Der Mann mit dem ewigen Lächeln: Die erstaunliche Lebensgeschichte des Asterix-Erfinders René GoscinnyMit einem Dorf unbeugsamer Gallier, «Lucky Luke» und dem «Kleinen Nick» brachte er Millionen Menschen zum Lachen. Anlässlich seines 100. Geburtstags beleuchtet ein neu übersetztes Buch seiner Tochter Anne Goscinny bisher verborgene Seiten des Comicautors.14.08.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenDer Asterix-Autor René Goscinny - hier sichtlich stolz auf sein Werk.GettyManchmal denkt sich das Leben die bösesten Pointen aus: Im November 1977 starb René Goscinny mit nur 51 Jahren an einem Herzinfarkt während des Belastungstests beim Kardiologen. «Noch fünfzehn Sekunden, Monsieur», soll der Arzt dem über Schmerzen klagenden Patienten zugerufen haben, bevor dieser vom Rad kippte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Heute wäre der weltberühmte Comicautor mit dem krausen Haar und dem ewigen Lächeln, der Millionen Menschen mit «Asterix», «Lucky Luke» und dem «Kleinen Nick» zum Lachen brachte und immer noch bringt, 100 Jahre alt geworden. Ein Grund, die schnell vergesslichen Leser an ihn zu erinnern, dachten sich die Leute vom Diogenes-Verlag. Sie liessen einen bereits 2012 in Frankreich als Buch erschienenen Brief, den Goscinnys einzige Tochter Anne postum an ihren Vater schrieb, ins Deutsche übersetzen. Eine grossartige Idee.Der Mann hinter den GeschichtenIhr Brief mit dem Titel «Das Klimpern der Schlüssel» sei keine Literatur, schreibt Anne Goscinny, die Schriftstellerin ist, gleich auf der ersten Seite: «Ohne Wimperntusche und Lippenstift kommen sie daher, meine Worte.» Worum geht’s? Einerseits um die «massakrierte Kindheit» der Tochter des französischen Szenaristen: Sie war erst neun Jahre alt, als ihr Vater starb. Und wurde von ihm mit einer krebskranken Mutter zurückgelassen. Ab jetzt sollten nicht mehr zwei Schlüsselbunde der beiden Eltern, sondern nur noch einer abends auf das Schränkchen im Flur geworfen werden. Ein Geräusch, schreibt Goscinny, das sie in den Wahnsinn trieb und ihrer Kindheit den «Todesstoss» versetzte. Aber Anne Goscinny schreibt nicht nur über ihr eigenes Leben. In «Das Klimpern der Schlüssel», in dem das Wort «Asterix» kein einziges Mal vorkommt, erfährt man auch, wer der Mensch René Goscinny war. Ein treuer Freund, ein fairer Chef und ein liebevoller, aber oft abwesender Vater. Ein sehr schnell tippender Workaholic, der seine Schreibmaschine nur verliess, «um gleich darauf wieder vor ihr zu sitzen», und deshalb vielleicht gar nicht merkte, wie erschöpft er von der ständigen Erfinderei kluger Geschichten war. Und, ja, das ist ganz klar, ein stolzer Jude, der den Grossteil seiner Familie durch die Nazis verlor und trotzdem oder gerade deshalb nie vergessen hat, wie wichtig es ist, zu lachen. «Hätten die Menschen Hitler ausgelacht, hätte es Millionen Tote weniger gegeben», soll René Goscinny einmal gesagt haben.Aufwachsen zwischen Gauchos und jüdischen Intellektuellen in Buenos AiresGeboren wurde René Goscinny 1926 in Paris, wo heute im 16. Arrondissement eine etwas unheimlich geratene Statue von ihm steht. In Paris hatten sich seine aus der heutigen Ukraine und aus Polen stammenden Eltern kennengelernt, die nach Frankreich gegangen waren, in der Hoffnung darauf, dass es im Land der Liberté ein paar Judenfeinde weniger geben würde als in ihrer notorisch antisemitischen Heimat. Der Vater Simcha machte sein Schicksal zum Beruf und arbeitete für die Jewish Colonisation Association, die jüdischen Auswanderern Ackerland in Nord- und Südamerika und in Palästina vermittelte. 