EWZ-Chef warnt vor einem Scheitern des Stromabkommens: «Das wird extrem teuer – die Rechnung berappen die Kunden»Während die Schweiz über neue AKW diskutiert, drängt Benedikt Loepfe auf ein Stromabkommen mit der EU. Neue Kernkraftwerke kämen zu spät, sagt er. Entscheidend sei, dass die Schweiz im europäischen Strommarkt eingebunden bleibe.22.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDer EWZ-Chef Benedikt Loepfe: «Ohne Abkommen mit der EU wird der Strom zwar durch die Schweiz fliessen, aber ungeplant.»Karin Hofer / NZZOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Herr Loepfe, während wir hier sitzen, ist das Parlament gerade daran, das Neubauverbot für Kernkraftwerke aufzuheben. Was löst das bei Ihnen aus?Der Beschluss ist für mich nicht matchentscheidend. Denn der Bau eines AKW dauert im allerbesten Fall dreissig Jahre. Wir müssen aber vorher unsere Probleme mit der Stromversorgung lösen. Wichtiger ist deshalb, den Ausbau der Erneuerbaren voranzutreiben. Das muss Vorrang haben.Die AKW-Debatte ist aus Ihrer Sicht eine Scheindebatte?Ja. Neue Kernkraftwerke helfen uns kurz- und mittelfristig nicht, das Ziel einer sicheren und klimaneutralen Energieversorgung bis 2050 zu erreichen. Wir verlieren damit nur Zeit. Für uns liegt der Fokus darauf, die Energiestrategie umzusetzen, an der wir derzeit arbeiten.Energieminister Albert Rösti sagt: Wir müssen uns die Option Kernkraft offenhalten für den Fall, dass der Ausbau der Erneuerbaren nicht rasch genug vorankommt. Danach sieht es derzeit doch aus.Wenn der Ausbau der Erneuerbaren nicht rasch genug erfolgt, werden wir viel früher andere Stromquellen benötigen, als dass ein neues AKW gebaut ist. Konkret heisst das: Wenn wir uns jetzt nicht zusammenreissen, müssen wir im schlimmsten Fall Gaskraftwerke bauen.Die Stadt Zürich ist am Kernkraftwerk Gösgen mit 15 Prozent beteiligt. Wäre Ihr Unternehmen in irgendeinem Szenario bereit, sich am Bau eines neuen Kernkraftwerks zu beteiligen – oder ist das ausgeschlossen?Wir haben den Auftrag, uns von Gösgen bis spätestens 2034 zu lösen – und wir werden auch keine neuen Beteiligungen eingehen.Erweist sich Verkauf der Beteiligung als schwierig?Ja. Ein Grund ist die Haftung: Wer neu in eine solche Beteiligung einsteigt, übernimmt ein erhebliches Risiko. Das dürfte kaum jemand tun, der dieses Risiko nicht bereits trägt. Zudem müssen die anderen Aktionäre einem Verkauf zustimmen. Hinzu kommt die Unsicherheit über die Restlaufzeit der AKW und über die Entwicklung der Strompreise. Deshalb ist es sehr schwierig, den Wert der Beteiligung verlässlich zu bestimmen und einen Käufer zu finden.Weil in diesem Winter das Kernkraftwerk Gösgen ausfiel, musste die Schweiz grosse Mengen an Strom importieren. Zeigt das nicht, wie abhängig die Schweiz nach wie vor von der Kernkraft ist?Es zeigt vor allem, dass für eine sichere Versorgung ein Stromaustausch mit dem Ausland wichtig ist. Es ist nicht sinnvoll, dass die Schweiz auf eine vollständige Autarkie hinarbeitet. Aber wir sollten wieder stärker selbstbestimmt unsere Stromversorgung planen. Dafür haben wir mit Wind, Sonne und Wasser gute Voraussetzungen. Da wir aber ohnehin im Winter auf Importe angewiesen sind, sollten wir umso entschiedener ein Stromabkommen mit der Europäischen Union anstreben.