KommentarPro ArtikelDie Achse der Autokraten läuft wie geschmiert: Zeit für eine GegenstrategieGestützt von Russland und China befeuert Nordkorea den Feldzug gegen die Ukraine. Die Demokratien dürfen nicht in Fatalismus verfallen. Sie müssen Schlupflöcher schliessen, über die Despoten sich finanzieren, Sanktionen umgehen und ihre Kriegsmaschinerie stärken.14.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenAufmarsch der Autokraten: Russlands Präsident Wladimir Putin, Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un am 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs in Peking (3. September 2025).Raju Gopalakrishnan / Sputnik via ReutersNoch vor wenigen Jahren war Nordkorea im Planetensystem der Diktaturen kaum mehr als ein Trabant Chinas. Heute zieht Kim Jong Un andere Despoten in seinen Orbit und agiert längst nicht mehr als blosser Juniorpartner: Seit Kim 2024 Putins Krieg gegen die Ukraine mit Truppen unterstützt, ist Nordkorea vom sonderbaren Nachbarn zum bedeutenden strategischen Akteur aufgestiegen. Auch Peking will nicht an Einfluss verlieren und buhlt ebenfalls um Nordkoreas Gunst.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das zahlt sich für Kim aus. Vorbei sind die Zeiten, in denen Moskau und Peking die atomare Aufrüstung Nordkoreas einzudämmen suchten und deshalb Sanktionen mittrugen. 2024 legte Russland ein Veto gegen die Prüfung der Nordkorea-Sanktionen ein. China enthielt sich der Stimme und nimmt Nordkoreas Status als faktische Atommacht hin. Zwei ständige Mitglieder des Uno-Sicherheitsrates hintertreiben damit die Durchsetzung eines Sanktionsregimes, dem sie selber zugestimmt haben.Kim Jong Un gebärdet sich derweil wie ein Triumphator – und baut sein Atomwaffenarsenal in rasantem Tempo aus. In Europa munitioniert er Russlands Kriegsmaschinerie auf. Nach Angaben des ukrainischen Militärgeheimdienstes verlegt Nordkorea erstmals eine eigene Raketeneinheit nach Russland. Eine asiatische Diktatur beteiligt sich am Vernichtungsfeldzug gegen die Ukraine.Kim braucht keine Verhandlungen mehrLange klammerte sich der Westen an die Hoffnung, Nordkorea sei durch finanzielle Anreize zur Aufgabe seines Atomwaffenprogramms zu bewegen. Dies erschien realistisch, als in den neunziger Jahren eine schwere Hungersnot und die wirtschaftliche Misere das Land in seinen Grundfesten erschütterten. Heute jedoch ist das Regime, das seine Untertanen von Kindsbeinen an bis zu den letzten Atemzügen überwacht, dank der Allianz mit Moskau und China gefestigt. Pjongjang hat keinen Grund mehr, über die Aufgabe seines Atomprogramms zu verhandeln.Zugleich ist Nordkorea in ein loses Netzwerk autoritärer Länder eingebettet, die Politikwissenschaft nennt sie Crink-Staaten. Die Abkürzung fasst eine Gruppe von Diktaturen zusammen, die eng miteinander kooperieren: China, Russland, Iran und Nordkorea. Neben diesem harten Kern kreisen auf einer äusseren Umlaufbahn Länder wie Weissrussland und Kuba – ebenfalls strikt antiwestlich gepolt, aber geopolitisch weniger gewichtig. Was sie verbindet, ist weniger ein gemeinsames Bündnis als das Interesse, amerikanische Macht zu begrenzen, westliche Sanktionen zu umgehen und die bestehende internationale Ordnung zu ihren Gunsten zu verändern.China nimmt eine Sonderrolle ein: Die Volksrepublik ist der wirtschaftliche und technologische Knotenpunkt dieses Netzwerks. Zwar hütet sich Peking davor, Russland direkt mit Waffen oder Munition zu beliefern. Doch bezieht China bereitwillig russische Energie und liefert im Gegenzug Güter, die Russlands Rüstungsindustrie am Laufen halten.Zudem hat sich China per Langzeitvertrag billiges iranisches Rohöl gesichert und versorgt Teheran mit Waren, die auch dem Militär dienen können (Dual-Use-Güter). Ob Peking diese Firmengeschäfte gezielt lenkt oder lediglich zulässt, ist unklar. Aber die Zerstörungskraft dieser Politik wirkt in beiden Fällen. Zudem verbindet Iran und Nordkorea eine jahrzehntelange Zusammenarbeit bei Raketen und Rüstungsgütern. Die beiden Regime tauschen Raketentechnik aus und hebeln so internationale Sanktionen systematisch aus.Die rege Aktivität innerhalb dieser informellen Allianz verdeutlicht: Sanktionen – oft als Allheilmittel gegen Diktaturen gepriesen – laufen mitunter ins Leere. Längst haben sich die betroffenen Unrechtsstaaten zu einem eigenen Machtkartell formiert. Dieses stellt ein Sicherheitsrisiko dar, nicht nur für die Ukraine. Nordkorea und Iran haben auch als Drahtzieher terroristischer Aktionen eine lange Blutspur zu verantworten.Sanktionsbrecher ins Visier nehmenDemokratien müssen daher entschlossener handeln, um ihre freiheitlichen Ordnungen zu verteidigen und den autokratischen Kräften entgegenzuwirken:Schattenflotten