1927 zog die Familie nach Argentinien, wo Simcha Goscinny ein landwirtschaftliches Unternehmen leitete. René und sein älterer Bruder Claude wuchsen zwischen Gauchos und vom Landleben überforderten jüdischen Intellektuellen in Buenos Aires auf, wo sie später auf eine französischsprachige Schule gingen.Dem im fernen Europa stattfindenden Holocaust entging die Familie Goscinny also eher durch Zufall, wobei dieser Zufall wegen der Klarsicht und des Engagements des Vaters in Wahrheit keiner war. Während des Kriegs erreichten die Eltern Briefe von verzweifelten Verwandten aus dem besetzten Paris. Simcha wurde zum De-Gaulle-Fan, und René, der ursprünglich Zeichner werden wollte, begann – aus sicherer Entfernung – Karikaturen von Hitler, Stalin und einer fiktiven Nazi-Familie namens «Müller» zu entwerfen.Die von René Goscinny gezeichnete Nazi-Familie «Müller».Hans-Peter Merten / Mauritius ImagesAnne Goscinny erinnert sich: Ein Tag in Los Angeles, Mitte der siebziger Jahre. «Du willst mir Disneyland zeigen. In Wahrheit kapiere ich schnell, dass du dir Disneyland zeigen willst.» Am nächsten Tag ein Besuch bei «Tonton» Bernard, dem einzigen Verwandten, der den Krieg in Europa überlebt hat. Als Bernard Anne eine weisse Porzellankatze zum Spielen gibt, spürt sie «die panische Angst» ihres Vaters, dass sie die aus der alten Heimat stammende Katze, selbst eine Überlebende, kaputtmachen könnte. Ein paar Seiten später erzählt Anne Goscinny, wie sie ihren Vater drei Monate vor dessen Tod mit Kippa auf dem Kopf in Jerusalem beim behutsamen Hineinschieben eines Zettels in die Klagemauer beobachtete.Und dann taucht in diesem traurigen Brief einer anscheinend noch immer traurigen Tochter immer wieder Annes Grosstante Olga auf – ihr entsetztes Quietschen beispielsweise, als sie erfuhr, dass ihr Neffe René eine Nichtjüdin heiraten würde. Beim Lesen fragt man sich: Warum wurde das Judentum in keinem Comic, keiner Erzählung, keinem Film dieses Menschen, der offenbar so sehr dadurch geprägt worden ist, je erwähnt?Depressive Phase in New YorkKurz nachdem Simcha Goscinny genauso überraschend wie später sein Sohn an einem Herzinfarkt gestorben war, zog seine Frau 1945 mit ihren zwei Söhnen zu ihrem Bruder nach New York. Der zwanzigjährige René, der schon in Buenos Aires durch die argentinische Kultfigur «Patoruzú» zum Comic-Fan geworden war, träumte davon, als Zeichner bei Walt Disney zu arbeiten, bekam aber nur hie und da kleine Auftragsarbeiten. Später würde er in einem Interview einmal sagen, dass er sich bei dem Abklappern der Verlage mit der Zeichenmappe unter dem Arm vorgekommen sei «wie ein Clochard, der ein anderes Universum betritt».Eine jahrelange Phase der Ablehnung, vielleicht die schwierigste seines Lebens – aber auch schlechte Zeiten sind fast immer zu etwas gut: In New York lernte Goscinny Harvey Kurtzman, den späteren Gründer des so lustigen wie geschmacklosen Satiremagazins «Mad», und den belgischen Comic-Star Morris kennen, für dessen Serie «Lucky Luke» er sich bald darauf neue Geschichten im Wilden Westen ausdachte. Die Kontakte inspirierten und halfen, die Jobs kamen beinahe von selbst, und die depressive Phase war erfolgreich überstanden. Goscinny begriff: Sein grosses Talent war nicht das Zeichnen, sondern das Schreiben.Auf einen kurzen Zwischenstopp in der Comic-Hauptstadt Brüssel folgte Anfang der fünfziger Jahre die Rückkehr in die französische Heimat. 1959 gründete Goscinny mit ein paar entschlossenen Freunden die Wochenzeitschrift «Pilote», in der er jungen, unbekannten Zeichnern und Autoren als selbstloser Chefredaktor immer ein paar Seiten überliess. Manche von ihnen machte er mithilfe kleiner Konterfeis neben ihren Beiträgen sogar zu Stars. Er war auch deshalb ein genialer Blattmacher und Schriftsteller, weil er – anders als im heutigen Klickbetrieb – nie den Wünschen seiner Leser hinterherlief, sondern selbstbewusst entschied, was gut ist und was sie lesen sollten. Von «Pilote» bekamen die Leute am Ende nicht genug. Es wurde zu einer der meistverkauften französischen Wochenzeitschriften. «Asterix» erschufen Goscinny und sein bester Freund Albert Uderzo gleich für die erste Ausgabe, der Legende nach an nur einem Nachmittag. Ein bretonisches Dorf, das unermüdlich und immer wieder von neuem Widerstand gegen die römischen Besetzer leistet – und damit nicht zufällig an die französische Résistance, den Sisyphos-Mythos oder an David und Goliath erinnert. Ein kleiner, tapferer Krieger und sein treuer, kräftiger