«Es geht sehr, sehr langsam voran»: der EWZ-Chef Loepfe über den Ausbau von Wind- und Wasserkraft.Karin Hofer / NZZOb ein Stromabkommen mehrheitsfähig ist, scheint unsicherer denn je, im Parlament ebenso wie im Volk.Wenn die Schweiz nicht dabei ist, entwickeln sich die EU und der Strommarkt um uns herum weiter – ohne uns. Je länger das dauert, desto grösser wird das Risiko einer instabilen und teuren Stromversorgung. Ein Beispiel sind die Grenzkapazitäten: In der EU werden künftig 70 Prozent dieser Kapazitäten für den Handel innerhalb Europas reserviert. Damit wächst die Gefahr, dass wir ohne Abkommen den Strom, den wir im Winter brauchen, irgendwann nicht mehr im nötigen Umfang importieren können.Die Gegner des Stromabkommens halten das für Angstmache. Sie sagen: Der Strom werde auch so durch die Schweiz fliessen.Wenn wir nicht Teil dieses Systems sind, werden unsere Netze nicht in den Simulationen der Netzbetreiber der EU-Länder berücksichtigt. Der Strom wird zwar durch die Schweiz fliessen, aber ungeplant, was die Kapazität weiter reduzieren wird und die Stabilität gefährdet. Das macht die Versorgung mit Strom unsicherer und auch teurer.Ohne Abkommen drohen höhere Strompreise?Davon gehe ich aus. Nehmen wir den Ausfall von Gösgen: Hätte die Schweiz diesen allein stemmen müssen, wären die Preise hierzulande stark gestiegen. Weil wir aber ins europäische Stromsystem eingebunden sind, liess sich die Situation abfedern – für die Kunden am Ende fast ohne spürbare Preisfolgen.Wie stark werden die Preise denn steigen?Da gibt es unterschiedliche Szenarien. Klar ist aber: Je grösser ein System ist, desto besser und günstiger kann man Unregelmässigkeiten ausgleichen. Sind wir nicht mehr Teil des europäischen Systems, müssen wir die Unregelmässigkeiten selber ausgleichen und vermehrt Reservekraftwerke bauen als Absicherung für Ausfälle. Doch das kommt extrem teuer. Die Rechnung dafür berappen die Stromkunden.Der Bundesrat will 2,3 Milliarden Franken für solche Reservekraftwerke bereitstellen. Brauchte es diese nicht, wenn die Schweiz ein Stromabkommen hat?Ich sage nicht, dass es dann keine solchen Kraftwerke mehr braucht. Aber es wären weniger, und sie kämen zweifellos weniger häufig zum Einsatz. Mit einem Stromabkommen könnten wir zuerst auf Strom aus Europa zurückgreifen, bevor wir diese sehr teuren Anlagen hochfahren müssten. Man kann darüber streiten, wie viel uns eine solche Versicherung wert sein soll. Ich finde, volkswirtschaftlich ist es sinnvoll, dass die Schweiz eine Absicherung hat, aber das ist mit dem Stromabkommen günstiger zu haben.Voraussetzung für ein EU-Abkommen ist, dass die Schweiz den Strommarkt öffnet. Was sagen Sie einem Stromkunden, der Angst hat, am Ende höhere Preise zu bezahlen?Beim EWZ versorgen wir unsere Kunden aus eigenen Kraftwerken zu den Gestehungskosten, deshalb sind die Preise sehr konstant. Aber schweizweit ist die Mehrheit der grundversorgten Kunden indirekt schon heute dem Markt ausgesetzt, weil ihre Versorger den Strom zu Marktpreisen einkaufen müssen. Nach der Energiekrise vor drei Jahren stiegen für sie die Preise deshalb stark an, wenn auch mit etwas Verzögerung. Für die meisten Stromkunden dürfte sich deshalb wenig ändern – ausser dass sie künftig wechseln könnten, wenn sie mit ihrem Anbieter unzufrieden sind oder sein Strom zu teuer ist.Die Gewerkschaften behaupten, dass die Grundversorgung, so wie wir sie heute kennen, mit der Liberalisierung zerschlagen würde. Was entgegnen Sie?Es wird tatsächlich gewisse Änderungen geben. Heute finanziert die Grundversorgung zusätzliche Aufgaben mit – etwa den Zubau von Solaranlagen oder anderen erneuerbaren Stromquellen, was ich aus Kundensicht nicht für nachvollziehbar halte. Dafür müssten neue Fördermechanismen geschaffen werden. Entscheidend