Heute vor hundert Jahren wurde René Goscinny geboren. Seinen Namen kennt man auf der ganzen Welt, er dürfte neben dem Superhelden-Szenaristen Stan Lee der berühmteste Comicautor sein, der keine seiner berühmten Schöpfungen jemals selbst gezeichnet hat: nicht Asterix, nicht Lucky Luke, nicht Isnogud, nicht den Kleinen Nick. Aber Goscinny schrieb für Comics, wie es neben ihm anfangs kaum jemand tat: mit einem Witz, der an die Intelligenz eines Publikums appellierte, das er in Jugendlichen und jungen Erwachsenen sah, während die Verlage kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nur Kinder als Leser im Blick hatten. Und auch die erreichte er, denn das Qualitätsbewusstsein von Kindern ist untrüglich.„Asterix“, geschaffen 1959 gemeinsam mit dem Zeichner Albert Uderzo für das von den beiden zusammen mit dem Journalisten Jean-Michel Charlier gegründete und 15 Jahre lang von Goscinny geleitete französische Comicmagazin „Pilote“, ist die erfolgreichste Comicserie überhaupt, und sie lebt fort und mehrt den Ruhm ihres Schöpfers, obwohl der mittlerweile schon fast so lange tot ist, wie er lebte: im November 1977 starb René Goscinny während eines Belastungs-EKGs in Gegenwart seiner Frau und des untersuchenden Arztes an einer Herzattacke. Er war erst 51 Jahre alt.Geboren wurde Goscinny natürlich in Paris, ist man versucht zu sagen, dort, wo er dann auch starb. Aber dass Goscinny überhaupt so lange gelebt hatte, verdankt sich der Tatsache, dass er Paris für mehr als 20 Jahre verließ. Schon als Kleinkind kam er nämlich nach Argentinien, wohin sein Vater, ein 1906 nach Pogromerfahrungen aus Russland nach Frankreich eingewanderter Jude, der erst unmittelbar vor der Geburt von René die französische Staatsbürgerschaft erhalten hatte, weitergezogen war. Von Buenos Aires aus organisierte der Vater die Ausreisen osteuropäischer und asiatischer Juden nach Lateinamerika, im Auftrag der 1891 in London gegründeten Jewish Colonization Association. Das war keine zionistische Organisation, sondern eine, die in ihrer Heimat bedrohten Juden einen Ausweg in alle Welt bieten wollte. Und unbeabsichtigt dann auch Goscinnys eigene Familie rettete, die dem Vater 1928 nachgezogen war und somit nicht, wie später der Großteil ihrer Verwandten in Frankreich und Polen, von den Deutschen ermordet wurde.Die amerikanische DesillusionierungNoch mitten im Zweiten Weltkrieg, René Goscinny war erst 17, starb sein Vater an den Folgen eines Schlaganfalls. Aber dieses Familiendrama ebnete dem Sohn den Weg zur späteren Karriere, denn nachdem sein älterer Bruder schon das Haus verlassen hatte, beschloss die Mutter, mit René nach New York zu gehen. Und nachdem ihn der obligatorische französische Wehrdienst 1946 in sein Heimatland und damit ins kriegsversehrte Europa zurückgeführt hatte, konnte er im Jahr darauf gar nicht schnell genug wieder zurück in die Vereinigten Staaten, wo er sich seinen während des ersten New-York-Aufenthalts erträumten Berufswunsch erfüllen wollte: Trickfilmzeichner. Natürlich beim berühmtesten Vertreter dieses Fachs, Walt Disney.Anne Goscinny: „Das Klimpern der Schlüssel“VerlagDen traf Goscinny damals nicht, aber dafür begegnete er dem amerikanischen Comicmacher Harvey Kurtzman, noch bevor der das legendäre „Mad Magazine“ gründete. Kurtzman führte den jungen Franzosen in die New Yorker Comiczeichnerszene ein, und was Goscinny in den beiden folgenden Jahren leidvoll lernen musste, war, dass sein eigenes graphisches Talent nicht ausreichte, um in den USA zu reüssieren. Also ging er wieder nach Paris, wo er für eine französische Agentur tätig wurde, die den hochtrabenden Namen World Press Agency trug, aber vor allem im französischsprachigen Europa den aufstrebenden Comicmarkt mit fertigem Material belieferte. Dort traf Goscinny die zwei Männer, mit denen er in „Pilote“ Comicgeschichte und Comicgeschichten schreiben sollte: Jean-Michel Charlier und vor allem Albert Uderzo.Die Partnerschaft mit Letzterem war eine Lebensfreundschaft, und nirgendwo kann man das auf knappstem Raum so eindrucksvoll nachlesen, wie in dem Buch, das Goscinnys einziges Kind, seine 1968 geborene Tochter Anne, vor mittlerweile 15 Jahren aufgeschrieben hat. Ihr als Brief an den damals längst verstorbenen Vater formuliertes Erinnerungsbuch ist jetzt zum hundertsten Geburtstag von René Goscinny endlich auf Deutsch erschienen (Anne Goscinny: „Das Klimpern der Schlüssel“. Aus dem Französischen von Ina Kronenberger. Diogenes Verlag, Zürich 2026. 