ins Visier nehmenIran und Russland unterhalten ein ausgeklügeltes System von Schiffen, die mit Sanktionen belegte Güter über die Weltmeere transportieren. Oft sind es altersschwache Kähne, die unter exotischen Flaggen segeln. Um die Herkunft zu verschleiern, werden Dokumente gefälscht, Ortungssignale ausgeschaltet und Waren auf hoher See auf andere Schiffe umgeladen.Der Westen hat bisher zu wenig unternommen, um die Akteure dieser Schattenwelt in die Schranken zu weisen. Nur sehr vereinzelt sind Tanker gestoppt worden, die im Dienste Russlands stehen. In Ostasien operiert Nordkoreas Schrottflotte unter der schützenden Hand von Russland und China.Die Furcht vor einer Gegenreaktion verhindert ein systematisches Vorgehen gegen die Schattenflotten. Demokratische Staaten sollten das Seerecht voll ausschöpfen. Nur so lassen sich auf hoher See staatenlose Schiffe oder solche mit gefälschten Flaggen kontrollieren und lässt sich der Schmuggel von Rüstungsgütern und Rohstoffen unterbinden. Zudem braucht es mehr Druck auf Länder, die ihre Flaggen für solche Transporte hergeben.Ein Kriegsschiff und ein Helikopter des italienischen Militärs nähern sich im Mittelmeer einem Öltanker, der unter kamerunischer Flagge segelt, aber der russischen Schattenflotte zugerechnet wird (Bild vom 2. August 2026).Italian Defence Ministry via ReutersKomplizen in Drittstaaten mit Sanktionen belegenDirekte Sanktionen haben beschränkte Wirkung, wenn die betroffenen Länder untereinander Handel treiben. Erfolgversprechender sind sogenannte Sekundärsanktionen. Sie zielen auf Mitläufer aus Drittstaaten: Finanzfirmen aus China, die mit Nordkorea geschäften, oder Logistiker aus Zypern, die sich Russland andienen. Wer Unrechtsstaaten hilft, darf keinen Zugang mehr zu westlichen Märkten und dem Dollar-Finanzsystem haben.Für chinesische Händler, Reeder und Banken müsste das eine einfache ökonomische Abwägung sein – der Markt des Westens ist um ein Vielfaches wertvoller als die Geschäfte mit Pjongjang.In der Praxis schwächen zwei Probleme diesen Hebel: China schleust verbotene Nordkorea-Geschäfte bevorzugt über regionale Kleinbanken und Strohmannfirmen, die Kontakt zu westlichen Finanzplätzen meiden. Zudem zaudert der Westen auch an dieser Front. Aus Angst vor chinesischer Vergeltung schrecken manche Länder davor zurück, Chinas mächtige Staatsbanken ins Visier zu nehmen. Hier braucht es mehr Mut und Gelassenheit. Chinas Finanzriesen kalkulieren pragmatisch. Der Zugang zu den Märkten des Westens wiegt finanziell ungleich schwerer als Geschäfte mit der Achse der Geächteten.Devisenquellen austrocknenRepressive Regime erschliessen mit dreistem Erfindergeist neue Devisenquellen. Nordkorea fälschte einst gewerbsmässig Dollarnoten. Heute stehlen seine IT-Spezialisten in der virtuellen Welt Milliardenbeträge. Raubzüge auf Banken in Entwicklungs- und Schwellenländern sind bestens dokumentiert. Auch auf weniger spektakuläre Methoden versteht sich die Kim-Diktatur: Informatiker holen etwa mit gefälschten Identitäten Aufträge bei westlichen Firmen. Laut Experten handelt es sich um ein lukratives Geschäft für Pjongjang, das die Auftraggeber unwissentlich zu Unterstützern eines brutalen Regimes macht.Kampf gegen die AhnungslosigkeitUm dieser Ahnungslosigkeit entgegenzuwirken, sind verstärkte Anstrengungen nötig. Eine lobenswerte Initiative geht von einem Bündnis aus elf Staaten aus: Sie haben sich an die Fahne geheftet, Nordkoreas Sanktionsverstösse auch ausserhalb der Uno zu verfolgen. Das sogenannte Multilateral Sanctions Monitoring Team (angeführt von den USA, Japan, Grossbritannien, Deutschland, Frankreich und Italien) ist eine Gruppe von Ländern, die Kims unlautere Machenschaften dokumentiert – und so den Druck auf Nordkorea erhöht. Das Gremium benennt etwa Tarnfirmen, Frachtschiffe und Einzelpersonen. Dies ermöglicht es den Partnerstaaten, Sanktionslisten zu aktualisieren und Schiffe in Häfen festzusetzen.Wer dem Treiben der Autokraten-Achse tatenlos zuschaut, nimmt in Kauf, dass die Verbreitung von Atomwaffen zur Norm wird, gewaltsame Grenzverschiebungen toleriert werden und despotische Regime ihren Aktionsradius ständig ausweiten.Allerdings darf der Westen seinen Einfluss nicht überschätzen. Das internationale Regelsystem stösst dort an seine Grenzen, wo ausgerechnet ständige Mitglieder des Uno-Sicherheitsrates dessen Beschlüsse unterlaufen. Demokratien können die Autokraten nicht zur Kooperation zwingen. Sie können ihnen aber die Geschäfte erschweren, ihre Helfer ins Visier nehmen und die Schlupflöcher in den eigenen Märkten schliessen. Die Achse der Autokraten löst sich damit keineswegs auf. Doch ihre Schlagkraft lässt sich mindern.Passend zum Artikel