ist aber: Auch die heutige Grundversorgung schützt nicht vor starken Preisausschlägen.Wollen Sie bei einer Marktöffnung auch Kunden ausserhalb der Stadt Zürich gewinnen?Wir versorgen die grösste Stadt der Schweiz. Ich gehe davon aus, dass der Wettbewerb in Zürich besonders schnell einsetzen wird. Wir würden daher erst einmal den Fokus darauf richten, unseren bisherigen Kunden weiterhin einen möglichst guten Service zu bieten. Für uns ist wichtig, Produktion und Verbrauch in der Balance zu halten. Anders gesagt: Wir möchten ungefähr so viele Kunden haben, wie wir mit unserem eigenen Strom versorgen können.Können Sie als Betreiber mehrerer Wasserkraftwerke die Befürchtung der Bergkantone nachvollziehen, dass diese mit einem Abkommen die Kontrolle über ihre Stauseen an europäische Grosskonzerne verlieren könnten?Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nie. Allerdings sehe ich keinerlei Anzeichen dafür, dass die Kantone ihre Souveränität über die Wasserkraft verlieren könnten. Auch andere europäische Staaten haben bei der Energieerzeugung dieselben Interessen wie die Schweiz und wollen, dass diese geschützt bleibt. Umso schwerer ist es vorstellbar, dass die Kraftwerke in fremde Hände geraten könnten.Das EWZ möchte den Staudamm des Marmorerasees erhöhen – das Projekt ist eines der sechzehn Wasserkraftprojekte, die im Stromgesetz verankert wurden. Geht es mittlerweile vorwärts?Nein. Obwohl das Vorprojekt abgeschlossen ist, können wir keinen Investitionsentscheid fällen, solange nicht geklärt ist, wer das Kraftwerk nach dem Auslaufen der Konzession im Jahr 2035 betreiben wird. Die Verhandlungen mit der Standortgemeinde und dem Kanton Graubünden dazu dauern weiterhin an. Hinzu kommt: Wird die Staumauer erhöht, muss ein Abschnitt der Nationalstrasse weiter nach oben verlegt werden. Auch dafür braucht es Klarheit, unter welchen Voraussetzungen das Ausbauprojekt erfolgen soll.Harzt es auch bei den Windkraftprojekten, die das EWZ in der Schweiz plant?Ja, leider. Bei den beiden Windparks, die wir in der Westschweiz planen, stehen wir jetzt im siebzehnten Jahr. Wir erwarten aber, in den nächsten ein bis zwei Jahren die Baubewilligung für einen Windpark zu erhalten. In Zürich haben wir mit Zürich Wind erste Windmessanlagen aufgestellt. Doch noch spüren wir wenig Unterstützung für unsere Projekte in der Bevölkerung. Es geht also sehr, sehr langsam voran.Bringt denn die Beschleunigung der Verfahren nichts, die das Parlament beschlossen hat?Bis jetzt nehmen wir davon noch nichts wahr. Vielleicht braucht es noch einige Zeit, bis die neuen Prozesse greifen.Probleme überall also. Sehen Sie eigentlich irgendwo auch eine positive Entwicklung beim Strom?Natürlich, es passiert sehr viel Gutes. Die Einbindung der neuen erneuerbaren Energien funktioniert immer besser. Es entstehen interessante neue Produkte – etwa Modelle, bei denen Kunden entschädigt werden, wenn sie bei einem Stromüberangebot ihre Solaranlagen abregeln. Auch werden nach und nach dynamische Tarife eingeführt, was das Netz entlastet. Das zeigt: Eine vollständig erneuerbare Stromversorgung ist möglich, wenn wir intelligent vorgehen – und den Ausbau entschlossen genug angehen.
EWZ-Chef warnt vor Scheitern des Stromabkommens: «Das wird extrem teuer – die Rechnung berappen die Kunden»
Während die Schweiz über neue AKW diskutiert, drängt Benedikt Loepfe auf ein Stromabkommen mit der EU. Neue Kernkraftwerke kämen zu spät, sagt er. Entscheidend sei, dass die Schweiz im europäischen Strommarkt eingebunden bleibe.






