PfadnavigationHomeGeschichteJetzt wird Fraktur geredet!Warum bei Asterix die Goten und nicht die Germanen für die Deutschen stehenVeröffentlicht am 10.11.2025Lesedauer: 8 MinutenAlarich, König der Westgoten, lässt im Jahre 410 Rom stürmen und plündern (Holzschnitt, um 1860)Quelle: picture alliance/akg-imagesAlbert Uderzo gab offen zu, mit den Pickelhauben-Trägern in „Asterix und die Goten“ die Deutschen gemeint zu haben. Von den Untiefen, in die er sich damit begab, ahnte der Zeichner sicher nichts.Legionär Appelmus ist sich sicher: „Niemals werden die westgotischen, die ostgotischen oder andersgotischen Barbaren es wagen, ihre schmutzigen Füße auf römischen Boden zu setzen“, beruhigt er seinen verunsicherten Kameraden Pampelmus – und fügt zur Selbstvergewisserung ein beherztes „Beim Jupiter!“ hinzu.Ihr im französischen Original drittes Abenteuer führte Asterix und Obelix 1963 zu den „Goten“, die im zackigen Kasernenhofton reden, vornehmlich an Bier denken und östlich der gallischen Grenze in Germanien leben; in deutscher Übersetzung erschien es erst 1970 als siebter Band der Comicreihe. Eine begründete Verzögerung.Die „Goten“ in diesem Album sind eben keineswegs die historischen Goten. Im Gegensatz zu den anderen Figuren steht in ihren Sprechblasen eine „gebrochene“, also eine Frakturschrift; im französischen Original übrigens eine elegante Version, die sich anlehnt an die tatsächlich in karolingischen Handschriften existierenden gotischen Minuskel, in der deutschen Übersetzung eine noch einmal kantigere Form, die als Karikatur solcher Schriften erst nach 1945 entstand.Lesen Sie auchWas man ohnehin kaum übersehen konnte, räumte der langjährige Zeichner Albert Uderzo in Interviews unumwunden ein: „Für die Deutschen stehen die Goten mit ihren Pickelhauben.“ Rückblickend hielt er deren Beschreibung als Barbaren, die ihre Nachbarn überfallen, sogar für moderat: „Die Karikatur der Goten, also der Deutschen, ist letztlich relativ freundlich im Vergleich zu dem, was wir damals gewohnt waren, da der Zweite Weltkrieg noch nicht sehr weit zurücklag.“Aber warum die „Goten“ und nicht die „Germanen“? Das erklärte der Bielefelder Romanist André Stoll 1974 in seinem Buch „Asterix. Das Trivialepos Frankreichs“: Im Französischen habe „Germanen“ einen eher positiven Klang, wie man etwa am Begriff „cousins germains“ (also: „Cousins ersten Grades“) erkennen könne. „Goten“ hingegen erinnere Franzosen an die Zeit der Völkerwanderung, als die Römer das vormals besetzte Gallien an Invasoren aus dem Osten verloren. Eine weitere Assoziation kam hinzu: Die historischen Goten gab es als West- und als Ostgoten, ebenso wie im Kalten Krieg die Deutschen in zwei Staaten.Zu stark geglättet?Die deutsche Übersetzung des Albums glättete manch anderen Einfall von Uderzo und Goscinny, an dem die Intention deutlich wurde. So heißt Cholerik, der Goten-Herrscher, im französischen Original (und übrigens ähnlich in den romanischen Sprachen Spanisch, Italienisch und Portugiesisch) „Téléféric“, was „Seilbahn“ bedeutet – offensichtlich ein Hinweis auf den zweiten und letzten Reichspräsidenten der Weimarer Republik Paul von Hindenburg, der als überzeugter Monarchist den Drahtseilakt zu bewältigen hatte, die demokratische Weimarer Republik zu bewahren, woran er scheiterte.Lesen Sie auchÄhnlich verhält es sich mit einem Mitglied des gotischen Stoßtrupps, der Miraculix, den Druiden des wohlbekannten kleinen gallischen Dorfes, entführen soll. Im Original trägt dieser „Gote“ den Namen „Histéric“, was zu seinem stets überdrehten, latent aggressiven Charakter passt. Die Übersetzer ins Deutsche machten daraus „Historik“ (im Englischen übrigens noch seltsamer: „Prehistoric“): eine Entscheidung, die