René Goscinny starb nicht dort, wo er einen Großteil seines Lebens verbracht hatte – an seiner Schreibmaschine. Er starb auf einem Ergometer während eines Belastungstests beim Kardiologen. Er war 51 Jahre alt. Seine Tochter Anne war erst neun. Jahrzehnte später verfasste sie einen Brief an ihren Vater, den sie ihm nie schreiben konnte. Darin geht sie der Frage nach, wie man mit einem Verlust lebt, der ein ganzes Leben prägt.Anlässlich des 100. Geburtstags des französischen Comicautors am 14. August ist nun das persönliche Buch „Das Klimpern der Schlüssel“ (im Original: „Le bruit des clés“) der heute 58-jährigen Romanautorin auch auf Deutsch erschienen. Anne Goscinny war neun, als ihr Vater 1977 starb. Jahrzehnte später hat sie ihm einen Brief in Buchform geschrieben. (Archivbild) © picture alliance / dpa Das Werk ist kein klassisches Erinnerungsbuch an den Schöpfer von „Asterix“, „Lucky Luke“ und „Der kleine Nick“. Anne Goscinny macht von Anfang an klar, dass sie keinen Mythos errichten will. Ausdruck lebenslanger Abwesenheit Auf nicht einmal hundert Seiten schreibt sie über die Trauer eines Kindes, über die Jahre ohne den Vater und über die Spuren, die seine Abwesenheit hinterlassen hat. Es ist der poetische Versuch einer Tochter, einer lebenslangen Abwesenheit Ausdruck zu verleihen. René Goscinny (links) und Zeichner Albert Uderzo auf einem undatierten Archivbild beim Signieren ihrer Comics. © dpa/--- Die Autorin erzählt in einer Sprache von großer Schlichtheit und poetischer Kraft. Nie wird sie pathetisch, nie sentimental. Ihre Sätze wirken zugleich leicht und eindringlich. Immer wieder findet sie Bilder für den Schmerz des Verlusts. Eines davon gab dem Buch den Titel: das Klimpern der Schlüssel, das einst die Rückkehr des Vaters ankündigte und nach seinem Tod für immer verstummte. Bittere Erkenntnis Wenn sie schreibt, das Schwierigste sei gewesen, „alles neu lernen“ zu müssen, verdichtet sie die Erfahrung eines trauernden Kindes auf wenigen Zeilen. Es geht um die Sonntage ohne den Vater, die Ferien ohne ihn, die Wohnung ohne ihn, schließlich sogar darum, erwachsen zu werden ohne seinen Blick. Eine Szene aus dem Comic „Die große Überfahrt“, der 1975 veröffentlicht wurde. © © Asterix® Obelix® Idefix®/© 2025 Les Éditions Albert René/Goscinny-Uderzo, VG Bild-Kunst, Bonn 2025 Wie verzweifelt das Kind den Vater festzuhalten versucht, zeigt eine der stärksten Szenen des Buches. Anne Goscinny kauft sein Parfum „Moustache“, hört alte Aufnahmen und sieht ihn auf Fernsehbildern wieder – doch am Ende bleibt die Erkenntnis, dass nichts die Lücke schließen kann, die sein Tod hinterlassen hat.Mit der Zeit sucht sie andere Bezugspunkte. Sie bindet ihre Sehnsucht nach Schutz und Anerkennung an Ärzte, Lehrer und ältere Männer – an Ersatzväter, die den fehlenden Vater nicht ersetzen können, aber zeitweise Halt geben. Diese psychologische Genauigkeit gehört zu den großen Stärken des Buches. Späte Konfrontation Ein anderes Kapitel führt Anne Goscinny zu dem Kardiologen, bei dessen Belastungstest ihr Vater im November 1977 starb. An ihrem 18. Geburtstag sucht sie ihn auf. Mit einer Hand in der Manteltasche behauptet sie, eine Pistole dabei zu haben und ihn töten zu wollen. Die Szene zeigt, wie lange sich Wut konservieren kann. Dass der Arzt ruhig bleibt und ihr erklärt, der Infarkt hätte ihren Vater möglicherweise sonst am Steuer des Autos ereilt und damit auch sie und ihre Mutter in Gefahr gebracht, verändert nichts schlagartig. Ein Mann, der schwere Verluste ertrug Neben der Geschichte der Tochter entsteht nach und nach auch ein anderes Bild von René Goscinny. Nicht das des gefeierten Humoristen, sondern das eines Mannes, der selbst schwere Verluste mit sich trug. In Paris erinnert eine Skulptur an René Goscinny. © AFP/STEPHANE DE SAKUTIN Anne entdeckt Briefe, erfährt vom Schicksal seiner während der Schoah deportierten und ermordeten jüdischen Verwandten und begreift, dass ihr Vater seine eigene Trauer nie wirklich ausgesprochen hat. Ein Vater, den die Welt nicht kannte Obwohl René Goscinny als weltberühmter Autor allgegenwärtig bleibt – Schulen, Bibliotheken und Straßen tragen seinen Namen, seine Figuren leben weiter –, kreist dieses Buch nie um Ruhm oder literarisches Erbe. Im Gegenteil: Immer wieder zeigt Anne Goscinny, wie widersprüchlich es ist, Waise eines berühmten Vaters zu sein. Die ganze Welt kennt seine Figuren, aber niemand kennt den Vater, der seiner Tochter zum zehnten Geburtstag nicht mehr gratulieren konnte.Anne Goscinny ist mit diesem Brief ein stilles, außergewöhnlich schönes Buch gelungen. Es ist persönlich und literarisch anspruchsvoll. Wer René Goscinny nur als Schöpfer unsterblicher Comicfiguren kennt, entdeckt hier den Menschen hinter dem Mythos. (dpa)
Erinnerungen an „Asterix“-Autor René Goscinny: Ein gefeierter Humorist, der seine eigene Trauer nie gezeigt hat
Der Schöpfer von „Asterix“, „Lucky Luke“ und „Der kleine Nick“ wäre am 14. August 100 geworden. In „Das Klimpern der Schlüssel“ schreibt ihm seine Tochter, die ihren Vater verlor, als sie neun war.











