100 Meter möglichst geradeaus zu rennen, ist eigentlich eine der Grundvoraussetzungen in Gina Lückenkempers Lieblingsdisziplin. Doch nicht einmal das fiel Deutschlands bekanntester Sprinterin plötzlich noch leicht. „Das Gleichgewichtssystem hat einen krassen Treffer erlitten“, sagte Lückenkemper, nachdem sie im EM-Halbfinale über die 100 Meter chancenlos ausgeschieden war: „Ich bin in der Beschleunigung ein bisschen orientierungslos gewesen.“Ende Juni war Lückenkemper vor dem Diamond-League-Meeting in Paris von einer Zecke in den Hinterkopf gebissen worden. Die Folgen machten ihr auch in der Vorbereitung auf die EM zu schaffen. Lückenkemper war gezwungen, eine Trainingspause einzulegen, musste Antibiotika einnehmen und hatte Probleme mit dem Nervensystem.„Der Körper war sehr angegriffen. Ich habe nachts acht Stunden geschlafen, aber ich war nicht erholt danach“, sagte Lückenkemper nach den deutschen Meisterschaften in Bochum-Wattenscheid, bei denen sie in 11,29 Sekunden nur den dritten Platz belegt hatte: „Die letzten vier Wochen waren eine absolute Achterbahnfahrt, weil ich überhaupt nicht wusste, was noch möglich ist.“Einzel-Aus im HalbfinaleEs hätte wohl jeder verstanden, wenn Lückenkemper zu dem Schluss gekommen wäre, dass ihr Körper zu geschwächt ist, um an einer EM teilzunehmen. 35 Europäerinnen waren in dieser Saison über 100 Meter schneller als die sechsmalige deutsche Meisterin, aber Lückenkemper wollte davon nichts wissen und stellte sich trotzdem der Herausforderung.Weil sie schon im Startblock aus der Balance kommt, musste sie ihren Oberkörper mehr als sonst bewegen. „Ich bin jetzt vor dem Start mit Kopfwackeln beschäftigt – einfach, um das Gleichgewichtssystem zu aktivieren“, erklärte Lückenkemper. Noch immer habe sie eine kleine Beule am Hinterkopf.Bei ihrem Einzelstart blieb Lückenkemper deutlich unter ihren Möglichkeiten. Im Halbfinale kam die 29-Jährige in 11,28 Sekunden ins Ziel und verpasste das Finale damit deutlich. Für eine Athletin, die über diese Strecke bei Europameisterschaften schon Gold (2022), Silber (2018) und Bronze (2016) gewonnen hat, die 2017 als erste Deutsche seit mehr als 25 Jahren die 100 Meter in unter elf Sekunden gelaufen ist, war das eigentlich zu wenig.Aber nach dem Rennen überwog bei Lückenkemper vor allem die Dankbarkeit, bis an diesen Punkt gekommen zu sein. Tränen liefen ihr über die Wangen, als sie am ARD-Mikrofon erklärte: „Das sind eher Tränen des Glücks. Hier auf der Bahn zu stehen, war dieses Jahr alles andere als selbstverständlich.“ Sie sei einfach nur froh, dass sie noch immer in der Lage sei, in diesem Jahr Wettkämpfe zu bestreiten.In der Staffel den Schalter umlegenUnd Lückenkemper wäre nicht Lückenkemper, wenn sie nicht gleich den Fokus auf die Staffel legen würde. Ihre größten Erfolge erlebte sie in den vergangenen Jahren nicht als Einzelkämpferin, sondern als Teamplayerin: 2022 gewann Lückenkemper mit der Staffel EM-Gold, bei den Olympischen Spielen 2024 und den Weltmeisterschaften 2022 und 2025 jeweils Bronze. „Staffellaufen ist wie Fangenspielen deluxe“, sagt Lückenkemper, „und wenn man mit einem coolen Team auf der Bahn steht, macht es besonders viel Spaß.“Trotz enttäuschender Einzelleistungen von Lückenkemper und Rebekka Haase dürfte die Staffel wieder Medaillenchancen haben, und erstmals gibt es sogar zwei Rennen: neben den 4 × 100 Meter Frauen auch die 4 × 100 Meter Mixed (zwei Frauen, zwei Männer). Lückenkemper will in beiden Staffeln nicht nur dabei sein. In der Mixed Zone schaltete sie schon wieder in den Angriffsmodus. „Da wird der Schalter umgelegt und attackiert“, versprach sie.Selbst wenn Lückenkemper noch nicht bei hundert Prozent ist, dürfte ihre Erfahrung in der Staffel kaum zu ersetzen sein. Lückenkemper selbst bleibt vorsichtig: „Es wird immer besser, aber es braucht einfach noch ein bisschen mehr Zeit“, sagte sie: „Ich will einfach das Beste herausholen. Was das sein wird, ist für mich nach wie vor schwierig einzuschätzen.“Nur eines ist sicher: Wenn es am Samstag (22.48 Uhr MESZ im ZDF) um die Medaillen geht, dürfte sie alles daransetzen, im entscheidenden Moment zur Stelle zu sein – auch wenn der Zeckenbiss noch immer nachwirkt.
Gina Lückenkemper bei der Leichtathletik-EM nach Zeckenbiss beeinträchtigt
In Paris wird Gina Lückenkemper von einer Zecke gebissen, hat danach Probleme mit dem Nervensystem. Bei der Leichtathletik-EM in Birmingham steht sie dennoch am Start – auch beim „Fangenspielen deluxe“.