den aufmerksamen Leser ratlos zurücklässt.Lesen Sie auchErstmals in der originalen Reihenfolge der Abenteuer verlassen Asterix und Obelix ihr heimisches Gallien, um den entführten Druiden aus den Klauen der im Osten beheimateten „Barbaren“ zu befreien. Ein klarer Übertragungsfehler, bezeichnet dieser ursprünglich homerische Begriff doch zunächst alle Völker, die weder Griechisch sprachen noch die Götter des Olymp verehrten. In römischer Zeit wandelte sich die Bedeutung: Nun galten als barbari jene Menschen, die keine klassisch-mediterrane Bildung genossen hatten. Einige Jahrhunderte später, in der Spätantike, verschob sich das Verständnis des Wortes erneut, nun hin zu positiv gemeinten Eigenschaften im Sinne von „wild“ oder „kriegerisch“, mitunter auch „mutig“.Im Goten-Abenteuer verstehen der Autor und der Zeichner „Barbaren“ völlig anders. Die fröhlichen, lebenslustigen Gallier erwartet in Germanien nicht nur ein kühles Klima, sondern auch eine Verpflegung, die sie unter anderem wegen der Abwesenheit gebratener Wildschweine frösteln lässt. Als oberste Prinzipien gelten bei den „Goten“ militärischer Drill, Sauberkeit und Ordnung, als Ziel des Lebens die Unterwerfung benachbarter Völker, zuvörderst der Gallier und der Römer. Die aktuellen Bezüge sind unübersehbar: Zwar haben Gallier und „Goten“ mit den Römern denselben Feind, doch den östlichen Nachbarn mangelt es zudem an französischer Lebensart, am Savoir-vivre.Allgemeiner betrachtet, wirft das siebte Asterix-Abenteuer vor allem eine weiterführende Frage auf: Waren die Goten tatsächlich so etwas wie „die Deutschen“ der Antike? Wohnt also diesem Abenteuer von Asterix gewissermaßen eine höhere Wahrheit inne? Das ist nicht ganz einfach zu klären.Der spätantike Historiker Prokop schrieb im sechsten Jahrhundert nach Christus: „Die Goten bestehen aus vielen Stämmen. Die wichtigsten sind die Ostgoten, die Vandalen, die Westgoten und die Gepiden.“ Diese verschiedenen Völkerstämme trügen zwar verschiedene Namen, unterschieden sich sonst aber nicht besonders: „Sie haben helle Haut und Haare, sind groß und stattlich, haben dieselben Sitten und sprechen die gleiche Sprache.“ Ursprünglich sei das gotische Volk, so Prokop, „östlich der Donau beheimatet“ gewesen, dann aber nach Westen aufgebrochen.Vorfahren der Deutschen?Jahrhundertelang galten die Goten, speziell die Ostgoten, tatsächlich als Vorfahren der jeweils zeitgenössischen Deutschen. Als „Dietrich von Bern“ tritt der Ostgoten-König Theoderich der Große im Nibelungenlied und anderen früh- und hochmittelalterlichen Sagen auf. Entsprechend galt er bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als Teil der deutschen Vergangenheit. Als „germanischer Volkskönig“, so das vorherrschende Narrativ, habe der Gote ein zwar kurzlebiges, aber umso glänzenderes Reich in (Nord-)Italien geschaffen, das die Zivilisation der römischen Zeit fortgeführt habe. Noch Ende der 1960er-Jahre galt der Dreibänder „Geschichte der deutschen Stämme bis zum Ausgang der Völkerwanderung“ von Ludwig Schmidt, der diese Deutung vertrat, als Standardwerk, das der Ausgabe von 1940/41 folgend unverändert nachgedruckt wurde.Zugrunde lag dieser Vorstellung, schreibt der Erlangener Althistoriker Hans-Ulrich Wiemer in seiner gerade aktualisiert wiederaufgelegten Biografie „Theoderich der Große“ (Verlag C. H. Beck München. 