Gina Lückenkempers Tränen waren schon ein paar Minuten getrocknet, die Augen aber noch rot, als sie sich den Weg durch den langen Gang des riesigen Zeltes bahnte, in dem sich in Birmingham Reporter und die Athleten nach deren Auftritten begegnen. Sie beglückwünschte Kolleginnen, für die es besser gelaufen war als für sie selbst im Halbfinale über 100 Meter. Und Lückenkemper lächelte wieder – obwohl sie gerade klar ausgeschieden war mit einer für sie eher indiskutablen Zeit von 11,28 Sekunden und Platz 15 bei den Europameisterschaften. Für eine Frau, die 2022 bei der Heim-EM in München Einzel- und Staffelgold gewonnen hatte, ist das eine Ernüchterung.Den EM-Titel bejubelte später die Britin Amy Hunt, die in ihrem Heimrennen 11,00 Sekunden lief, vor Ewa Swoboda aus Polen (11,02) und der Belgierin Delphine Nkansa (11,06). Zu diesem Trio fehlten Lückenkemper diesmal keine Zentimeter, sondern Meter.Leichtathletik-EM:Mabry besingt die nächste MedailleNach Gold bei Olympia in Paris gewinnt die Kugelstoßerin Yemisi Mabry Bronze bei der EM in Birmingham. Über eine besondere Athletin, die ihr Umfeld auch mit ihrem Gesang mitreißen kann.Doch bereits am ARD-Mikrofon, als ihr die Tränen die Wangen hinuntergelaufen waren, hatte sie betont: „Das sind eher Tränen des Glücks und der Dankbarkeit gerade. Es geht so schnell auf und ab – hier auf der Bahn zu stehen, war dieses Jahr alles andere als selbstverständlich.“ Später, bei weiteren Fragen im Zelt, nannte sie noch mal den Grund für dieses Auf und Ab. „Ich habe nach den deutschen Meisterschaften keinen Hehl aus der Situation mit der Zecke gemacht, die mich nun doch ein ganz kleines bisschen mehr begleitet hat. Die Beule am Hinterkopf ist immer noch nicht weg, es ist schon sechs Wochen her. Es ist der absolute Wahnsinn.“„Diese scheiß Zecke hat echt ein paar Mal das Nervensystem gebissen“Vor dem Diamond League Meeting in Paris Ende Juni war Lückenkemper von einer Zecke in den Hinterkopf gebissen worden. Bei den deutschen Meisterschaften in Bochum landete sie Ende Juli nur auf Rang drei, danach wollte sie das Thema loswerden, das sie permanent mental und körperlich belastete. „Diese scheiß Zecke hat echt ein paar Mal das Nervensystem gebissen“, sagte Lückenkemper im Wattenscheider Lohrheidestadion: „Ich hatte unglaublich viel Trainingsausfall, musste Antibiotika nehmen. Die letzten vier Wochen waren deshalb eine absolute Achterbahnfahrt, weil ich überhaupt nicht wusste, was noch möglich ist.“ Eine Sommergrippe sei auch dazugekommen, „der Körper konnte sich einfach nicht mehr erholen“. Bis Birmingham nicht.Dort gelang ihr dann zumindest der Start ziemlich gut für ihre Verhältnisse. Doch im ersten Drittel des Rennens fiel sie schon aussichtslos zurück, was völlig untypisch für sie ist. Auch dafür war Lückenkemper zufolge die Zecke zumindest indirekt mitverantwortlich: „Grade das Gleichgewichtssystem hat bei mir einen krassen Treffer dadurch erlitten und ich bin in der Beschleunigung so ein bisschen orientierungslos gewesen und habe mich ein bisschen lost gefühlt.“ Weil sie schon im Startblock aus der Balance kommt, mehr als sonst hin- und herwackelt mit dem Oberkörper und sich dies auf den ersten Teil der Strecke überträgt, hatte Lückenkemper zuletzt das Gefühl für die Bahn verloren.Gleichgewichtsprobleme können nach Zeckenbissen auftreten, die Tiere können auch Krankheitserreger übertragen, die beim Menschen schwere Erkrankungen wie Borreliose oder FSME auslösen. Lückenkemper dürfte dies sicher abgeklärt haben. Aber harmlos ist ein solcher Biss sicher nicht.Am Ende der Fragerunde sollte die Zecke dann aber nicht mehr im Vordergrund stehen, den Blick hatte Lückenkemper schon in die Zukunft gerichtet. „Jetzt liegt der Fokus auf der Staffel“, sagte sie, „da komme ich viel besser in mein Laufen rein, als das aus dem Startblock der Fall ist“.
Leichtathletik-EM: Frühes Aus für Gina Lückenkemper über die 100 Meter - auch wegen Zeckenbiss
Gina Lückenkemper scheidet über die 100 Meter schon im EM-Halbfinale aus. Danach fließen ein paar Tränen















