Der Bundesrat will 2,3 Milliarden Franken für Kraftwerke bezahlen, die im Idealfall gar nie laufenEine Stromknappheit könnte die Schweiz laut dem Bund noch viel mehr kosten als die neuen Anlagen. Diese sollen wie eine Versicherung funktionieren, sind aber bereits umstritten.12.06.2026, 17.54 Uhr3 LeseminutenDerzeit befindet sich das Reservekraftwerk Birr im Rückbau. Nun sollen neue entstehen.Michael Buholzer / KeystoneEs geht um extrem viel Geld. Wie viel genau, ist allerdings noch unklar. Damit der Schweiz auch in einer Mangellage oder bei grossflächigen Stromunterbrüchen die Energie nicht ausgeht, will der Bundesrat vier neue Reservekraftwerke bauen, was 2,3 Milliarden Franken kosten dürfte. Weitere Gelder wären nötig, wenn es tatsächlich zu einer Stromknappheit kommen und die Kraftwerke produzieren würden. Wie viel genau, kann niemand sagen. Bestenfalls laufen die Anlagen nämlich gar nie und verursachen dadurch auch weniger Kosten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Kraftwerke sollen ab 2030 bis 2045 zur Verfügung stehen. Das geht aus der Botschaft an das Parlament hervor, die der Bundesrat am Freitag verabschiedet hat. Der Bundesrat schreibt, die Risiken für die Energieversorgung der Schweiz hätten in den vergangenen Jahren zugenommen, die geopolitische Lage sei angespannt.Der Bundesrat begründet diese Investitionen mit Risikoanalysen des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz. Das Bundesamt rechnete im vergangenen Jahr aus, welche wirtschaftlichen Schäden eine Mangellage in der Schweiz auslösen könnte. Bei einer Stromunterversorgung von 30 Prozent im Winter rechnet es mit Schäden von 84 Milliarden Franken.Die Reservekraftwerke sind also eine – je nach Versorgungslage kostspielige – Versicherung gegen diese Schäden. Erste Rückmeldungen aus dem Parlament und die Vorgeschichte dieses Entscheids zeigen zudem: Die Versicherung ist nicht bloss kostspielig, sondern auch umstritten.Ein Reservekraftwerk wird wieder abgerissenDer russische Überfall auf die Ukraine verdeutlichte, wie eng die Verflechtungen auf dem internationalen Energiemarkt sind. Auch die Schweizer Politik diskutierte deshalb über die Gefahr einer Stromknappheit. Der Bundesrat erliess darauf eine Verordnung über den Betrieb von Reservekraftwerken. Das Umweltdepartement (Uvek) – damals unter der Leitung von Bundesrätin Simonetta Sommaruga – erteilte daraufhin eine Betriebsbewilligung für das inzwischen berühmte Reservekraftwerk Birr. Das Bundesverwaltungsgericht urteilte später, dass diese Bewilligung illegal war.Der amtierende Energieminister Albert Rösti verteidigte das Vorgehen später und erklärte, man habe damals eine Mangellage nicht ausschliessen können. Der Bau des Kraftwerks war eine Notlösung und für einen begrenzten Zeitraum gedacht. Das Kraftwerk kostete den Bund 470 Millionen Franken, gelaufen ist es allerdings nur zu Testzwecken, da es bekanntlich zu keiner Stromknappheit kam. Inzwischen wird die Anlage zurückgebaut.Da die Gefahr einer Mangellage aber weiterhin besteht, muss der Bundesrat andere Lösungen vorschlagen. Bis 2030 werden Anlagen in Birr – dabei handelt es sich nicht um das umstrittene Notkraftwerk –, Bern, Cornaux und Monthey betrieben.Die Anlage in Monthey wird bis 2030 aufgerüstet, weitere Reservekraftwerke sollen in Stein, Eiken-Sisslerfeld und in Muttenz entstehen. Die entsprechende Reserve hat der Bundesrat bereits vor zwei Jahren ausgeschrieben, doch der Rücklauf war bescheiden, und die Offerten waren höher als erwartet. Das Bundesamt für Energie von Albert Rösti sah sich gezwungen, die Ausschreibung derweil abzubrechen, wie die «NZZ am Sonntag» berichtete.Wie der Bundesrat schreibt, sollen die Ausgaben «haushaltsneutral» erfolgen. Das heisst, bezahlen werden die Stromkonsumenten. Allerdings verteilt über 17 Jahre. Ein durchschnittlicher Haushalt dürfte dementsprechend 10 Franken pro Jahr mehr bezahlen.Wie bereits nach der Ausschreibung gibt es auch jetzt wieder Kritik an den Plänen des Bundesrates. WWF Schweiz schreibt in einer Mitteilung, der Bundesrat setze für diese «Luxuskraftwerke» mehrere Milliarden «in den Sand». Statt neuer Anlagen würden die bestehenden Reserven sowie die neue Verbrauchsreserve ausreichen. Letztere bedeutet, dass Unternehmen aus der energieintensiven Industrie bei Stromknappheit ihren Verbrauch einschränken.Der sozialdemokratische Energiepolitiker Jon Pult teilt diese Analyse. «Die Verbrauchsreserve wird massiv unterschätzt.» Für die energieintensive Industrie könne es attraktiv sein, bei einer Mangellage die eigene Produktion und damit auch den Verbrauch herunterzufahren. Einerseits spare man Geld, andererseits werde man als Teil der Reserve entschädigt.Christian Imark, Solothurner SVP-Nationalrat bezweifelt, dass die Alternativen zu den geplanten Reservekraftwerken funktionieren. Überhaupt seien diese Kraftwerke nur nötig, weil die Schweiz nicht mehr auf Kernenegie und Wasserkraft sondern immer stärker auf fluktuierende Quellen setze und deren Produktion eben stark schwanke. «Die linke Energiepolitik verursacht Gaskraftwerke.»Voraussichtlich wird das Parlament schon im Herbst über die Pläne des Bundesrates diskutieren. Erste Einschätzungen von links und rechts versprechen eine hitzige Auseinandersetzung.Passend zum Artikel