813 S., 38 Euro), der Gedanke eines „uralten und unzerstörbaren Wesenskern“ der Deutschen, der sich in „grauer Vorzeit herausgebildet und allem späteren Wandel zum Trotz bis in die Gegenwart erhalten“ habe. Auch die Prähistorik beanspruchte parallel damit lange, über die Erforschung der „Germanen“ und damit der Goten, einen unmittelbaren Zugang in die Frühzeit des deutschen Volkes zu eröffnen.Lesen Sie auchDiese Interpretation wurde ab 1961, zufällig dem Erscheinungsjahr des ersten Albums „Astérix le Gaulois“ im französischen Original, infrage gestellt. Der Göttinger Mediävist Reinhard Wenskus entzog mit seinem Buch „Stammesbildung und Verfassung. Das Werden der frühmittelalterlichen gentes“ der Vorstellung einer Kontinuität von Germanen, Goten und Deutschen die Grundlage. Die Stämme der Völkerwanderungszeit waren heterogen und instabil, taugten also keineswegs als Fundierung einer ungebrochenen ethnischen Entwicklung von der Antike bis in die Gegenwart. Konsolidieren konnte sich eine solche Gruppe in der Regel, wenn sich der Glaube an eine gemeinsame Abstammung durchsetzte. Ethnische Identität, so formuliert man diesen Gedanken gut sechs Jahrzehnte später in aktueller Wissenschaftssprache, sei ein soziales Konstrukt. Der Wiener Historiker Herwig Wolfram führte diesen Gedanken weiter. Er konnte zeigen, dass die vermeintlich fest gefügten gotischen Stämme tatsächlich aus der Anhängerschaft von Adelssippen bestanden, die sich als gotisch definierten.Allerdings gibt es auch abweichende Erklärungsmuster. In manchen wird dem arianischen Christentum eine volksbildende Bedeutung für die Goten zugemessen – tatsächlich war diese vom katholischen Glauben an die Dreieinigkeit von Gottvater, Gottes Sohn und Heiligem Geist abweichende Vorstellung von Gottvater und Heiligem Geist als Einheit sowie einem gottähnlichen Sohn über lange Zeit charakteristisch für West- wie Ostgoten. Mit der Aufgabe dieser Form des Christentums durch die Taufe des Westgotenkönig Rekkared I. im Jahr 587 (die Ostgoten waren schon seit 552 durch schwere Niederlagen als eigenes Volk verschwunden, die Überlebenden in langobardischen und fränkischen Gemeinschaften aufgegangen) verschmolzen sie mit der spätantik-römischen Tradition in ihrem Hauptsiedlungsgebiet Südgallien und der iberischen Halbinsel, bis muslimische Eroberer im frühen 8. Jahrhundert ihr Reich untergehen ließen.Was bleibt von der lange angenommenen engen Verwandtschaft von Germanen und Goten, die in „Asterix und die Goten“ Niederschlag fand? Tatsächlich benutzten die verschiedenen germanischen Stämme linguistisch eng verwandte Sprachen. Hans-Ulrich Wiemer nimmt an, dass „die Sprecher germanischer Sprachen sich (...) bei etwas gutem Willen noch gegenseitig verständigen konnten, etwa so wie das heute zwischen Spaniern, Italiener und Franzosen der Fall ist“. Insofern lag Prokop durchaus richtig, auch wenn er diese gemeinsame Sprachfamilie „gotisch“ nannte.Allerdings führte diese Gemeinsamkeit nicht zu Bündnissen zwischen Völkerschaften und Königen. „In der Geschichtswissenschaft jedenfalls stiftet der Begriff ,Germane‘ mehr Verwirrung als Ordnung“, bilanziert Wiemer. So gesehen ist es nicht nur konsequent, sondern sogar hilfreich, dass Goscinny und Uderzo ihre Helden zwar nach Germanien schickten, aber trotzdem zu den „Goten“.Kurz vor Erscheinen seines neuesten Abenteuers „Asterix in Lusitanien“ (erschien am 23. Oktober) kam es zu einer Weltpremiere: eine ganze WELT AM SONNTAG, die ausschließlich mit Bildern von Albert Uderzo und seinem Nachfolger Didier Conrad illustriert wird. Leser finden in dieser Ausgabe die gewohnte Mischung aus Nachrichten, Analysen und Unterhaltung, aber auch Geschichten, die selbst die behäbigen Bewohner eines gallischen Dorfes interessieren könnten. Sie können diese ganz besondere Ausgabe der WELT AM SONNTAG, ein Sammlerstück, gern hier bestellen.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Im Prinzip ist die Zeitgeschichte sein Arbeitsgebiet, aber er hat auch Alte Geschichte studiert – und schätzt Asterix als fröhlichen Einstieg in die antike Welt.