80 S., geb., 19 Euro). Es setzt ein mit der Todesnachricht, und über den Tag danach liest man: „Papa, wenn ich mich an einem Menschen erinnere in diesem Moment, keine vierundzwanzig Stunden nach deinem Tod, dann ist es Albert. Albert, der die Welt nicht mehr versteht. Albert, der aus diesem Albtraum erwachen möchte. Albert wird der erste Mann sein, den ich so sehr lieben werde wie dich.“Goscinnys Tochter maß die Männer an seinem VorbildDas sind in jeder Hinsicht aufschlussreiche Sätze, die auch das Thema einleiten, das Anne Goscinnys Buch bestimmt: ihre Lösung aus dem Schatten des Vaters. Nicht, was seine Berühmtheit angeht; damit (und davon) kann die Tochter exzellent leben. Für die jüngste Verfilmung des „Kleinen Nick“ hat sie das Drehbuch geschrieben, und es soll bald Fortsetzungen der Lausbubengeschichten aus ihrer Feder geben – wenn auch völlig unklar ist, wie das ohne den Geniestrich von Sempé aussehen soll, der in den Fünfziger- und Sechzigerjahren den „Kleinen Nick“ illustrierte und auch längst tot ist. Aber bei „Asterix“ hat man ja auch den perfekten Imitator von Uderzos Stil gefunden.Nein, der Schatten, den Goscinny aufs Leben seiner Tochter warf, resultierte aus beider Liebe füreinander. Jeden Mann, so schildert es Anne Goscinny, maß sie am Vorbild des Vaters, an dessen Zuneigung und Freundlichkeit, und das „Klimpern der Schlüssel“, das sich oberflächlich auf den ungewohnten Klang bezieht, den die nunmehr alleinige Heimkehr der Mutter erzeugte (während früher beide Eltern ihre Schlüsselbünde zusammen auf die Anrichte warfen), ist auch die Vision eines neu gefundenen Schlüssels zur eigenen Zukunft, nachdem Anne Goscinny sich freigeschwommen hat – ohne das liebende Angedenken an den Vater zu verlieren.Dieser Prozess begann, wie man dem „Brief an meinen Vater“ entnehmen kann, als die Tochter am Tag ihres 18. Geburtstags zu jener Praxis ging, in der René Goscinny starb. Sie glaubt dort, das Fahrrad zu sehen, auf dem er seinen Test absolvieren musste, und sie spricht den Arzt als Mörder an. Danach fühlt sie sich frei.Wird das Lachen heilsam auch für Goscinny selbst gewesen sein?Der Arzt indes wird es nicht sein. Und es ist dieses befremdliche Absehen von allen Gefühlen der Männer, mit denen sie nach 1977 zu tun hatte (mit Ausnahme derjenigen von Albert Uderzo), das Anne Goscinnys Buch faszinierend und zugleich erschreckend macht. Zumal, wenn man etwa in einem Interview, das sie 2019 dem französischen Nostalgiemagazin „Schnock“ gab, liest, dass der Satz ihres Vaters, an den sie sich am liebsten erinnert, sei: „Wenn man nicht lachen kann, ist keine Heilung möglich.“ Sich Anne Goscinny beim Abfassen ihres Briefs lachend vorzustellen, ist unmöglich.Ihr Vater hat mit dem Witz seiner Geschichten die eigenen familiären Versehrungen aus der Jugendzeit zu heilen versucht. Ob es ihm gelungen ist, hat ihn niemand je gefragt, auch nicht Numa Sadoul und Jacques Glénat im besten der vielen Gespräche mit René Goscinny, geführt 1973 für die „Cahiers des la bande dessinée“. Es war an der großen Goscinny-Ausstellung des Jüdischen Museums von Paris 2018, diese Frage zumindest postum aufzuwerfen. Ihr Titel: „Jenseits des Lachens“. Im Diesseits verdanken wir wenigen Menschen so viel Lachen wie René Goscinny.Anne Goscinny: „Das Klimpern der Schlüssel“. Aus dem Französischen von Ina Kronenberger. Diogenes Verlag, Zürich 2026. 80 S., geb., 19,– €.