Als Schlussläuferin Gina Lückenkemper am Samstagmittag im Vorlauf der 4×100-Meter-Staffel losspurtete in Richtung Ziel, da hatte sie ein Problem: Sie hatte keinen Staffelstab in der Hand. Die 29-Jährige machte den Mund auf, er formte ein nicht ganz jugendfreies Wort, das für jeden Hobbylippenleser auch aus der Ferne recht leicht zu identifizieren war. Dann trudelte sie aus – und tröstete erst mal ihre Teamkollegin Sophia Junk. Der wurde langsam bewusst, dass die Deutschen, als Europameisterinnen von 2022 sowie als Bronzegewinnerinnen bei der jüngsten WM in Tokio und bei den Sommerspielen in Paris angereist, raus waren.Junk hatte wie zuvor Startläuferin Jolina Ernst und Rebecca Haase ein beherztes Rennen absolviert, die 27-Jährige gilt als hervorragende Kurvenläuferin. „Sophie ist immer eine absolute Bank in den Wechseln. Das Holz kommt, und es kommt absolut sicher“, sagte Lückenkemper später im ZDF.Doch am Samstagnachmittag bei den Europameisterschaften in Birmingham, als Lückenkemper loslief, die linke Hand nach hinten streckte, da kam und kam dieses Holz einfach nicht. Lückenkemper selbst kann diese EM also auch unter der Überschrift „Schnell vergessen“ abhaken, im Einzel über 100 Meter war sie Anfang der Woche bereits im Vorlauf ausgeschieden.Im entscheidenden Moment zieht ein Schmerz durch den Oberschenkel von Sophia JunkDer Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) stellt auf seinem Portal Trainingsmaterial für Schule und Vereine zur Verfügung, in der Staffelkarte für die U12 heißt es: „Der Wechsel des Staffelstabes sollte von hinten und bei möglichst hoher Laufgeschwindigkeit erfolgen. Der Stab-Übernehmende sollte nach erfolgtem Ablauf nach Möglichkeit nicht nach hinten schauen. Stattdessen soll der Stab-Übergebende den Wechsel im richtigen Moment per Zuruf (z.b. „Hepp“) ankündigen.“Dieses A und O der Staffel ist seit Jahren eine große Stärke der deutschen Sprinterinnen, so schlugen sie oft auch Staffeln, deren Sprinterinnen stärkere Einzelleistungen mitbrachten. Und auch am Samstag hatte es zunächst prächtig funktioniert, wie Sophia Junk später schilderte. „Ich habe gemerkt, dass wir gut im Feld liegen, bin sehr selbstbewusst in den Wechselraum gegangen. Dann hab' ich „Hepp“ gerufen – und in dem Moment, als ich Gina das Staffelholz übergeben wollte, hat es mir links in den Oberschenkel gezogen.“ Man sieht auf den TV-Bildern tatsächlich, wie Junks Gesicht sich Millisekunden vor der Übergabe vor Schmerz verzerrte. „Dann habe ich automatisch einen Sprung nach rechts gemacht, dadurch konnte ich nicht mehr druckvoll das Staffelholz übergeben“, sagte Junk. „Und dann war es leider schon zu spät.“Freud und Leid dicht beieinander: Nicht nur Gina Lückenkemper (3.v.l.) und Sophia Junk (4.v.l.) patzen beim letzten Wechsel, auch die griechische Staffel (links) scheidet aus. Die Schweizerinnen (rechts) rauschen dem Sieg im Vorlauf entgegen. Sven Hoppe/dpaDurch den kleinen Sprung nach rechts hatte Junk die Linie verloren, außerdem durch den Schmerz das Höchsttempo – der Staffelstab streifte so nur noch Lückenkempers kleinen Finger der nach hinten gestreckten, linken Hand. Es ist eine Zentimeterarbeit, den Stab aus voller Geschwindigkeit in die Hand des folgenden Läufers zu legen, immer wieder passieren dort in der Wechselzone kleine und große Dramen, eine Verletzung als Auslöser ist umso schlimmer.Der US-Sprint-Staffel der Frauen, einer der Favoriten bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio, war der Stab etwa bei der Übergabe zur Schlussläuferin auf den Boden geplumpst; die deutsche Sprintstaffel der Männer (die sich in Birmingham souverän für das Finale am Samstagabend qualifizierte) hatte bei den Weltmeisterschaften 2023 und 2022 sowie der Heim-EM 2022 ebenfalls Wechsel verpatzt – nur zwei von vielen Beispielen.Dabei lag es bei Junk nicht einmal am fehlenden technischen Geschick oder schlicht an Schusseligkeit. Sondern eben an einem plötzlichen Schmerz, der ins Bein gefahren war und sie von ihrer Linie abbrachte. Sie war danach natürlich trotzdem untröstlich, ihre drei Kolleginnen nahmen sie in den Arm, stützten sie auch später vor den Kameras. „Es war das Motto des Vormittags, wir bringen das Ding einmal rum und heute Abend geht’s dann ab“, sagte Haase: „Egal wie, wir stehen zusammen auf der Bahn und es ist immer wichtiger, dass wir als Team agieren, egal ob wir gewinnen oder verlieren. So bleibt das auch heute.“ Und Lückenkemper fand: „Jetzt gucken wir erst mal, dass wir Sophia wieder auf die Beine kriegen.“ Ein immerhin tröstliches Fazit: So war Junk nicht ganz alleine in ihrem Schmerz.