Freund. Zwei, die wie das englisch-amerikanische Komikerduo Laurel und Hardy keine unfehlbaren Superhelden sind, sondern sehr menschlich und deshalb so sympathisch.René Goscinny und sein «Sprechblasenkumpel», der Asterix-Zeichner Albert Uderzo, 1970.Ullstein / GettyEdouard Baer, Gerard Depardieu, Claude Rich und Jamel Debbouze am Set von «Asterix & Obelix: Mission Kleopatra» (2002), Regie: Alain Chabat.Etienne George / Corbis /GettyAls «Asterix» für rassistische Propaganda missbraucht wurdeGoscinny und Uderzo machten sich in «Asterix» – einer der erfolgreichsten Comicreihen der Welt, die bis heute von anderen weitergeschrieben wird – nicht über die einzelnen Nationen lustig, in die sie ihre unbeugsamen Gallier schickten, sondern über die ihnen gegenüber existierenden Vorurteile. Natürlich feiern die Schweizer nicht ständig Käsefondue-Orgien, wie in «Asterix bei den Schweizern». Sie müssen auch nicht bei jedem Kuckucksruf ihre Uhr pünktlich stellen. Und trotzdem existieren kulturelle Unterschiede zwischen ihnen und Engländern, Deutschen oder Spaniern. Wer könnte diese Unterschiede besser erkennen und benennen als ein im kosmopolitischen Buenos Aires aufgewachsener Jude und ein in Frankreich sozialisierter Sohn italienischer Einwanderer?Vielleicht offenbart sich genau hier René Goscinnys jüdische Seite: in seinem Blick von aussen, seiner Selbstironie und seinem republikanischen Humor, der menschliche Unterschiede anerkennt, sie aber niemals abwertet. Umso skandalöser ist es, dass die ersten deutschen «Asterix»-Übersetzungen Ende der sechziger Jahre von einem ehemaligen NSDAP-Texter für dessen rassistische und antisemitische Propaganda instrumentalisiert wurden. Er verwandelte – kein Witz – die Gallier in Germanen und ihr Dorf in «Bonnhalla». Goscinny hat daraus gelernt: Fortan hat er die Rechtevergabe strenger überwacht und jede neue Adaption rückübersetzen lassen.Goscinny mit «Asterix bei den Schweizern» (1971).Hans Peters for Anefo, CC0 / Wikimedia«Das Klimpern der Schlüssel» ist ein ungewöhnlich ehrliches Buch. Immer wieder geht es darin um das psychoanalytische Konzept der «Übertragung», anhand dessen Anne Goscinny erklärt, warum sie in so gut wie jedem Mann einen Ersatz für ihren Vater sucht. Goscinny, die sich in ihrem Brief indirekt immer wieder als egoistisch und kalt darstellt, erzählt ausserdem, wie sie als junge Frau einmal zu dem Kardiologen ihres Vaters gegangen sei und so getan habe, als hätte sie eine Pistole in der Tasche, mit der sie ihn gleich erschiessen würde. Der Frau ihres Onkels attestiert Goscinny Ähnlichkeiten mit einer «dummen, zerbrechlichen Porzellanpuppe». Und sie gesteht, ihrer Mutter insgeheim vorgeworfen zu haben, nach dem Tod ihres Mannes nichts als dessen Witwe gewesen zu sein und sein Werk angebetet zu haben.Seine Figuren leben weiterVon dem um ihren Vater geschaffenen Kult war Anne Goscinny verständlicherweise oft genervt. «Ich will diesen Mann, dessen Sprüche mittlerweile Eingang in die Alltagssprache gefunden haben, nicht mit meinem Vater vermischen», schreibt sie. Wenn der französische Premierminister erklärt, er habe «keinen Zaubertrank», bezieht er sich auf das Rezept des Galliers Miraculix. Wenn ein Politiker beschuldigt wird, «Kalif anstelle des Kalifen» werden zu wollen, denkt man an den machtgierigen Grosswesir Isnogud. Und wenn jemand seine Meinung «schneller als sein Schatten» ändert, hat man den blitzschnell agierenden Cowboy Lucky Luke vor Augen. Goscinnys Figuren haben ihn überlebt. Was für ein Glück.Anne Goscinny: Das Klimpern der Schlüssel. Brief an meinen Vater. Deutsch von Ina Kronenberger. Diogenes 2026. 80 S., Fr. 20.00.Passend zum Artikel
Der Mann mit dem ewigen Lächeln: Die erstaunliche Lebensgeschichte des Asterix-Erfinders René Goscinny
Mit einem Dorf unbeugsamer Gallier, «Lucky Luke» und dem «Kleinen Nick» brachte er Millionen Menschen zum Lachen. Anlässlich seines 100. Geburtstags beleuchtet ein neu übersetztes Buch seiner Tochter Anne Goscinny bisher verborgene Seiten des Comicautors.












