisenstäbe in den Himmel. Bagger tragen die letzten Reste der temporären Anlage ab. Auch Alexander Keberle von Economiesuisse ist überzeugt, dass es «leider» nicht ohne neue Reservekraftwerke gehe. Langfristig sei das aber nicht wirklich die Lösung. Die Schweiz benötige ein Stromabkommen mit der EU – und noch wichtiger: «Wir müssen endlich auch im Winter genügend Strom produzieren.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel