Seit 1996 traf unser Autor Martin Scholz den Asterix-Zeichner Albert Uderzo mehrfach in Paris. Aus den Gesprächen in dessen Atelier wurden Spaziergänge durch Uderzos deutsch-französische Erinnerungen – Geschichten darüber, wie aus Feinden Freunde wurden. Und wie Humor dabei half.Wer das Atelier von Albert Uderzo im obersten Stock seines Hauses im noblen Pariser Vorort Neuilly betrat, spürte sofort die besondere Aura eines Raumes, in dem ein wichtiger Teil der Kulturgeschichte der Comics geschrieben und gezeichnet wurde. Draußen im Treppengang wurde der Besucher durch zwei besonders große, fast mannshohe Plüschexemplare von Uderzos Helden Asterix und Obelix in Empfang genommen, die dort standen wie Bodyguards. Und im Atelier selbst: Überall Figuren und Zeichnungen von knollennasigen Galliern, Druiden, Römern, Piraten; in Vitrinen, auf Regalbrettern oder von der Decke hängend. Ein quirliges Dorf im Miniaturformat, das den Zeichner einer der erfolgreichsten Comicserien der Welt dort seit Jahren umgab. Bei unserer letzten Begegnung 2017, kurz vor seinem 90. Geburtstag, stützte Uderzo sich auf einen Gehstock. Er bewegte sich langsam, doch sobald er das Wort ergriff, war die Müdigkeit wie verflogen. Mit seinem charmant nuschelnden Französisch lachte er, unterbrach sich selbst mit Gesten, die die Pointen seiner Geschichten unterstrichen. Mehrfach hatte er WELT zu kleinen Rundgängen an diesem Ort eingeladen – Exkursionen durch die Herzkammer der Asterix-Welt, immer gespickt mit Anekdoten, Witzen, Selbstironie.Lesen Sie auchAn einer Wand seines Ateliers hing ein Foto, das die reale mit seiner Comic-Welt verknüpfte: Es zeigte Jacques Chirac, damals französischer Präsident, und Bundeskanzler Gerhard Schröder 2001 auf der Pariser Buchmesse. Schröder lächelte mit dem Album „Asterix und Latraviata“ in der Hand, Chirac blätterte im Hintergrund in einem anderen Band. Uderzo traf die beiden damals, für ihn hatte dieses Bild eine besondere Strahlkraft: Da standen sie nebeneinander, die führenden Politiker Frankreichs und Deutschland – durch seinen Comic vereint. „Schröder sprach sogar ein bisschen Französisch, das weiß ich noch. Und Chirac, den hatte ich schon Jahre zuvor in ,Obelix GmbH & Co. KG‘ auftreten lassen – als schnieken Wirtschaftsfachmann. Das hat mich sehr amüsiert“, sagte mir Uderzo damals. „Ich wollte auch ein bisschen testen, ob die Kritiker die Karikatur wohl erkennen würden.“ Chirac jedenfalls habe sich erkannt – und bei einem Treffen lachend gesagt: „Sie müssen mir jetzt einen ausgeben, weil Sie mit meinen Karikaturen bestimmt viel Geld verdient haben.“Nach unserem ersten Interview 1996 zeichnete er mir spontan, mit wenigen Strichen, seinen berühmten gallischen Helden: Asterix, der per Sprechblase seine deutschen Leser grüßt – natürlich auf Französisch „Bonjour aux lecteurs.“ Später sprach Uderzo oft darüber, wie erstaunt er immer wieder aufs Neue war, dass Asterix nirgendwo außerhalb Frankreichs erfolgreicher war als in Deutschland: Mehr als 400 Millionen Alben wurden bislang weltweit von den Gallier-Comics verkauft, ein Drittel davon in der Bundesrepublik.Dabei waren Uderzos Erinnerungen an das Nachbarland ursprünglich düster. „Ich war 14, als die Nazis Paris besetzten“, erzählte er. Sein älterer Bruder Bruno habe bei einer Familie in der Bretagne gelebt, die Teil der Résistance war. Dann sollte Bruno durch das STO, eine französische Behörde der Vichy-Regierung, die unter Kontrolle der deutschen Besatzungsmacht arbeitete, zur Zwangsarbeit in eine Rüstungsfabrik in Stettin geschickt werden. „Er hatte große Angst, dort von den Amerikanern bombardiert zu werden. Also besorgte er sich einen falschen Pass, der ihn als Epileptiker auswies.“ Zu der Zeit hatte Bruno seinen jüngeren Bruder Albert aus Paris zu sich in die Bretagne kommen lassen, beide wohnten eine Zeit lang in Saint-Brieuc. Als das STO Bruno auf die Schliche kam, musste er auf dem Speicher eines Bauernhofs verstecken. „Ich fuhr jeden Sonntag mit dem Rad zu ihm, wenn er sich dort verbarg“, erzählte mir Uderzo. Einmal sei er dann von einem Feldgendarmen angehalten worden. „Er fragte nach meinem Bruder. Ich sagte, ich wisse nicht, wo er sei – aber ich hatte große Angst. Sie sagten mir, ich solle mich zur Verfügung der Polizei halten. Ich bin dann nach Paris zurückgekehrt, weil ich nicht wollte, dass sie meinen Bruder durch mich entdecken. Sonst wäre er wohl nach Deutschland deportiert worden.“ Bei solchen Schilderungen blickte Uderzo den Besucher oft lange an, bevor er leise hinzufügte: „Aber das ist alles schon lange her. Als Goscinny und ich 1959 mit dem ersten Asterix-Comic anfingen, wollten wir den Krieg hinter uns lassen und nicht wieder die schlimmen Erinnerungen heraufbeschwören. Natürlich hat diese Zeit Spuren in meinem Gedächtnis hinterlassen. Aber sie hat mich anders geprägt, als Sie vielleicht vermuten. Ich habe in dieser Zeit die Bretagne kennen und lieben gelernt. Und als ich nach dem Krieg zu zeichnen anfing, malte ich die Landschaft an der bretonischen Küste, so wie ich sie mit 14 dort erlebt hatte.“Lesen Sie auchIm Atelier holte er bei unserer letzten Begegnung 2017 auch ein großformatiges Buch aus einem Schrank, schlug es mit fast zärtlicher Geste auf: Edmond Calvos „La Bête est morte“, 1944 erschienen. Calvo hatte den Kampf gegen das NS-Regime seinerzeit in Form eines Tier-Comics verarbeitet, in dem die deutschen Soldaten Wölfe, die Briten als Hunde, die Franzosen als Frösche und Hasen und die Amerikaner als Bisons gezeichnet waren. Für den jungen Uderzo verband sich in Calvos Werk die Grausamkeit des Krieges mit der Kraft der Zeichnung. Er hatte ihn kennengelernt, als beide für denselben Verlag in Paris arbeiteten, konnte ihm viele Male beim Zeichnen zuschauen. „Das war für mich wie das Paradies“, sagte er. „Calvo hat mich unterstützt, mir geholfen und mich bestärkt in dem, was ich selbst tun wollte.“ Wenn wir damals gewusst hätten, wie wichtig man später unsere Comics nehmen würde, hätten wir uns einige Monate Zeit genommen und nicht nur diese 15 MinutenDer erste Auftritt der Comic-Gallier in Deutschland war jedoch zunächst von Misstönen begleitet: „Fix und Foxi“-Erfinder Rolf Kauka hatte 1965 die Geschichte „Asterix und die Goten“ in der von ihm verlegten Zeitschrift „Lupo modern“ in mehreren Teilen veröffentlicht. Aber die Geschichte, in der die Gallier gegen die kriegstreibenden Vorfahren der Deutschen antreten, sie mit Witz vorführen und dank der Kraft ihres magischen Zaubertranks verprügeln, wurde in einer Weise verfälscht, die Uderzo und seinen Freund, der Comic-Autor René Goscinny maßlos empörte. Aus Asterix und Obelix wurden bei Kauka „Siggi und Babarras“, die Gallier mutierten in dieser eingedeutschen Version zu Westgoten und „Kapitalismusstrolchen“, während der ostgotische Anführer in sächsischem Dialekt sprach und dessen Worte in roter statt, wie im Original in Frakturschrift hervorgehoben wurden. Die ursprüngliche Geschichte wurde zur Farce zu einem innerdeutschen Possenspiel. „Es war nicht legal, unseren Text so zu verfälschen. Wir ließen es dann per Anwalt verbieten“, erzählte Uderzo. Kauka habe ihn danach jedoch noch lange Zeit beschimpft. „Ich glaube, er war ein bisschen verrückt“, sagte er mir mal, eher nonchalant und fuhr dann, fast versöhnlich fort, „aber solche Leute gibt es überall, nicht nur in Deutschland.“ Als 1968 mit „Asterix der Gallier“ das erste komplette Album auf Deutsch im Ehapa-Verlag erschien, begann auch hierzulande der große Erfolg der Serie, der bis heute andauert. Trotz des Ärgers mit Kauka blieb Uderzo Deutschland gegenüber offen und neugierig. 1976 zeichnete er für den „Stern“ seine Sicht der deutsch-französischen Beziehungen. Er ließ Asterix und Obelix die Grenze überqueren, auf der anderen Seite warteten Kanzler Helmut Schmidt und sein Widersacher Franz Josef Strauß, die augenzwinkernd in Schaffefix und Herrscherix verwandelt wurden. In unseren Gesprächen erinnerte sich Uderzo gerne daran, dass die deutschen Redakteure ihn damals gebeten hatten, die Deutschen aus Sicht der Franzosen zu zeigen. Weil den Kollegen Uderzos Blick in einigen Bildern nicht zugespitzt genug war, fragten sie ihn, ob er die Deutschen nicht auch einmal so zeichnen könne, dass sie besonderen Wert darauf legten, unbedingt größere Autos als die Franzosen zu haben. „Das hat mir gut gefallen, dass sich die Deutschen selbst den Spiegel vorhielten. Es ist immer gut, wenn man über sich selbst lachen kann.“ Das Lachen, es stand auch ganz am Anfang, als sich Uderzo, der Sohn italienischer Einwanderer, 1959 mit René Goscinny, erstmals Geschichten von einem rauflustigen Gallierstamm ausdachte. Es war ein feinsinniger, befreiender Humor, der einem half, über sich selbst zu lachen, wie auch über andere, ohne die anderen dadurch herabzusetzen. „René und ich waren uns schnell einig, dass wir zu unseren Ahnen, den Galliern zurückgehen wollten. Aber der Zeitdruck war enorm, das Heft mit der ersten Episode sollte bald erscheinen“, erinnerte sich Uderzo„So haben wir in einer Viertelstunde fast alle Charaktere entwickelt.“ Goscinny ließ alle Nachnamen auf -ix enden - als Hommage an den französischen Nationalhelden, den gallischen Häuptling Vercingetorix. „Wenn wir damals gewusst hätten, wie wichtig man später unsere Comics nehmen würde, mit welcher Akribie Intellektuelle unsere Charaktere sezieren würden, hätten wir uns einige Monate Zeit genommen und nicht nur diese 15 Minuten.“Lesen Sie auchAls Uderzo nach dem Tod seines Partners Goscinny 1977 die „Asterix“-Geschichten auch als Autor verfasste, attestierten ihm die Kritiker regelmäßig, nicht an den Sprachwitz früherer Geschichten heranzureichen. Sprach man ihn darauf an, spürte man immer, dass ihn diese Missachtung getroffen hat. Vor allem bei seinem 1980 erschienenen Debüt als alleiniger Autor, „Der große Graben“. Das Album über ein durch einen Graben geteiltes gallisches Dorf war diesmal ganz bewusst als politische Allegorie angelegt, es hatte einen starken Bezug zum damals noch geteilten Deutschland. „Aber als die Geschichte erschienen war, hatte keiner der deutschen Journalisten erkannt, dass dies eine Anspielung auf die Berliner Mauer war. Keiner hatte das verstanden“, hat Uderzo sich in unseren Gesprächen mehrmals perplex gezeigt, „ich war als neugieriger Zeitgenosse in die geteilte Stadt gefahren, hatte Ost-Berlin besucht. Ich wollte erfahren, wie das Leben dort war hinter dem Eisernen Vorhang. Ich erinnere mich noch gut an die Tristesse dort – die ich schrecklich fand.“Als Zeichner wurde Albert Uderzo zeitlebens hochgelobt: wegen seiner Detailtreue, seiner Perspektivwechsel und wegen seiner Fähigkeit, mit nur wenigen Strichen die Leser zum Lachen bringen zu können. Als Autor stand er bis zuletzt im Schatten des früh verstorbenen Goscinny. Uderzo ohne Goscinny, das war für viele Kritiker und Leser wie Paul McCartney ohne John Lennon.Aber Uderzo blieb als Autor wie als Zeichner bis ins hohe Alter experimentierfreudig. 