KommentarGösgen und Leibstadt könnten der Schweiz noch jahrzehntelang verlässlichen Winterstrom liefern. Doch der Langzeitbetrieb wird nur gelingen, wenn die Politik rasch verlässliche Rahmenbedingungen schafft.16.05.2026, 05.29 Uhr3 LeseminutenKann auch 80 Jahre in Betrieb bleiben, wenn es nachgerüstet wird: Das Kernkraftwerk Gösgen.Bruno Kissling / CH MediaAnders als Deutschland hat die Schweiz im Nachgang zur Reaktorkatastrophe von Fukushima nicht den Fehler begangen, überstürzt aus der Kernenergie auszusteigen. Das Stimmvolk beschloss 2017 zwar, dass keine neuen Kernkraftwerke mehr gebaut werden dürfen. Die bestehenden Anlagen dürfen jedoch weiterlaufen, solange sie sicher sind.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Kernkraftwerk Mühleberg wurde Ende 2019 trotzdem aus wirtschaftlichen Gründen stillgelegt – diese gesicherte Produktion fehlte dann in der Energiekrise nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine schmerzlich. Die beiden dienstältesten Reaktoren in Beznau werden in sieben Jahren endgültig ausser Betrieb genommen.Es bleiben Gösgen und Leibstadt. Bei ihnen hielt man bisher eine Laufzeit von sechzig Jahren für realistisch. Nun jedoch hält der Bundesrat in einem Bericht fest, dass die Kernkraftwerke achtzig Jahre lang in Betrieb bleiben können. Die Reaktoren würden damit bis um das Jahr 2060 Strom liefern. Dafür allerdings sind insgesamt Nachrüstungen in der Höhe von etwa 2 Milliarden Franken nötig.Der Schweiz bietet sich damit die Chance, die drohenden Versorgungsprobleme pragmatisch zu entschärfen. Mit dem Ausstieg aus den fossilen Energien und der Elektrifizierung von Verkehr und Wärme steigt der Strombedarf von heute rund 60 auf bis zu 90 Terawattstunden im Jahr 2050. Hinzu kommt der wachsende Bedarf an Rechenzentren, der durch die Verbreitung von KI-Anwendungen weiter zunehmen dürfte. Bleiben Gösgen und Leibstadt länger in Betrieb, stehen für lange Zeit grosse Mengen an günstigem Winterstrom zur Verfügung.Zugleich gewinnt die Schweiz wertvolle Zeit beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Sowohl beim alpinen Solarstrom als auch bei der Wind- und Wasserkraft geht es nicht schnell genug vorwärts. Schafft die Politik die Grundlage für den Weiterbetrieb der beiden Kernkraftwerke, verringert sie das Risiko, im Winter in eine Versorgungslücke zu geraten. Der Ausfall von Gösgen in den vergangenen Monaten hat aufgezeigt, wie stark die Schweiz im Winter von Importen abhängig ist, wenn kein Atomstrom fliesst.AKW-Gegner aus dem grünen Lager wenden ein, dass die Verlängerung der Laufzeiten auf Kosten der Sicherheit gehe und der Bundesrat die Schweizer Bevölkerung zu «Versuchskaninchen» in einem «hochriskanten Experiment» mache. Die Laufzeiten der AKW zu verlängern, sei so, als würde man einen Oldtimer mit 200 Kilometern pro Stunde auf eine Autobahn schicken, meinte etwa die Grünen-Chefin Lisa Mazzone. Das Schüren solcher Ängste ist überzogen und ideologisch motiviert. Nach Fukushima wurden die Sicherheitsanforderungen für Kernkraftwerke stark erhöht. Gehen Leibstadt und Gösgen in den Langzeitbetrieb, müssen sie strenge Sicherheitsnachweise erbringen und entsprechende technische Nachrüstungen vornehmen.Noch steht die politische Debatte über den Langzeitbetrieb erst am Anfang. Der Bundesrat ist der Ansicht, dass es keine staatliche Hilfe dafür brauche. Trotz Investitionen in Milliardenhöhe sei ein rentabler Betrieb der Anlagen möglich. Das jedoch dürften die AKW-Betreiber Alpiq und Axpo sowie deren Eigentümer – die Kantone – anders sehen: Sie werden nur dann Milliarden in die Nachrüstungen investieren, wenn der Bund zumindest einen Teil der finanziellen Risiken für den Langzeitbetrieb absichert. Doch ob staatliche Hilfen oder Garantien für die bestehenden Kernkraftwerke opportun sind, ist bis weit ins bürgerliche Lager hinein umstritten.Viel Zeit für diesen Grundsatzentscheid bleibt nicht: Investitionen in einen Langzeitbetrieb müssen mindestens zehn Jahre vor dem ursprünglich geplanten Betriebsende vorbereitet werden. Will die Politik weiter auf Kernkraft setzen, muss sie im Falle von Gösgen dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen für eine finanzielle Unterstützung des Langzeitbetriebs schon innert der nächsten drei Jahre stehen. Gelingt es nicht, einen Kompromiss zu finden, werden die Betreiber beginnen, die Stilllegung zu planen.Passend zum Artikel