2009, in dem Album „Asterix & Obelix feiern Geburtstag“ ließ er seine Helden erstmals altern, zeigte sie mit Kindern und Enkeln. „Es hat mir einfach Spaß gemacht, mir auszumalen, wie es wäre, wenn auch Asterix und Obelix älter würden. So wie wir alle alt werden“, sagte er mir mal, „ich merkte dann aber auch, dass das keine gute Idee war und habe sie schnell wieder jung gezeichnet. Man will seine Helden nicht altern sehen.“ Uderzo hatte sich in diese Kurzgeschichte selbst hinein gezeichnet. Er wird für dieses Gedankenspiel prompt zur Rechenschaft gezogen und von Obelix aus den Schuhen gekloppt. „Das ist die Strafe, wenn man Helden altern lässt.“Seither sind seine Figuren alterslos geblieben. Ein Grund für deren seit mehr als 65 Jahren anhaltenden Erfolg liegt auch an dem besonderen Charakter dieses ebenso klugen wie schlagkräftigen kleinen Galliers begründet. Denn Asterix schafft es stets, seine nationale Identität zu bewahren und gleichzeitig Teil einer großen globalen Gemeinschaft zu sein. Ein Völkerversteher, ganz gleich, ob er zu den Goten, den Briten, Spaniern, Ägyptern oder, wie im demnächst erscheinenden neuen Band „Asterix in Lusitanien“ zu den Vorfahren der Portugiesen reist.„Im Grunde“, sagte Uderzo mir mal, „geht es bei ,Asterix‘ immer um das Gleiche: In einem gallischen Dorf lebt eine Bande Verrückter, die ihre Macht nur dem Zaubertrank verdankt. Sie setzen diese Macht jedoch nur ein, um sich gegen die römische Besatzermacht zu verteidigen. Aber sie ziehen nicht für Gallien in den Krieg. Das ist der politische Rahmen. Asterix ist deshalb so populär, weil er zeigt, dass der Kleine den Großen besiegen kann. Ganz gleich, wo sie auf der Welt leben, überall sind die Menschen bestimmten Zwängen und Mächten ausgesetzt. Ob es nun Steuern sind oder andere Gesetze. Asterix ist ein Symbol, er sagt: Man kann sich wehren, er lässt sich nichts gefallen.“Lesen Sie auch2013 übergab er die Serie an den Zeichner Didier Conrad und den Texter Jean-Yves Ferri, der seit 2023 durch den Autor Fabcaro abgelöst wurde. „Es war, als hätte ich meinen Sohn zur Adoption freigegeben“, gestand er. „Aber irgendwann musste ich ja mal in den Ruhestand gehen.“ Albert Uderzo starb am 24. März 2020 in Neuilly-sur-Seine, er wurde 92 Jahre alt. Wenn ich an ihn denke, sehe ich ihn auf seinen Stock gestützt, einen freundlichen älteren Herren, die Augen voller Witz, wie Calvos Tierfabel über den Zweiten Weltkrieg aus einem Schrank holte, auf Fotos von Chirac und Schröder zeigte, Calvos Tierfabel aus dem Schrank holte und an seinem Schreibtisch noch schnell Zeichnungen für deutsche Leser fertigte. Ein Mann, der im Krieg erwachsen werden musste, der das Lachen liebte und der mit René Goscinny in 15 Minuten Welten erschuf – mit einem Gallier darin, der bis heute ein Band der Freundschaft zwischen Franzosen und Deutschen knüpft.Kurz vor Erscheinen seines neuesten Abenteuers „Asterix in Lusitanien“ (erscheint am 23. Oktober) kommt es zu einer Weltpremiere: eine ganze WELT AM SONNTAG, die ausschließlich mit Bildern von Albert Uderzo und seinem Nachfolger Didier Conrad illustriert wird. Leser finden in dieser Ausgabe die gewohnte Mischung aus Nachrichten, Analysen und Unterhaltung, aber auch Geschichten, die selbst die behäbigen Bewohner eines gallischen Dorfes interessieren könnten – wie diese hier.Sie können diese ganz besondere Ausgabe der WELT AM SONNTAG, ein Sammlerstück, gern hier bestellen.